Getrübte Freude

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Die Jugendkriminalität - besonders die Gewalt- ist das größte Problem für die Polizei in der Region geworden. Eine relativ kleine Gruppe von Intensivtätern geht immer brutaler gegen Gleichaltrige oder Jüngere vor. Ansonsten hält die Polizeistatistik für 2009 allerlei Erfreuliches parat: So wenig Straftaten wie noch nie, so viele aufgeklärt wie noch nie.

Offenbach ‐ Im Bereich des Polizeipräsidiums Südosthessen liegt die Aufklärungsquote für Straftaten auf dem Rekordhoch von 54,2 Prozent. Oder aus Sicht der Ganoven: Wer eine Straftat begeht, wird mit größerer Wahrscheinlichkeit geschnappt, als dass er davonkommt. Von Ralf Enders

Das geht aus der Kriminalstatistik für 2009 hervor, die Polizeipräsident Heinrich Bernhardt gestern in Offenbach vorstellte. Auch die Zahl der erfassten Kriminalitätsfälle im Bereich des Präsidiums - Stadt und Kreis Offenbach, Hanau und der Main-Kinzig-Kreis - ist Bernhardt zufolge ein Rekordergebnis - ein Rekordtief. Ein paar Zahlen: 2009 gab es 51.618 Fälle, was 2407 Fälle oder 4,5 Prozent weniger gegenüber 2008 bedeutet. Seit 2004 ist die Zahl der registrierten Straftaten pro Jahr um mehr als 12.600 oder etwa 20 Prozent zurückgegangen. Es war die letzte Bilanz, die Bernhardt, der im Februar 65 Jahre alt wird und in den Ruhestand geht, vorstellte. Er hatte sein Amt im Oktober 2003 angetreten.

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Quasi überschattet wurde Bernhardts letzte Polizeistatistik von einem besonders brutalen Fall von Jugendgewalt: Wie gestern bekannt wurde, hat in Dreieich ein 14-Jähriger einen 12-Jährigen nach eigener Aussage „wie bei einem Fußball“ mit Tritten traktiert. Aus reiner „Lust“, wie der geständige Täter unverblümt zugab. Er ist für die Polizei kein unbeschriebenes Blatt und wurde Polizeisprecher Henry Faltin zufolge seinen Eltern übergeben. Bei gefährlicher oder schwerer Körperverletzung sehe das Gesetz dies so vor. Die Polizei erteilte ihm eine sogenannte Gefährderansprache und unterrichtete Staatsanwaltschaft und Jugendamt, „um koordinierte Maßnahmen der Behörden sofort auf den Weg zu bringen“.

Bernhardt musste bei allen Rekordmeldungen eingestehen, dass die Gewalt von Kindern und Jugendlichen gegen Gleichaltrige das größte Problem sei. Immer wieder schnappen die Beamten sogenannte Intensivtäter mit hunderten von Straftaten auf dem Kerbholz. Wie bereits im vergangenen Herbst plädierte er leidenschaftlich für neue Wege im Kampf gegen die Jugendgewalt. Der scheidende Polizeipräsident schlägt „virtuelle Häuser des Jugendrechts“ vor; konkret wirksame Einzelfallkonferenzen aller Beteiligten von Polizei, Jugendämtern, Staatsanwaltschaft und freien Trägern der Jugendhilfe. Helfe dies nicht, die Jugendlichen auf den rechten Weg zu bringen, müsse der Strafvollzug spürbar angewandt werden.

Zufrieden mit der Arbeit seiner Beamten

Geschehen sei jedoch nichts, „da bin ich gescheitert“, klagte Bernhardt und nahm gegen Ende seiner Amtszeit kein Blatt mehr vor den Mund: „Nach sechs Jahren als Polizeipräsident würde ich mich freuen, wenn die Jugendämter dies endlich begreifen und nicht immer abwiegelten.“

Und noch ein Problem beschäftigt die Ordnungshüter über Gebühr: Widerstand und Gewalt gegen Polizisten. Seit 1995, als 139 „Widerstandshandlungen“ registriert wurden, hat sich die Fallzahl um mehr als 50 Prozent auf 232 erhöht. Zu schaffen macht zudem die Intensität. Beleidigungen und Beschimpfungen seien an der Tagesordnung, besonders junge Polizistinnen sehen sich „sexistischen Sprüchen oder Macho-Gehabe“ ausgesetzt. Bernhardt plädiert für schärfere Strafen: „Die Polizisten halten den Kopf für die Öffentlichkeit hin, da haben sie den Schutz der Strafjustiz verdient.“

Ansonsten ist er zufrieden mit der Arbeit seiner Beamten 2009. Das heißt: 51.618 Straftaten - Rekordtief. 54,2 Prozent Aufklärungsquote - Rekordhoch. Mit einer Häufigkeitszahl (Fälle pro 100.000 Einwohner) von 5979 Punkten liege man deutlich unter dem Hessenschnitt von 6711.

Alle Details zur Kriminalstatistik 2009 finden sich im Internet auf der Seite der Polizei Hessen, dort „Dienststellen“ und „Südosthessen“

Freilich gibt es regionale Unterschiede: Während die Fallzahl in der Stadt Offenbach mit 13.033 Delikten etwa gleich geblieben ist, gab es im Kreis Offenbach einen Rückgang um 6,8 Prozent auf 18.030. In Hanau wurden 7568 Straftaten erfasst (minus 7,5 Prozent), im Main-Kinzig-Kreis 12.976 (minus 3,6 Prozent). Insgesamt gebe es einen Paradigmenwechsel weg von der Eigentumskriminalität hin zu Betrügereien, vor allem im Internet. Bernhardt mahnte aber auch in den öffentlichen Bereichen zur Relativierung: In Offenbach etwa habe es 108 erfasste Fälle von Straßenraub gegeben. Das bedeute noch nicht mal jeden dritten Tag einen. Bernhardt: „Es muss niemand damit rechnen, auf dem Wilhelmsplatz ausgeraubt zu werden.“

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