Geschichten aus der Leibniz-Penne

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Das Leibniz-Gymnasium

Offenbach - Der Altbau der Leibnizschule an der Parkstraße ist 100 Jahre alt. 1909 wurde das Baudenkmal als Großherzogliches Knabengymnasium in Anlehnung an die traditionelle Schlossarchitektur des 18. Jahrhunderts mit gestalterischen Elementen des Jugendstils erbaut.

Die Offenbach-Post hatte ehemalige Leibnizer aufgefordert, ihr Erinnerungen an die Zeit in der Parkstraße zukommen zu lassen. Ein fleißiger Schreiber war Leser Hans Schinke, der uns zahlreiche Geschichten Leibnizgeschichten aus den Schuljahren 1956 bis Februar 1965 schickte.

Eine unvergessliche Lektion

In der Obertertia lag unser Klassenraum ganz oben im Dachgeschoss. Der Weg zum Schulhof war uns zu weit, so dass wir die Pausen gegen die Vorschriften meist in der Klasse verbrachten. Pausenaufsicht führte damals zeitweilig der von uns allen gefürchtete Chemielehrer Sch., der uns in einer der Pausen auflauerte, als wir wohl im Klassenzimmer etwas zu laut geworden waren und dadurch auffielen. Urplötzlich riss er die Tür auf, und alle, deren er habhaft werden konnte, bekamen einen Eintrag ins Klassenbuch. Die Älteren unter uns, die bereits eine Runde gedreht hatten (die sog. Repetenten), sannen auf Rache. Einige Tage später, als der gleiche Lehrer wieder Pausenaufsicht führte, hängten sie die Tür zum Klassenzimmer aus und platzierten sie ganz vorsichtig auf den Türzapfen. In der ersten Pause brüllten und lärmten wir auf Kommando so laut wir konnten, um den Lehrer anzulocken, was auch klappte. Wieder riss er die Tür auf, um uns zu überraschen. Doch dieses Mal fiel die Tür auf ihn, seine Beine zappelten ins Leere. Ehe er sich befreien konnte, flüchteten wir aus dem Klassenzimmer und verdrückten uns auf dem Schulhof. Nie wieder wurden wir von diesem Zeitpunkt an von der Aufsicht belästigt, wenn wir uns in der Pause im Klassenraum aufhielten.

Malaria

Eines Tages verblüffte uns Chemielehrer Sch. gänzlich unvermittelt und zu unser aller Überraschung mit der Mitteilung: „Meine Herren, ich hatte im Krieg Malaria. Da gibt es nur zwei Möglichkeiten. Man stirbt oder man wird blöde.“

Der Herr Direktor und ich

Unvergessen Hausmeister Hofmann, wegen einer Kriegsverletzung am Bein nur „der Humpel“ genannt. Als ehemaliger Weltkriegs-II-Teilnehmer führte er in der Schule ein soldatisch-militärisches Regiment und war entsprechend bei allen Schülern, zumindest den jüngeren, gefürchtet. Seiner Selbsteinschätzung nach war er der erste Mann an der Leibnizschule „Ich und der Herr Direktor haben beschlossen….“. Wenn er nicht zu hören war, so war er doch stets zu riechen, weil sein immerwährend qualmender Stumpen Treppenhaus und Flur mit seinem Gestank erfüllte. Seine Knute, unter der wir jüngeren Schüler litten, ließ Rachegedanken wachsen. Einer der Mitschüler hatte aus der Werkstatt seines Vaters Metallplättchen mitgebracht. Wenn man die auf den Boden warf, klang es so, als ob Glas zerbreche. Eines Tages, als unser „Humpel“ gerade im Erdgeschoss seine Kontrollrunden drehte, warfen wir im 2. Stock die Metallplättchen auf den Fliesenboden. In der Annahme, die bösen Buben hätten dort gerade Fensterscheiben eingeschlagen, kam „Humpel“ die Treppen heraufgeschnauft. Wegen seiner Beinprothese tat er sich natürlich schwer. Und weil es dauerte, hatten wir Gelegenheit, uns im 3. Stock zu verstecken und zu beobachten, was jetzt kommen würde. Endlich war „Humpel“ im 2. Stock angelangt, kontrollierte sorgfältig sämtliche Fenster, konnte jedoch keinen Schaden entdecken. Kopfschüttelnd machte er sich wieder auf den Weg in sein Hausmeisterkabuff. Beim Qualm seines Stumpens mag er darüber nachgedacht haben, ob er wohl einer Sinnestäuschung aufgesessen sein könnte.

