In die Kasse gegriffen?

Glockenbäckerei nach Verlusten misstrauisch

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Die Zentrale der Glockenbäckerei in Fechenheim.

Offenbach - Nötigung, Bedrohung, Vortäuschung falscher Tatsachen, Freiheitsberaubung – ehemalige Angestellte der Fechenheimer Firma Glockenbäckerei erheben schwere Vorwürfe gegen ihren früheren Arbeitgeber. Die Schilderungen ähneln sich bis ins Detail. Von Fabian El Cheikh

Sie seien unter Druck gesetzt worden, wegen Diebstahls das Arbeitsverhältnis mit sofortiger Wirkung zu beenden.

„Man hat mir mit Schlimmerem gedroht, wenn ich meine Schuld nicht zugäbe“, wirft Rick Manicone dem Unternehmen vor. Dessen Personalleiter widerspricht: „Die Vorwürfe, wie sie geschildert wurden, treffen so nicht zu.“ Wenig überrascht über die angebliche Vorgehensweise zeigt sich wiederum die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG): „Da wird bewusst Druck ausgeübt.“

„Eine Inventurbesprechung“

An einem Tag Anfang März brachte ein Vorgesetzter Manicone zusammen mit einem Kollegen und der Shopleiterin in die Fechenheimer Firmenzentrale. Dem 20-jährigen Offenbacher, der ein halbes Jahr lang Back- und Süßwaren in der Filiale im Ringcenter verkaufte, wurde versichert: „Es geht zu einer Schulung. Mir wurde während der Fahrt sogar mitgeteilt, worum sich die Schulung inhaltlich drehe.“ Eine Offenbacherin (Name liegt der Redaktion vor), die viele Jahre in einer Oberräder Filiale beschäftigt war, sagt: „Uns wurde mitgeteilt, es gebe eine Inventurbesprechung.“

Das weitere Vorgehen schildert Manicone so: „Ich wurde in einen Raum geführt und musste mich an einen Tisch in der Mitte setzen, im Halbkreis saßen eine Frau und drei Männer um mich herum, einer direkt an der Tür.“ Dann sei er mit dem Vorwurf konfrontiert worden, er habe bei seiner Arbeit 90.000 Euro unterschlagen.

Gesehen habe er die Videobeweise nicht

„Ich habe die Anschuldigungen verneint, am Anfang sogar gelacht, weil ich dachte, die wollten mich auf den Arm nehmen.“ Dann habe man ihm ein Protokoll vorgelegt, in dem Stornierungsbons aufgelistet waren. „Sie sprachen von Zeugen und von Videobeweisen, die sie mir aber nur zeigen würden, wenn ich mich weiterhin weigerte, die Schuld einzugestehen.“ Gesehen habe er die Videobeweise nicht. „Ich habe erklärt, dass auch andere meinen Kassen-Account nutzten.“

Verunsichert ob der bedrängenden Situation habe er seine Mutter anrufen wollen. „Aus Angst habe ich mein Handy aber wieder eingepackt.“ Man habe weiter auf ihn eingeredet, er solle einen Aufhebungsvertrag unterzeichnen und schriftlich niederlegen, dass er 10.000 Euro unterschlagen habe. „Sie setzten mich unter Druck mit der Aussage: Wenn ich es nicht zugäbe, drohten mir 90.000 Euro Schulden und mehrere Jahre Knast. Nach anderthalb Stunden wollte ich nur noch weg, hatte Angst.“ Am Ende ließ er sich ein Schuldeingeständnis auf Papier diktieren, das er auch unterschrieb.

Kollege „vernommen“

Nachdem parallel dazu auch sein Kollege „vernommen“ worden sei, habe man sie aufgefordert, gemeinsam zu einem Notar in Offenbach zu fahren und das Geständnis beglaubigen zu lassen. „Freiwillig haben wir das nicht getan. Man ist die ganze Zeit nicht von unserer Seite gewichen, sogar bis vor die Toilette wurde ich begleitet und im Auto wurden wir so platziert, dass wir nicht an den Türen saßen und rauskommen konnten.“ Der Notar habe ihm dann die Aussage vorgelesen und gefragt, ob das stimme. „Ich bejahte, da ich Angst hatte, man hatte mir mit Gefängnis gedroht.“ Es kam zur Unterschrift. „Erst danach durften wir gehen.“

Das Unternehmen weist die Schilderung Manicones zurück. „Wir haben niemanden genötigt, der Betriebsrat war bei den Gesprächen dabei und jeder hätte jederzeit gehen können. Wir wollten nur wissen, was Sache ist“, verteidigt Personalleiter Joerg Noll das Vorgehen. Dass die Betroffenen sich angesichts der für sie unangenehmen Tatsachen unwohl gefühlt hätten, sei durchaus nachzuvollziehen. „Das war für beide Seiten unangenehm.“ Man habe aber reagieren müssen, da der Umsatz in der eigentlich starken Ringcenter-Filiale auffällig zurückgegangen sei.

