Glauben geht auch anders

+
Stadtmissionar Jürgen Lalk blickt auf die 100-jährige Geschichte der Stadtmission zurück. Mit einem Festgottesdienst am Sonntag wird das Jubiläum gefeiert.

Offenbach ‐ Ein blauer, lächelnder Fisch auf der Innenmauer des Torbogens an der Waldstraße 36 weist den Weg. Lässt man das schmiedeeiserne Tor hinter sich und geht wenige Schritte durch den Innenhof, hat man sie schon gefunden, die Stadtmission. Von Katharina Platt

Für einen kurzen Moment scheint es, als habe man die laute Innenstadt hinter sich gelassen und sei weit weg von Straßenlärm und Hektik. Hinter dem dunklen Gebäude, das eine Fahrschule beheimatet, wird es hell und weit. In dem Hof, hat sich der Frühling breit gemacht. Ein kleines Wiesenstück leuchtet grün, Pflanzen und Bäume tragen zarte Knospen, und in den Beeten und Kübeln strecken bunte Frühlingsblüher ihre Köpfe der Sonne entgegen. Hinter dem Garten wartet das gelbe Haus der Stadtmission.

Nicht zufällig lächelt der blaue Fisch auf steinernem Grund. Seit Jahrhunderten ist er das Erkennungszeichen der Christen. Eine Kirche erblicken Besucher dennoch nicht im Hof gegenüber des Martin-Luther-Parks. „Die Stadtmission ist eine Art Jesusgemeinde“, erklärt Stadtmissionar Jürgen Lalk. Die Institution gehört zur evangelischen Kirche, ist aber ein unabhängiger Verein, eine freie Arbeitsgemeinschaft. Im Mittelpunkt der Vereinsarbeit steht Jesus Christus. „Die Menschen, die sich hier treffen, wollen Jesus nachfolgen“, so Lalk. Und das nun schon seit 100 Jahren. In diesem Jahr feiert die Stadtmission Geburtstag und blickt zurück auf ihre Geschichte, die voller Entwicklungen und Ideen steckt.

Gefeiert wird das Jubiläum mit einem Festgottesdienst am Sonntag, 18. April, um 14 Uhr in der Lutherkirche (Waldstraße 45). Im Anschluss erwartet die Gäste ein Geschichtsrückblick mit Zeitzeugen. Infos unter 069 885334.

Aus mehreren Bibelgruppen und dem Blaukreuz-Verein entstand 1909 die Stadtmission. Ein Jahr später wurde die Organisation ins Vereinsregister eingetragen. Auf vielfältige Weise will die neue Einrichtung helfen. Ein Soldatenheim wird gegründet, außerdem ein Damenclub und eine Sonntagsschule. Das „Blaue Kreuz“ kümmert sich weiterhin um alkoholkranke Menschen. Die Vereinsmitglieder wollen die Kirche erneuern, sie moderner machen. Deshalb verlegen sie die Gottesdienste auf den Abend. Heute werden sie wieder um 10 Uhr gefeiert. Doch der Erneuerungsgedanke ist geblieben. „Wir bemühen uns um Weiterentwicklung“, sagt Lalk. „Wir orientieren uns an den Jesus-Geschichten. Form und Wege müssen sich allerdings den Menschen anpassen.“ In den achtziger Jahren wird die Wohngemeinschaft Regenbogen gegründet, die sich um unbegleitete Flüchtlingskinder kümmert. Aus finanziellen Gründen wird die Einrichtung 1997 jedoch wieder geschlossen.

Immer steht Jesus im Zentrum der Arbeit der Stadtmission, die mit ihren Strukturen an eine Kirchengemeinde erinnert und dennoch keine ist. Stadtmissionar Jürgen Lalk hat ähnliche Aufgaben wie ein Pfarrer. Sonntags führt er meist durch den Gottesdienst. Er leitet Diskussionskreise und führt Seelsorge-Gespräche. Dennoch unterscheidet sich die „Stami“, wie sie von ihren Mitgliedern liebevoll genannt wird, von üblichen Gemeinden. Vieles wird in Kleingruppen erarbeitet. Kinder, Jugendliche, Erwachsene und Senioren führen regelmäßige Gespräche und versuchen, Jesus Christus in ihren Alltag zu integrieren. „Leben teilen“, nennt das Lalk.

„Unsere Mitglieder sind mündig“, sagt er. „Sie wollen selber in der Bibel lesen und über die Worte nachdenken. Es ist so ähnlich wie bei den ersten Christen.“ Über diesen Zustand ist der Theologe sehr glücklich. „Kirche von unten“, bedeutet das für ihn. Weil die 72 Mitglieder bei allem mitreden dürfen, dauern alle Prozesse etwas länger. Aber das stärkt ja auch das Zusammengehörigkeitsgefühl.

Einem klassischen Gottesdienst, wie ihn viele aus kirchlichen Gemeinden kennen, entspricht der der Stadtmission nicht. Mal beginnt die Predigt mit einem kurzen Theaterstück, mal zeigt Jürgen Lalk digitale Bilder auf der Leinwand. Gesungen werden hauptsächlich moderne Stücke im großen Saal des Stami-Hauses. Auf einer Art Empore hinter Glas gibt es Platz für Eltern mit ihren kleinen Kindern. Sie können dem Gottesdienst lauschen und gleichzeitig spielen, ohne dass sie die anderen Besucher stören. Etwa 60 bis 70 Plätze sind regelmäßig sonntags belegt. „Für Offenbacher Verhältnisse ist das sehr viel“, erklärt Jürgen Lalk. Der Familienvater ist kein gebürtige Offenbacher. Seit 2002 lebt er mit seiner Familie am Main. Vorher leitete er 16 Jahre lang eine Gemeinde in Thailand. „Das war eine sehr spannende und prägende Zeit. Ich habe gelernt, andere Kulturen, und Religionen zu schätzen.“ Für das Leben in Offenbach sei das gar nicht so verkehrt gewesen, fügt er hinzu.

Mit Frau und drei Kindern ist er hier angekommen. Dazu beigetragen hat auch die Stadtmission, die seit 100 Jahren zur Geschichte der Stadt gehört.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare