Verbindung zum Hehlermilieu

Getöteter Angler: Tochter bringt neue Wendung in Kriminalfall

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Der Tatort: Auf der Fechenheimer Seite nahe der Carl-Ulrich-Brücke wurde Dieter Grimm attackiert. Das Foto entstand im August 2007 bei der Rekonstruktion durch die Polizei.

Offenbach - Ein Angler wird am Mainufer ins Koma geprügelt, erlangt nie mehr das Bewusstsein. Fast ein Jahrzehnt später ist noch kein Schuldiger für Dieter Grimms Tod gefunden. Wer nicht aufgibt, ist seine Tochter. Ihre Vermutung rückt den Fall nun in ein anderes Licht. Von Sarah Neder

Yvonne Grimm trauert immer noch um ihren Vater. Die Ermittler gingen früher von einem Raub aus. Yvonne glaubt an ein anderes Motiv.

Eigentlich starb Dieter Grimm zwei Mal. Das erste Mal vor acht Jahren am Mainufer in Fechenheim, als dem wuchtigen 66-Jährigen das Bewusstsein aus dem Leib geschlagen wird. Das zweite Mal 16 Monate später in einem Pflegeheim in Bad König, als der Körper nicht mehr mitmacht. Grimms Tochter Yvonne, 25, findet sich auch sieben Jahre danach nicht mit dem Tod ihres Vaters ab. Denn sie will endlich wissen, wer ihn umgebracht hat. Doch obwohl die Frankfurter Staatsanwaltschaft eine Belohnung von 5000 Euro ausgesetzt hat und der Fall im vergangenen Jahr in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY ... ungelöst“ gezeigt wird, haben die Ermittler keine entscheidenden Hinweise bekommen. Zunächst gehen sie von einem Raubüberfall aus. Grimms Tochter glaubt von Anfang an nicht daran: „Das war kein Raub, das war Hass.“ Sie bringt ein anderes Motiv ins Spiel: Sie hält einen Racheakt aus kriminellen Kreisen für wahrscheinlich.

28. April 2007: Ein Radfahrer findet Dieter Grimm etwa hundert Meter östlich der Carl-Ulrich-Brücke im Gebüsch. Das Gesicht verformt, die Kleidung mit Blut verschmiert. Kurz darauf fliegt ein Helikopter den leblosen Körper in eine Frankfurter Notaufnahme. Schädeltrauma, Rippenbrüche, kollabierte Lunge: Es ist ein Tod auf Raten. Yvonne ist 16, als die damalige Lebensgefährtin ihres Vaters anruft. Es sei etwas passiert. Der Dieter sei beim Angeln zusammengeschlagen worden. Als Teenager, sagt Yvonne, konnte sie sich nicht vorstellen, dass Fäuste jemanden ins Koma bringen könnten. „Ich dachte, er hat eine gebrochene Nase oder so.“ Dann sieht sie ihn auf der Intensivstation. „Der Kopf war angeschwollen wie eine Melone. Überall war Blut.“ Ihre Augen werden feucht.

Der Tod ihres Vaters nimmt in Yvonnes Leben einen großen Platz ein. Daheim, im Offenbacher Nordend hat sie zwischen zwei beigen Ledersofas einen kleinen Schrein aufgebaut: Sein Porträt im Holzrahmen, vier Stumpenkerzen daneben. Die zündet sie an seinen beiden Todestagen an. Auf der Innenseite ihres linken Oberarms hat sie sich den Namen ihres Vaters tätowieren lassen. „Dieter“ in schwarzer, geschwungener Schrift. Obwohl Yvonne Grimm schon seit mehr als zwei Jahren in der Nähe des Mains wohnt, war sie seit der Tat nie mehr am Ufer. Zu groß ist der Schmerz, die Trauer, die Angst, wenn sie auf die andere Flussseite blickt.

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10. August 2007: Unsere Zeitung berichtet über die Rekonstruktion der Frankfurter Polizei. In der Aprilnacht muss es zu einem heftigen Kampf gekommen sein. Dieter Grimm wird mit einem stumpfen Gegenstand schwer an Kopf und Gesicht verletzt. Seine Geldbörse bleibt verschwunden. Angelruten und Campingstuhl stehen unverändert am Tatort. Nachbarn sagen aus, Grimm zuvor mit einem Mann in seiner Wohnung gehört zu haben. Wer sein Besucher war, kam nie ans Licht.

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Dieter Grimm soll sich schon lange in kriminellen Kreisen bewegt, soll Kontakte ins Frankfurter Rotlicht- und Hehlermilieu gehabt haben, erzählt seine Tochter. Bis Yvonne 13 Jahre alt wird, sitzt er wegen Einbrüchen fast ununterbrochen im Gefängnis. Die Staatsanwaltschaft will Verbindungen von Dieter Grimm in die kriminelle Szene nicht bestätigen. Doch Yvonne vermutet die Schuldigen im Milieu: „Vielleicht hat mein Vater irgendeine Dummheit gemacht, hat die Beute nicht geteilt.“ Fragen, die sich Yvonne Grimm seit Jahren stellt. Ein Treffen mit ihrem Vater kurz vor dem Angriff festigt den Verdacht.

1. Dezember 2006: Es ist Dieter Grimms Geburtstag. Yvonne und er sitzen in einer Kneipe. Nach ein paar Bieren sagt er: „Ich werde bald sterben. Du darfst dann nicht traurig sein.“ Doch sie ist es. Auch sieben Jahre später noch.

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