Rund 26.000 Euro Verlust

Noll nennt ein Beispiel: „Seit Dezember fehlte in der Bilanz die Summe von 13.000 Tassen Kaffee aus dem Automaten, das allein macht schon rund 26.000 Euro Verlust.“ Man habe daraufhin eigene Ermittlungen angestrengt; er selbst habe sich als Kunde ausgegeben und bei Testkäufen beobachtet, wie Manicone Geld in die Tasche gesteckt habe. „In einer Stunde hat er zwei Drittel des Umsatzes für sich behalten.“ Auf diese Weise habe er täglich rund 120 Euro eingesteckt. „Herr Manicone hat Geld gebraucht, um Schulden zu bezahlen und seine Schuld sukzessive zugegeben.“

Warum die Firma nicht sofort Strafanzeige bei der Polizei gestellt hat? „Das ist doch weltfremd“, befindet Noll. „Wir haben uns eine Anzeige vorbehalten, aber da kommt am Ende doch nichts bei raus.“ Auf die Methoden angesprochen, räumt Noll ein: „Natürlich fühlen sich manche Mitarbeiter eingeschüchtert.“ Letztlich sehe man sich aber in der Vorgehensweise bestätigt: „Drei Mitarbeiter haben ihre Tat eingestanden. Mit dem neuen Personal ist der Umsatz in der Filiale um 20 Prozent gestiegen.“

Den Verdacht, dass sich die Firma so schnell und lautlos wie möglich Angestellten entledigen wollte, hegt unterdessen Sven Hildebrandt von der Gewerkschaft NGG. „Wenn man sich seiner Sache so sicher ist und glaubt, Beweise zu haben, wieso will man dann einen Aufhebungsvertrag anstatt fristlos zu kündigen und Anzeige zu stellen?“, fragt sich der Gewerkschaftssekretär.

Aufhebungsverträge unterzeichnen

Dass gegen sie in gleicher Art und Weise vorgegangen sei, betonen fünf ehemalige Verkäuferinnen der Oberräder Filiale, die von weiteren Fällen aus anderen Shops gehört haben wollen. Auch sie mussten Aufhebungsverträge unterzeichnen, teilweise sogar auf restlichen Lohn verzichten. „Außerdem wurden heimlich Videokameras installiert, auch in dem Raum, in dem wir uns umgezogen haben“, berichtet eine der Damen. Darüber informiert worden seien sie nicht.

Gewerkschaftssekretär Hildebrandt bestätigt, dass im Einvernehmen mit dem Betriebsrat regelmäßig in wechselndem Turnus Kameras in den Filialen eingebaut werden. „Auch in Nebenräumen, in denen sich die Mitarbeiterinnen umziehen. Ich weiß von Videoaufnahmen, die Frauen in BHs zeigen“, betont er. Der Betriebsrat bestätigt zwar den Einsatz von Videokameras „als Kontrollinstrument“ in der Vergangenheit. Es sei aber nie gegen Gesetze verstoßen worden. Vorsitzender Christos Cheriapas: „Wir haben selbst ein Interesse daran, dass die Firma keine Verluste macht.“

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Personalleiter Noll, der über mögliche weitere Fälle aus der Region keine Kenntnis haben will, unterstellt den betroffenen Mitarbeitern kriminelles Verhalten, das in der Branche nicht unüblich sei. „In Oberrad hat man nicht nur Ware mitgehen lassen, sondern eine Art Zweitkasse aufgebaut.“ Das könne sich keine Firma bieten lassen, zumal man Tariflöhne bezahle.

Was an den Vorwürfen dran ist, werden möglicherweise Gerichte klären. Einige Mitarbeiter wollen arbeitsrechtlich gegen die Aufhebungsverträge vorgehen. Auch Rick Manicone. Der 20-Jährige hat darüber hinaus Strafanzeige gegen Verantwortliche der Firma gestellt. Die Offenbacher Staatsanwaltschaft ermittelt.

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