„Wohl sitzengeblieben wie?“

Eines Tages besuchte Dr. Pauly, vom Direktor zum Oberschulrat in Darmstadt aufgestiegen, die Schule, um sich selbst ein Bild vom ordnungsgemäßen Unterricht zu machen. Dr. Pauly bewegte sich immer etwas steif und fiel auf durch seine „Wiedehopffrisur“. Dr. Stork, unser Mathelehrer, betreute zu dieser Zeit einen jungen Referendar, der unter uns Platz genommen hatte, als sich die Tür öffnete und Dr. Pauly hereinkam. Dr. Pauly ging gemessenen Schritts durch die Reihen, musterte jeden Schüler einzeln und blieb dann nachdenklich vor dem Referendar stehen: „Etwas zu alt, was. Wohl mehrfach sitzen geblieben?“ Die stotternden Erklärungen des bis in Haarwurzeln erröteten Referendars gingen in unserem schallenden Gelächter unter.

Der wichtigste Mann an Bord

Unser Klassenlehrer in der Oberstufe mit den Fächern Englisch und Französisch war Dr. phil. Klaus Struck (Promotion in Graz), der als Tennisspieler im OTC trotz seines mächtigen Bauches („Alles Muskeln, mein Herren“) durch sein ausgezeichnetes Stellungsspiel auffiel und uns bei Klassenfahrten im Ausland immer vorstellte als „Herr Professor Struck mit seinen Studenten“.Vom Krieg erzählte er wenig, im Unterschied zu manchen, kriegstraumatisierten Kollegen, die ganz schnell den Weg vom Gallischen Krieg zu den Schlachtordnungen in Russland fanden. Wenn er etwas erzählte, dann von seiner Funktion im Bomberflugzug: „Der wichtigste Mann an Bord meine Herren ist immer der Funker. Ich war Funker.“

Impfung gegen Kinderlähmung

Dr. Struck hatte angeblich einige Semester Medizin studiert, zumindest bildete er sich auf seine Medizinkenntnisse etwas ein. Als damals die Schluckimpfung gegen Kinderlähmung abgelöst wurde durch die Spritzimpfung, meinte er, dass man bei der Dosierung sehr vorsichtig sein müsse. Da rief ein Mitschüler laut in die Klasse: „Ein Liter Impfflüssigkeit kann bereits zu viel sein!“, worauf hin ihm Dr. Struck etwas geistesabwesend antwortete: „Mein Lieber, der eine verträgt’s, der andere nicht.“

Jerry Cotton

Wenn ihn der Unterricht in Englisch oder Französisch bei Dr. Klaus Struck langweilte, las Klassenkamerad Gerd Mädler, der Sohn des berühmten Konsul Mädler, hinter hochgestelltem Lehrbuch die spannenden Geschichten von Jerry Cotton. Eines Tages muss ihn wohl der Hafer gestochen haben. Mehrfach rief er aus seiner Deckung heraus in Richtung Dr. Struck: „Du dicker Buddha du, was willst du überhaupt hier!“, und glaubte wohl, der höre dies nicht. Weit gefehlt. Nach dem dritten Mal steuerte Dr. Struck die Bank von Gerd Mädler an, stellte sich vor ihn und sprach: „ Mein lieber Herr Mädler, wenn Sie so zu mir reden, dann können Sie ja gleich Klaus zu mir sagen.“

Unterrichtsbefreiung

Eines Tages hatte ich keine Lust, am Englischunterricht von Dr. Struck teilzunehmen und stellte mich in eine Fensternische, die mich gut verdeckte, da die Mauern der Leibnizschule sehr dick waren. Nach einiger Zeit fiel Dr. Struck mein Fehlen auf, und er fragte nach mir. Ich stünde am Fenster in der Nische, weil ich frische Luft bräuchte. Ich hätte offensichtlich eine akute Kreislaufschwäche. Sofort kam Dr. Struck zu mir, massierte mir die Schläfen und schaute mir besorgt in die Augen. Auf der Stelle wurde mein Banknachbar, Gerd Wolf, beauftragt, mich nach Hause zu begleiten, verbunden mit dem Ratschlag, einen Piccolo zu trinken, denn Sekt belebe den Kreislauf wieder. Den Ratschlag habe ich nicht beherzigt, wohl aber den freien Tag zu Hause sehr genossen.

Pfarrer Wissel sei Dank

Pfarrer Ludwig Wissel war unser herzensguter katholischer Religionslehrer, dem ich heute noch Abbitte für manche Provokation leisten müsste. Als wir in der Obersekunda eine Englischarbeit bei Dr. Struck schrieben, gelang es Gerd Wolf, nachdem die Hefte am Ende der Stunde bereits eingesammelt waren, ein paar Hefte aus dem Stapel herauszuziehen, um noch einige Fehler im Nachgang korrigieren zu können.

