Problematisches Geschichtsbild

Gewerkschaft BCE ehrt Offenbacher für 80-jährige Mitgliedschaft

Glückwünsche zur Mitgliedschaft: Gerhard Nenner, Vorsitzender der Ortsgruppe IG BCE, Jubilar Otto Arnold und Ralf Erkens, Bezirksleiter Rhein-Main (von links).
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Glückwünsche zur Mitgliedschaft: Gerhard Nenner, Vorsitzender der Ortsgruppe IG BCE, Jubilar Otto Arnold und Ralf Erkens, Bezirksleiter Rhein-Main (von links).

Jubilare ehren, das kommt regelmäßig vor. „Aber 80 Jahre, das ist schon ein ganz seltenes Jubiläum“, stellte Ralf Erkens, Bezirksleiter der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie Rhein-Main fest, als er dem Offenbacher Otto Arnold in dessen Wohnung nahe dem Senefelderquartier gratulierte. Was die Gewerkschaft bei dieser Gelegenheit nicht hervorhebt: Für ein solches Jubiläum ist schon ein besonderer geschichtlicher Blick notwendig.

Offenbach - 1941, mit dem Eintritt in sein Berufsleben, wurde für den geborenen Dietesheimer des Jahrgangs 1926, der schon im frühen Kindesalter mit Eltern und fünf Geschwistern nach Offenbach gezogen war, die Grundlage für die jetzige Auszeichnung gelegt. „Da ist man nicht gefragt worden: Sobald man anfing zu arbeiten, ist man eingetreten“, erzählt Otto Arnold. Mitglied einer Gewerkschaft im eigentlichen Sinn wurde er aber nicht, vereinnahmt hat ihn die Deutsche Arbeitsfront, welche die Nationalsozialisten den 1933 zerschlagenen Arbeitervereinigungen nachfolgen ließen.

Die Gewerkschaft

Die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) gibt es in ihrer heutigen Form erst seit 1997. Sie entstand aus den Einzelgewerkschaften Bergbau und Energie, Chemie-Papier-Keramik und, für Offenbach besonders relevant, Leder.

Diese Gewerkschaft Leder (GL) war 1949 in Kornwestheim für die drei westlichen Besatzungszonen Deutschlands gegründet worden, vorher gab es sie unter diesem Namen nicht. Ihre Vorgänger-Organisation hatten die Nationalsozialisten, wie alle freien Gewerkschaften, zerschlagen. An deren Stelle rückte die Deutsche Arbeitsfront, eine Zwangsgemeinschaft von Arbeitnehmern und Arbeitgebern unter dem Dach der NSDAP.

Die Anfänge der GL gehen auf 1872 zurück, als der Allgemeine Deutsche Sattler-Verein, der Allgemeine Weißgerberverband Deutschlands und der Allgemeine Schuhmacherverein in Berlin gegründet wurden. Daraus entstand 1893 der für alle in der Lederherstellung beschäftigten Arbeiter offene Deutsche Lederarbeiterverband. 1912 hatten alle Einzelgewerkschaften der Lederwirtschaft etwa 100 000 Mitglieder. tk

Seine Mitgliedschaft muss ihn aber beeindruckt haben, denn bis heute ist er der IG BCE treu geblieben. Diese entstand 1997 durch die Fusion der G Bergbau und Enermit der IG Chemie-Papier-Keramik und der Gewerkschaft Leder. Dieser gehörte Otto Arnold seit ihrer Wiedergründung 1949 an.

33 Jahre arbeitete Arnold für die Offenbacher Schuhfabrik Rheinberger, meist als Zuschneider für die Schäfte der Stiefel, anfangs „für einen Stundenlohn von 2,27 DM.“ Später führte es ihn zum Jeanshersteller Levi Strauss in Heusenstamm.

67 Jahre lang war Arnold verheiratet, seit nunmehr 58 Jahren lebt er in seiner Wohnung im Erdgeschoss eines Mehrfamilienhauses. Arnold steht aber auch noch gut auf den eigenen Beinen und geht etwa regelmäßig selbst zum Einkaufen in den nahen Supermarkt. Ein Geheimrezept für die Fitness in diesem hohen Alter kann Arnold nicht nennen, aber er mutmaßt, dass zum Beispiel seine Berufsjahre bei Levi Strauss in Heusenstamm dazu beigetragen haben: Tagtäglich hat er seinen Arbeitsweg bei Wind und Wetter mit dem Fahrrad zurückgelegt und in 15 Jahren rund 50 000 Kilometer bestritten.

Auch die Ortsgruppe des IG BCE freut sich „über einen so fitten Kollegen“: Vorsitzender Gerhard Nenner überbringt einen Blumenstrauß. Vom Bezirksverband gibt es Urkunde, Medaille und Ehrennadel mit goldenem Rand. überreichte. In Anbetracht der aktuellen Situation gab es auch noch zwei Masken mit dem Aufdruck des Gewerkschaftslogos. „Umarmen geht ja leider nicht“, bedauert Nenner. Aber das soll 2022 nachgeholt werden, wenn eine kollektive Ehrung die Jubiläen, die wegen Corona etwas schmaler als gewöhnlich ausfielen, noch einmal gebührend feiert. „Sehr beeindruckend“, nennt Erkens die „80 Jahre der Solidarität“, die Arnold der Gewerkschaft entgegengebracht habe, „außerdem wäre es wünschenswert, wenn Solidarität dafür sorgt, dass du auch über die 100 springst.“

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Von Jan Schuba

Kommentar

Einem 95-Jährigen verdirbt man ungern die Freude an einer Ehrung. So tut’s uns um den Offenbacher Otto Arnold auch aufrichtig Leid: Aber seine Gewerkschaft hat sich und ihm keinen Gefallen damit getan, ihn für acht Jahrzehnte Mitgliedschaft auszuzeichnen. Denn um auf diese Zahl von Jahren zu kommen, ist schon eine gehörige Portion Geschichtsvergessenheit nötig.

Am maßgeblichen Stichtag 1941 konnte nämlich keine Rede sein von einer Gewerkschaft, wie sie bis acht Jahre vorher und heute begriffen wird. Wem der 15-jährige Otto beitreten musste, das war die der NSDAP unterstellte Deutsche Arbeitsfront, die Arbeitnehmer und -geber zusammenfasste. Freie Gewerkschaften waren von den Nazis ab 1933 brutal zerschlagen, Arbeitervertreter verfolgt und ermordet worden.

Sieht sich die erst 1949 wiedergegründete Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie und Energie also in der Tradition einer Nazi-Organisation, die aus internationaler Solidarität eine nationale gemacht hatte? Ein unglaublicher Missgriff. Gerade so, als ob die Bundeswehr anno 1965 einen Offizier für 25 Jahre engagiertes Wirken in Deutschlands Streitkräften ausgezeichnet hätte.

Dem Senior hätte die IG BCE die Peinlichkeit ersparen können. Ihn für stolze 75 Jahre zu ehren, wäre zwar auch nicht korrekt gewesen, aber vermutlich nicht aufgefallen.

Von Thomas Kirstein

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