Gesetz des Dschungels

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Verbindung unterbrochen: Wenn‘s um persönliche Daten geht, sollten sich Internetnutzer bedeckt halten. Und selbst das bietet nicht immer ausreichenden Schutz.

Offenbach ‐ Abzocke per Telefon oder Internet ist leider schon ein alter Hut. Dreiste Betrüger legen regelmäßig eine erstaunlicherweise immer noch große Zahl unvorsichtiger Menschen aufs Kreuz, die ihre Daten preisgegeben haben oder auf illusorische Gewinnversprechen reingefallen sind. Von Ralf Enders

Seltener sind die Fälle, in denen man Betrugsopfer wird, ohne etwas dafür getan zu haben. So ist es dem Offenbacher Rentner Willi Heckwolf (Name von der Redaktion geändert) geschehen. Die gute Nachricht vorweg: Es ging nur um 4,99 Euro und Heckwolf hat sein Geld wieder. Aber der agile Mann lässt nicht locker und möchte wissen, wer ihn da betrügen wollte. Die Spur führt in den Dschungel der Telekommunikations-, Gewinnspiel- und Werbeunternehmen und gibt Einblicke in eine Branche, in der sich neben seriösen Dienstleistern viele Abzocker tummeln.

Der Reihe nach: Anfang Februar staunt Willi Heckwolf nicht schlecht, als er seine Kontoauszüge kontrolliert: „4,99 Soll“ steht da, abgebucht von „Pay4-Lottowin24“ bei einer Privatbank in Nordrhein-Westfalen. Weitere Vermerke sind eine Transaktionsnummer, eine 0180er-Telefonnummer und die Internetadresse http://www.lottowin24.com. Noch am gleichen Tag lässt Heckwolf die 4,99 Euro zurückbuchen.

„Eine unverständliche Stimme auf Englisch“

Lottowin24 verspricht seinen Kunden, monatlich 300 Gewinnspiele im Internet zu bündeln und für sie daran teilzunehmen. Glückliche Gewinner wie „Angelika S.“ (Mittelmeerkreuzfahrt für zwei Personen) künden von der Effektivität der Methode. Kurzum: Gewinnspiel-Unsinn, den keiner braucht, der bei Verstand ist. Die 0180er Telefonnummer, die Heckwolf für 14 Cent pro Minute anruft, ist nicht seriöser. „Eine unverständliche Stimme auf Englisch“, berichtet der 65-Jährige. Ebenso unverständlich ist ihm, wie er in die Maschen von Lottowin24 geraten ist. „Ich habe weder Computer noch Internetanschluss, stehe noch nicht mal im Telefonbuch“, berichtet er. Die Teilnahme an den Gewinnspielen und das Abschließen eines Vertrags ist jedoch nur mit E-Mail-Adresse möglich.

Heckwolf vermutet, dass jemand einen von ihm achtlos weggeworfenen Einkaufszettel mit seiner Bankverbindung benutzt hat. Möglich, aber nicht sehr wahrscheinlich, denn fast alle Geschäfte, bei denen mit EC-Karte gezahlt werden kann, anonymisieren die Zahlungsbelege, indem sie die letzten Ziffern der Bankverbindung durch „XXX“ ersetzen. Plausibler erscheint es, dass die Abzocker das Geld mit illegal kopierten Bankdaten abgebucht haben. Die Quelle jedoch ist kaum auszumachen; jeder, der irgendwann einmal seine Bankverbindung etwa für eine Lotterie oder ein Gewinnspiel benutzt hat, ist prinzipiell gefährdet. Wichtig für Verbraucher ist es, die Kontobewegungen regelmäßig auf solche Abbuchungen zu kontrollieren und das Geld innerhalb von sechs Wochen wieder zurückzuholen.

Heckwolf ist sauer, schreibt an die Bundesnetzagentur und bittet um Auskunft, wer sich hinter der Telefonnummer verbirgt. Antwort: die „SNT Multiconnect GmbH & Co KG“ aus München. Der „Telekommunikations- und Medienspezialist für die Kundendialogbranche“ ist eine 100-prozentige Tochter der SNT Deutschland AG, mit etwa 4 600 Mitarbeitern einer der wichtigsten Callcenter-Anbieter Deutschlands. Bis 2006 hat SNT auch ein Callcenter in Dietzenbach betrieben. Die Tochter SNT Multiconnect verdient ihr Geld mit Leistungen, die so heißen: multiACD, multiAddress, multiPay, multiInkasso, multiFaxSolutions, multiNumberCheck, multiCallBack, multiVoiceSolutions usw. Kurz: SNT besorgt seinen Kunden die Telefon-, Fax- und Mailadressen potentieller Kunden und bietet die technische Infrastruktur für Werbung aller Art. Das Unternehmen gilt als seriös, zu seinen Kunden zählen SNT zufolge etwa Unicef und der Bund der Steuerzahler.

