Es gilt das Lego-Prinzip

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Die ersten Sitze auf der Westtribüne sind montiert, das Interesse am Neubau ist ungebrochen.

Offenbach - Sorry, aber die Herren mit den roten Trikots wirken an ihrem angestammten Arbeitsplatz deplatziert. Denn der ist eine Baustelle und nicht zum Fußballspielen geeignet. Von Martin Kuhn

Um aufs Trainingsgelände zu gelangen, passieren Robert Wulnikowski, Elton da Costa, Jannik Sommer und die anderen Spieler Lastwagen, Minibagger und einen Schredder, der Reste der ehrwürdigen Waldemar-Klein-Tribüne zertrümmert und zermahlt – in unterschiedliche Körnungen. Die abgerissene Gerade wird recycelt. Etwas flapsig ausgedrückt: Fahrzeuge von Feuerwehr und Polizei parken demnächst auf dem Block 2. Aber solche Folgerungen sind Heinz Hölscher fremd. Für den Bauleiter der Bremer AG ist der Um-Neubau weniger mit Gefühlen behaftet als für die OFC-Fans. Für ihn verläuft der Stadionneubau – aus der nüchternen Sicht des Architekten – nicht viel anders als der Bau einer Lagerhalle oder eines Einkaufszentrum. „Nur das wir unter ständiger Beobachtung stehen. . . “.

Die Stadionführungen anlässlich des Architektursommers (4. bis 8. Juli) sind gefragt: Anmeldung im Internet.

Es sind Anhänger, Interessenten, Offenbacher, die immer wieder durch die Zaunlücken spähen. „Zudem blickt jeder Autofahrer auf die Baustelle, der vorbeifährt.“ Es ist eben eine exponierte Lage, ja, für viele ein Stück Offenbach. Und da will man schon mal genauer schauen, was die Paderborner Spezialisten den ganzen Tag machen. Kurz: einiges, oder besser, alles parallel. Fundamente gießen, Fertigteile einbauen, Sitze anschrauben, Elektrik verlegen. 40 bis 50 Mitarbeiter sind Tag für Tag am Bieberer Berg tätig. „Sie alle sorgen dafür, dass wir im Zeitplan sind“, lobt Hölscher.

Und teils ein kleines Stückchen voraus. Der Bau der Tribüne drei (die künftigen Stehplätze für die Kickersfans) beginnt eine Woche früher als geplant. Unterm Strich steht: Das erste OFC-Heimspiel am 2./3. August läuft wie geplant. Es wird ein Flutlichtspiel. Da die alte Zwei-Mast-Anlage längst weg ist, „müssen wir uns noch etwas einfallen lassen.“

West- und Haupttribüne zur Heimpremiere nutzbar

Zur Heimpremiere sind auf jeden Fall West- und Haupttribüne nutzbar, betont Regina Preis, Sprecherin der Stadtwerke Holding und der Stadiongesellschaft Bieberer Berg (SBB). Fertiggestellt wird alles zu einem späteren Zeitpunkt, zumal der Innenausbau der Haupttribüne als zeitintensiv gilt. Aber Hauptsache, die Fans können ins Stadion. Auf den Tribünen wird ihnen eine ganz neue Perspektive ermöglicht.

Mehr über den Stadion-Neubau lesen Sie auch in unserem Stadtgepräch.

Aber wie schaffen es die Paderborner, eine solche Geschwindigkeit und Passgenauigkeit hinzubekommen? Immerhin sind im künftigen Sparda-Bank-Hessen-Stadion gut 4 000 Bauteile zusammenzufügen, die bis zu 40 Tonnen wiegen. Hölscher lächelt nur: „Bei uns geht alles schnell.“

Beim Rundgang über die wuselige Baustelle wird er aber doch genauer. Er spricht beim OFC-Stadion von einer Grundkonstruktion aus Fundamenten, Stützen, Bindern, Riegeln, Unterzügen: „Ähnlich wie bei einem Lego-Kasten.“ Und wohl ähnlich durchdacht. Die Teile haben ab Werk vorgefertigte Öffnungen für alle Leitungen, in den Toilettenwänden liegen Zu- und Ableitungen. Fliesen legen, Sanitärobjekte anhängen, fertig.

Lob für Konstruktion des alten Stadions

Jedes der 4000 Fertigteile erhält bereits in der Planung eine spezielle Nummer, die es bis zum Einbau behält: „Welches Teil hat welche Nummer? Das geht in Fleisch und Blut über.“ Also: Bauteil abrufen, in die Fertigung geben, per Tieflader 278 Kilometer nach Offenbach, mit Hilfe der Kräne millimetergenau eingepasst – so einfach kann Stadionbauen sein. Für Hölscher persönlich ist’s der erste Stadionbau, wenngleich die Bremer AG schon mehrere Projekte realisiert hat – für den SC Paderborn, für Hessen Kassel, für Preußen Münster. Als „statisches Highlight“ bezeichnet Hölscher die Offenbacher Haupttribüne mit dem markanten „Einschub“ entlang der Bieberer Straße.

Respekt zollt er dem alten Stadion, vor allem der Gegengeraden. „Ein elegantes Dach. Der Planer war wirklich gut.“ Ersonnen hat die Tribüne der Architekt Franz Ruff, eingeweiht wurde sie am 14. Dezember 1952. Eine Zukunft, erteilt Hölscher den Traditionalisten aus der rot-weißen Fangemeinde eine Abfuhr, habe es für die Konstruktion aber nicht gegeben: „In zehn Jahren hätte sich eine solche Diskussion erübrigt.“

Und wie lange übersteht der Neubau? Darüber spekuliert der Bauleiter ungern, gibt den Ball weiter: „Ein solches Objekt muss gepflegt werden...“ „Davon geh’ ich natürlich aus“, sagt Regina Preis. Ob die beiden das erste Heimspiel von einer neuen Tribüne aus verfolgen, ist ungewiss: „Ich habe noch keine Karte“, sagt Hölscher. Vielleicht ist in diesem Fall dem Stadionbauer zu helfen...

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