Mein Heft war auch dabei. Ich brauchte aber so lange für die Nachkorrektur, dass Dr. Struck das Klassenzimmer längst verlassen hatte, als ich endlich fertig war. Mit klopfendem Herzen jagte ich ihm durch die Flure und Gänge nach, konnte ihn aber nicht mehr finden.

Schließlich blieb ich mit dem Heft in der Hand vor dem Lehrerzimmer stehen, als Pfarrer Wissel auftauchte. Ich machte ihm die missliche Situation klar, natürlich unvollständig. Unverzüglich holte er Dr. Struck aus dem Klassenzimmer und bürgte für mich. Ich sei ein tiefreligiöser Schüler, ehrlich bis auf die Knochen und über jeden Betrugsverdacht erhaben. Dr. Struck nahm darauf hin mein Heft an sich. Und mir fiel ein Stein vom Herzen. Pfarrer Wissel, haben Sie Dank!

Neue Besen kehren gut

Im Laufe des Jahres 1963 kam Dr. Ernst-Jürgen Freese in Nachfolge von Dr. Pauly als Direktor an die Leibnizschule. In der Interimszeit war ein gewisser Schlendrian eingerissen, was morgens die Pünktlichkeit anging. Eigentlich sollte der Unterricht um 7:45 Uhr beginnen, aber noch danach drängten sich Schüler und auch Lehrer durch die schwere Schultür.

Mit dem Dienstantritt von Dr. Freese änderte sich das schlagartig. Ein paar Tage hatte er dem Schlendrian zugesehen. Am nächsten Tag stand er ab 7:30 Uhr mit einem Referendar zur Seite vor dem Schultor. Umbarmherzig und ohne Ansehen der Person wurde jeder notiert, der zu spät kam, ob Schüler oder Lehrer.

Nach drei Tagen waren die alten Verhältnisse wieder hergestellt, und niemand hätte es mehr gewagt, zu spät zum Unterricht zu kommen.

Das 3-fach-Abitur

Mit Einschreiben vom 15. Januar 1965 erhielten meine zutiefst geschockten Eltern die Mitteilung der Schule, „dass Ihr Sohn Hans bei der schriftlichen Reifeprüfung in Mathematik infolge falsch verstandener Kameradschaft mehreren Mitschülern bei einer Täuschung Vorschub geleistet hat, indem er ihnen Teile seiner Arbeit zum Abschreiben zur Verfügung stellte.“ Ich kam mit einer Verwarnung davon. Die Mitschüler jedoch, denen ich „geholfen“ hatte, mussten die Mathearbeit nachschreiben. Deren Ergebnis fiel aber so katastrophal schlecht aus, dass die erste Arbeit überhaupt nicht bewertet werden konnte. Darauf hin musste die ganze Klasse die Mathearbeit noch einmal nachschreiben. Dieses Mal im Zeichensaal an Einzeltischen - meterweit voneinander getrennt. Erst danach erhielten wir unsere Abiturzeugnisse in einer Feierstunde ausgehändigt – exklusiv nur für unsere Klasse, da die Parallelklassen längst verabschiedet worden waren. Wer kann schon von sich sagen, dass er dreimal in Mathe die Abiturprüfung abgelegt hat?

Unerklärlicher Leistungsabfall

In der Obertertia bekamen wir für einige Monate eine französische Referendarin, der wir sofort erklärten, dass an der Leibnizschule im Unterricht die Bänke zusammen geschoben werden müssten. Da sie es nicht besser wusste, ließ sie die neue Tischordnung zu, die natürlich dem Abschreiben außerordentlich förderlich war.

Entsprechend gut und erfreulich fielen bei den kommenden Klassenarbeiten unsere Noten aus. Bei der Übergabe an den neuen Französischlehrer im nächsten Schuljahr lobte Madame unsere ausgezeichneten schriftlichen Kenntnisse der französischen Sprache. Da der neue Lehrer wieder auf der alten Tischordnung bestand, kam es bereits bei den ersten Klassenarbeiten zu einem unerklärlichen Leistungsabfall. Der Lehrer warf uns Arbeitsverweigerung und Sabotage gegen ihn vor. Wir wollten ihn wohl loswerden. Die Wahrheit konnten wir ihm aber nicht sagen. Wir gaben ja bereits unser Bestes.

Die unverdiente Pause

Es muss wohl in der Quinta gewesen sein, als wir eine neue, etwas unbedarfte Lehrerin bekamen, die die Gepflogenheiten an der Schule noch nicht kannte. Insbesondere der Unterschied zwischen der Schulglocke, die zur Pause läutete und dem Gemüsehändler, der zu einer bestimmten Zeit in der Parkstraße mit seiner eigenen Glocke sein Kommen ankündigte, war ihr noch nicht geläufig. Diese Unkenntnis nützten wir am Anfang einige Male schamlos aus, indem wir beim ersten Läuten des Gemüsehändlers laut: „Es ist jetzt Pause!!!“ schrieen und schlagartig den Raum verließen. Bis die Junglehrerin auf ihrer Uhr nachgesehen und fest gestellt hatte, dass dem doch nicht sein könne, hatten wir uns bereits auf der Jungentoilette versteckt, die sie nicht aufsuchen konnte. Leider klappte der Trick nur ein paar Mal.

Hitzefrei

Selbst bei großer Hitze konnte man es in der Leibnizschule ganz gut aushalten, es sei dann, man hatte Unterricht unter dem Dach, wo die Hitze sich staute. Damals hatte noch jedes Klassenzimmer sein eigenes Thermometer, um individuell feststellen zu können, ob die Voraussetzungen für hitzefrei erfüllt waren. Diesen Umstand machten wir uns zunutze und halfen an einem warmen Sommertag mit einem Streichholz nach, die Quecksilbersäule auf über 30 Grad zu treiben. Kaum hatte die Lehrkraft die Klasse betreten, klagten wir unisono über Schwüle, Kopfschmerzen und unerträgliche Hitze. Und in der Tat, als die Lehrkraft an das Thermometer trat, um die Ursache unserer Klagen zu verifizieren, sah sie uns bestätigt.

Wir bekamen sofort hitzefrei und verließen schnurstracks die Schule. Als der Lehrer kurz danach die Hitzegrade in unserem Klassenzimmer mit dem Thermometer bei der sehr aparten Schulsekretärin, Frau Graf, verglich, musste er feststellen, dass er einem gemeinen Betrug aufgesessen war. Aber da war es bereits zu spät.

Sprachschöpfung

Physik hatten wir auch bei Lehrer Sch., auch „Gips“ genannt, vermutlich deshalb, weil ihm angeblich bereits der Kalk aus seinen kleinen Stiefelchen rieselte. Aber ganz so verkalkt war er dann doch nicht, denn als ihn ein Schüler eines Tages bei einem Versuch zum Magnetismus fragte, wie denn die Mehrzahl von Kompass laute, antwortete er schlagfertig: „Dann sagen wir doch einfach Kompassnadeln.“

Ein seltsamer Eintrag

Bei einem Physikversuch versuchte uns „Gips“ die Gesetze der Lichtbrechung beizubringen, indem er Zigarettenrauch zwischen die erhellten Linsen blies. Da der Raum abgedunkelt war, war die Gelegenheit günstig: Einer von uns drehte den Wasserhahn auf, richtete den Ablaufschlauch auf Gips’ Zigarette, und schon war die Glut aus. Ein Aufschrei und die unmissverständliche Anweisung, uns sofort auf die Plätze im ansteigenden Physiksaal zu begeben und die Rollos hoch zu drehen. Dann wurden 43 Schüler einzeln befragt: „Warst du es? „Nein“, bis alle durch waren. Eine kurze Überlegung nur, dann kam „Gips“ zu folgenden Entscheidung: „Einer der befragten Schüler muss gelogen haben, und den trage ich jetzt ein.“

Da ihm das Ganze selbst wohl wenig plausibel erschien, nahm er erneut jeden einzelnen Schüler ins Visier. Und dabei passierte es. Unser Klassenkamerad W. wurde bei der Befragung nervös, verlor die Nerven und bekannte sich zu seiner Schuld. Daraufhin ergänzte Gips den Eintrag wie folgt: „W. wurde bleich. Er ist schuldig.“

Armes Würstchen

Eines Tages wurden wir Schüler nebst Kollegium und Direktor Dr. Pauly in die Turnhalle eingeladen. Ein externer Fachmann sollte uns Experimente mit flüssiger Luft zeigen. Die Vorführung war extrem spannend und schlug uns in ihren Bann. Besonders ein Experiment ist mir noch in Erinnerung: Der Experte tauchte ein paar Frankfurter Würstchen in den Behälter mit der flüssigen Luft, so dass sie auf der Stelle gefroren. Dann ging er durch die Reihen und schlug jedem, den er treffen konnte, die Würstchen auf den Kopf, damit das Opfer die Ergebnisse der Verflüssigung auch am lebenden Objekt nachvollziehen könne.

Als der Experte bemerkte, dass bei den „Versuchspersonen“ auch Direktor Pauly dabei war, entschuldigte er sich flugs mit den Worten: „Armes Würstchen.“ Der Rest der Entschuldigung ging im Gelächter der Schüler unter.

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