Lottowin24 hat seinen Firmensitz in den USA

„Wir können natürlich nicht wissen, was die Dienstleister, die unsere Rufnummern nutzen, machen“, sagt die Pressesprecherin von SNT-Multiconnect, Jutta Lorberg. Über Lottowin24 gebe es noch keine Beschwerden. Das kann daran liegen, dass SNT-Multiconnect die betreffende Rufnummer an die „comsys Deutschland GmbH“ vergeben hat, in diesem Fall ein sogenannter Reseller, der die Nummer wiederum untervermietet.

„Generell gilt: Werden uns Verstöße gegen geltendes Recht bekannt, fordern wir umgehend eine Stellungnahme des Unternehmens und beenden gegebenenfalls die Vertragsbeziehung.“ Dass SNT von der Bundesnetzagentur als Betreiber genannt werde, sei unerheblich, denn der Anbieter sei für die Inhalte verantwortlich.

Für Willi Heckwolf wird die Sache damit kompliziert. Denn Lottowin24 hat seinen Firmensitz in den USA, genauer bei der „Europe Payment Ltd“ an der First Avenue in New York. Es gilt das Recht der USA, Gerichtsstand ist New York. Unter der New Yorker Telefonnummer ist niemand zu erreichen. Immerhin gibt es unter der „Deutschen Kunden Service-Hotline“ 0180 ... bei unserem Testanruf nicht wie bei Willi Heckwolf unverständliches Englisch, sondern sonnige Warteschleifenmusik mit Werbung für „tecadress.com“.

Das ist eigenen Angaben zufolge „Europas führender Email List Provider“. Allein in Deutschland will Tecadress 40 Millionen E-Mail-Adressen im Bestand haben - bei geschätzten 100 Millionen Adressen insgesamt eine mehr als selbstbewusste Angabe. Tecadress hat den gleichen Firmensitz wie Lottowin24 an der First Avenue in New York, mit Larry Leroy Wolfe den gleichen Geschäftsführer und „genießt“ in zahlreichen Blogs und Foren zum Thema Abzocke einen miserablen Ruf.

Adresshandel ist ein lukratives Geschäft

Daran ist vor allem Stefan Liebler schuld. Der Schweizer und ehemalige Tecadress-„Aufsichtsratsvorsitzende“ steht der Schweizer Handelsregister-Seite „moneyhouse.ch“ zufolge mit nicht weniger als 42 Firmen in Verbindung, 25 aktiven und 17 gelöschten. In Blogger- und Forenkreisen fällt Liebler vor allem dadurch auf, dass er die Teilnehmer mit Spams überschüttet, in denen für Online-Kasinos und Pokerrunden geworben wird. Er gilt dort als Botnetzbetreiber, das heißt, er sammelt E-Mail-Adressen, kopiert unerlaubt Inhalte oder spioniert Softwarelücken von Servern aus.

Der Adresshandel ist ein lukratives Geschäft. Dem Chaos Computer Club zufolge sind in Deutschland etwa 1 300 Adresshändler registriert (Stand: 2008), bei denen Unternehmen die Adressen und vor allem die personenbezogenen Daten ihrer potenziellen Kunden kaufen können. Junge Familie mit Kindern? An Erotik-Artikeln interessiert? Potenzieller Käufer eines Luxusautos? Wellness-begeistert? Für alle Interessen der Werbung gibt‘s die passenden Adressen - auf Wunsch sortiert nach Kaufkraft, Alter und Geschlecht für die gezielte Ansprache. Und es sind beileibe nicht nur zwielichtige Briefkastenfirmen, die Vorlieben ausspionieren. Die Bertelsmann-Tochter „AZ Direct“ etwa wirbt: „Über 40 Millionen Privatadressen und mehr als 3 Millionen bonitätsgeprüfte Firmenadressen stehen für Ihre Neukundengewinnung zur Auswahl. Profitieren Sie von mehr als 200 Merkmalen zur Eingrenzung Ihrer Wunsch-Zielgruppe.“

Eine Klage erscheint zeit- und geldraubend

Ein Dschungel verbirgt sich also hinter den 4,99 Euro, die Willi Heckwolf vom Konto in Offenbach abgebucht wurden. Ein Dschungel, in dem sich der Rentner freilich nicht zurechtfindet. Sein Gang auf der Suche nach Gerechtigkeit führte ihn zur Polizei in Offenbach. Die jedoch beschied ihm, dass er sein Geld ja zurückhabe, mithin kein Schaden entstanden sei, mithin kein Grund für Ermittlungen bestehe.

Heckwolf hat sich nun, den Angaben der Bundesnetzagentur gemäß, an SNT-Multiconnect in München gewandt, um die „ladungsfähige Anschrift“ des Dienstleistungsanbieters zu erhalten. Die ist in den USA. Eine Klage erscheint zeit- und geldraubend, aussichtslos. Bleibt dem Rentner nur die Mahnung an andere Betroffene: Kontoauszüge kontrollieren, sich nichts gefallen lassen, auf die Hinterfüße stellen, hartnäckig bleiben.

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