Experten-Infos zur Deich-Verstärkung

Offenbach ‐ Horst Schneider hat sich einen wärmenden Rollkragenpullover übergestreift, die SPD-Stadtverordnete Ulla Peppler wärmt die Finger mit Handschuhen. Von Martin Kuhn

Bei nahezu milden Frühlingstemperaturen wirkt das am frühen Samstagmorgen beinahe etwas übertrieben. In der heißen Phase der Planungswerkstatt Maindeich (Samstag, 22. Januar) werden die beiden nichts Wärmendes mehr benötigen. Engagierte Offenbacher werden Verwaltungschef und Volksvertretern einheizen. Denn die Vergangenheit hat stets gezeigt: Wenn’s in der Stadt um den Erhalt nur eines Baums geht, sind die Nerven ähnlich angespannt wie aktuell die Hochwasser-Situation an Main und Kinzig. Und entlang der Mainstraße stehen nicht wenige Bäume.

Bei den Ortsterminen in Offenbach und Rumpenheim informieren die Fachleute detailreich, fachlich, manch’ einer würde kritisch anmerken: ungetrübt von lokalen Befindlichkeiten. Die verschiedenen Varianten werden präsentiert, die interessierten Teilnehmer wägen das Für und Wider ab, ganz nebenbei gibt ein Bauingenieur seine wohl zutreffende Einschätzung ab: „Wenn wir in diesem Jahr nicht zwei Wahlen hätten, wäre die Sache längst entschieden.“

Damit sind die Kommunalwahl im Frühjahr und die Oberbürgermeister-Direktwahl im Herbst gemeint. Das lässt die Schlussfolgerung zu: Das Bauwerk, das künftig Offenbach vor einem für alle 200 Jahre prognostizierten Hochwasser schützt, fußt sicher auf dem einen oder anderen Kompromiss.

Bilder vom Info-Treffen auf dem Deich:

Experten-Infos zur Verstärkung der Deiche

Egal, welche Variante das Stadtparlament beschließt, eines darf nicht vergessen werden: Das Regierungspräsidium (RP) muss in dem Planfeststellungsverfahren als übergeordnete Landesbehörde zustimmen. In Darmstadt wird geprüft und abgeschätzt, wie die Offenbacher ihre Deichabschnitte ertüchtigen möchten. Falls das nicht im Konsens und in absehbarer Zeit zu regeln ist, dürfte das RP sogar die Führung übernehmen. Und für Darmstadt hat Hochwasserschutz – das zeigt sich etwa 2006 in Bürgels Schöffenstraße – nichts mit Stadtbild und Stadtgrün zu tun, sondern ist allein als schlichtes technisches Bauwerk zu betrachten.

Bauverwalter, Katastrophenschützer und Ingenieure eint die Aussage: Der Offenbacher Maindeich ist zu niedrig, nicht stand- und somit nicht zukunftssicher. Was für Eltern, die ihre Kinder über das geschlossene Deichtor in Höhe des Isenburger Schlosses blicken lassen, ein imposantes Natur-Schauspiel ist, beschleunigt bei den professionellen Schützern nicht einmal den Puls: „Das ist gerade mal ein Hochwasser, wie es alle zehn Jahre vorkommt, nichts Aufregendes.“

Einen Damm kann man reparieren

Das Elbhochwasser 2002, dessen verheerenden Folgen bundesweit zur Ertüchtigung der Deiche führte, war gerade mal ein „100-Jähriges“. Für den Laien ist daher kaum vorstellbar, was ein für die Planer zur Berechnung so wichtiges 200-jähriges Hochwasser anrichten würde. Da hilft die lapidare Aussage eines Teilnehmers wenig: „So hoch steigt das Wasser hier nicht.“ Das dachten die Bewohner im australischen Brisbane sicher auch einmal.

Uwe Sauer, Feuerwehrchef und in dieser Funktion auch für den Katastrophenschutz zuständig, ist sichtlich entspannt – ganz Gegensatz zu seinen Frankfurter Amtskollegen: „Die müssen momentan richtig rödeln.“ Grund: Während Frankfurt über ein sogenanntes offenes Schutzsystem verfügt, hat Offenbach ein geschlossenes System. „Unsere Vorfahren haben da sehr weitsichtig gehandelt, als sie den Maindeich bauten.“ Daher sieht Sauer, der als Katastrophenschützer erst aktiv werden muss, wenn die „erste Verteidigungslinie gefallen ist“, die Diskussion um mögliche mobile Damm-Systeme äußerst kritisch. „Einen Damm kann man reparieren, bei mobilen Systemen ist das nahezu unmöglich.“ Handbücher und Vorschriften empfehlen in diesem Fall lapidar: Der jeweilige Abschnitt ist aufzugeben – das wäre die Offenbacher Innenstadt. Keine sehr beruhigenden Aussichten.

Detlef Weyel ist beim Stadtdienstleister ESO einer derjenigen, die lange vor Sauer die dreckigen Mainfluten eindämmen müssen. Er erklärt die Funktion der mobilen Systeme, mit denen die 14 Deichtore und die Schöffenstraße gesichert werden. In neun ausrangierten Übersee-Containern (Kaufpreis: jeweils 600 Euro) lagern Alu-Profile und -Schienen (Kosten: 480 Euro pro m²). Weyel: „Bis zu einer gewissen Größe ist das mit unserem Personal zu schaffen.“ Beispiel: Der Aufbau des Schutzes an der Schöffenstraße dauert drei Tage. Abbau, Reinigen, Pflege, Kontrolle sind da zeitlich noch nicht erfasst. So weit ein intensiver Blick auf technische Details.

„Wir sind die Bösen“

Anders sehen Stadtplaner den Maindamm. Sie schärfen das Auge für die Qualität des Freiraums vor der Deichmauer, „die Stadt und Fluss seit Jahrzehnten trennt“. So führen die Landschaftsarchitekten Annette Eschke und Ulrike Stockert aus, welche Wirkung das Öffnen des Schutzwalls in Höhe des Isenburger Schlosses haben könnte. Warum gerade an dieser Stelle? „Hier ist die Stadt dem Fluss ganz nah.“

Weniger beschaulich ist das, was der Sachverständige Eiko Leitsch ausführt. „Wir sind die Bösen“, begrüßt er mit seiner Mitarbeiterin die Gruppe. Verständlich, schließlich stellt er den Bäumen, die das Bild am Maindamm prägen, ein denkbar schlechtes Zeugnis aus und geht ins Detail. Aufliegende Wurzeln und selbst feinstes Wurzelgeflecht kaum einen Zentimeter tief im Boden belegen für ihn: „Die Wurzeln können hier überhaupt nicht in das Substrat eindringen.“ Die Linde, die so krampfhaft verzweigt nach Nährstoffen sucht und für Spaziergänger kerngesund aussieht, ist für Leitsch „noch der vitalste Baum“ – von gesund mag er gar nicht sprechen.

Was der Passant als gestandenen Baum erachtet, ist für ihn ein Jüngling. „Ich brauche Zeit und eine gewisse Demut, wenn’s um Bäume geht.“ Er stellt angesichts eines Klimawandels fest: „Wir müssen uns nicht nur in Offenbach Gedanken machen, welche Baumarten überhaupt noch für Städte geeignet sind.“ Eiko Leitsch rechnet da in etwas anderen Dimensionen: ein Baum lebe 150, 200 Jahre, vielleicht auch länger. Was hier auf dem Maindamm steht, ist für ihn – flapsig ausgedrückt – nicht mehr als eine temporäre Installationen.

Rubriklistenbild: © Georg

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