Geschichten aus der Fremde

Offenbach - Migrant en in Offenbach – dazu gibt es viel zu sagen. Sie sind mittendrin und doch nicht dabei. Und so lautete denn auch der Titel einer Diskussionsrunde, zu der der Deutsche Gewerkschaftsbund die vier Offenbacher Oberbürgermeisterkandidaten gebeten hatte. Von Stefan Mangold

Anfangs erinnern Oberbürgermeister Horst Schneider (SPD) und Bürgermeisterin Birgit Simon (Grüne) an die Erkenntnis Karl Valentins: „Fremd ist der Fremde nur in der Fremde“. Schneider erzählt, wie er und seine Frau einmal in Tunesien als einzige Weiße über einen Marktplatz gelaufen seien, „ein seltsames Gefühl“. Simon berichtet von ihrer Hilflosigkeit während eines Aufenthalts vor 19 Jahren in Oberägypten, als bei Aufständen Panzer aufgezogen waren, „und mir keiner sagen wollte, was passiert“. Wiebke Rannenberg, die mit entspannter Leichtigkeit durch den Abend moderiert, hatte den Kandidaten die Frage gestellt, ob sie sich schon einmal fremd gefühlt haben.

„Als Polakensau haben sie mich beschimpft“

Der parteilose Uwe Kampmann erinnert sich, wie er sich nach der Flucht mit der Mutter aus der DDR fremd in der Schule gefühlt habe, „als Polakensau haben sie mich beschimpft“. Peter Freier (CDU) spricht von Aufenthalten in Saudi-Arabien als Kind, wo sein Vater als Monteur arbeitete. Als dieser einen Blinddarmdurchbruch erlitt, „bekam er als Ungläubiger keine ärztliche Hilfe vor Ort“.

Nach dem lockeren Beginn leitet die Moderatorin zu einem kniffligen Thema über, dem Haushalt der Stadt. Birgit Simon versichert, die Ausgaben für Bildung und Erziehung seien in Offenbach ungefährdet, trotz der Sparvorgaben des Regierungspräsidenten. Peter Freier stimmt zu, wirft aber ein, künftig sollten Fördermaßnahmen „nach Erfolg und Effizienz abgeklopft werden“. Horst Schneider beklagt „eine verzerrte Debatte zur Haushaltssanierung“. Offenbach gebe 354 Millionen Euro jährlich aus, „nur über 12 Millionen können wir frei verfügen“. Der Rest unterliege gesetzlichen Vorgaben.

Integrationspolitik täglich

Dann geht es ums eigentliche Thema: die Situation der Migranten. Gegen ein Dezernat für Integration hätte Birgit Simon an sich nichts einzuwenden. Dafür eintreten will sie aber nicht. „Das Geld fehlt.“ Horst Schneider hält das für gänzlich überflüssig, „wir betreiben täglich Integrationspolitik“. Cohn-Bendit habe in Frankfurt als Dezernent für multikulturelle Angelegenheiten „reine Symbolpolitik“ betrieben. Auch Peter Freier zementiert „ein klares Nein. Über die Symbolnummer sind wir weg!“

Dem kommunalen Wahlrecht für Nicht-EU-Bürger erteilt Freier ebenfalls eine Absage. Die sollten „das liberale Einbürgerungsrecht“ nutzen. Simon hingegen tritt für das Wahlrecht all derer ein, „die zwischen drei und fünf Jahren hier leben“. Das stärke das Gemeinschaftsgefühl - was sich jedoch schwer bilden könne, wenn das Recht nur wenige nutzten. Denn die Bürgermeisterin weiß, „dass sehr viele, die längst die Staatsbürgerschaft erworben haben, nicht wählen gehen“. Was auch Abdelkader Rafoud bestätigt, der Vorsitzende des Ausländerbeirats. Rafoud erzählt von seinem marokkanischen Großvater. Dessen Credo lautete, „ihr müsst euch ums Essen und Trinken kümmern, nicht um die Politik.“ Der Enkel dagegen appelliert heute vehement dafür, „wählen zu gehen, um ein Zeichen zu setzen“.

Erzieherinnen in Kindergärten ohne Kopftüchern  

Auch das Thema Kopftuch steht auf der Agenda des Abends. In Offenbach dürfen Erzieherinnen in Kindergärten keines tragen. „Es gibt keinen Zwang im Glauben im Islam“, gibt ein junger Mann zu bedenken. „Die Frauen tragen das freiwillig.“ Freier sagt „Ja“ zum Verbot. Für ihn bilden Schulen und Kindergärten einen weltanschaulich neutralen Raum. Kampmann wiederum hat sich noch keine feste Meinung gebildet, „bei manchen Eltern könnte es Vertrauen schaffen, wenn sie einen tiefen Glauben vermuten“. Schneider will hier lieber kein Fass aufmachen, ebenso wenig Simon. Sie fürchtet: „Wenn wir das ändern, gibt es fruchtlosen Streit“.

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