St. Marien: Geläut auf Knopfdruck

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Nicht nur am 1. Weihnachtstag wie hier, sondern täglich aufs Neue, abends um 21 Uhr, ertönt die Glocke Annuntiata Hl. Geist.

Offenbach - Ein imposanter Hörgenuss bot sich am ersten Weihnachtsfeiertag dem Publikum vor den Stufen des Turms der Katholischen Kirche St. Marien auf dem Offenbacher Mathildenplatz. Alle acht Glocken erklangen in einem knapp einstündigen Konzert. Von Harald H. Richter

Dutzende Menschen versammeln sich an diesem ersten Weihnachtstag, um dem kraftvollen Geläut der insgesamt acht Glocken im Turm des katholischen Gotteshauses am Mathildenplatz zu lauschen. Zufällig vorbekommende Passanten verweilen gleichfalls. Auch im Inneren des Gotteshauses haben sich Zuhörer eingefunden.

Seit 22 Jahren ist Pfarrer Hans Blamm Seelsorger der katholischen Kirchgemeinde. Und seit 1999 werden alljährlich zu Weihnachten, aber auch an Ostern und Pfingsten, zur Freude nicht nur der katholischen Christen, Glockenkonzerte gegeben. „Im Frühjahr geschieht das natürlich vor mehr Publikum als jetzt“, sagt der Geistliche. Doch trotz des ungemütlichen Wetters füllt sich der Platz vor der Kirche zusehends. Auch Willi Sermon und seine Frau Linda Topp sind gekommen. Obwohl sie seit Jahren in der Stadt wohnen, war ihnen dieses weihnachtliche Konzert bisher nicht bekannt, wohl aber das Große Stadtgeläut an Heiligabend in Frankfurt. Aber aufmerksam geworden durch die Ankündigung in unserer Zeitung, sind sie nun zum Mathildenplatz gekommen. Hier genießen sie am Fuße des 60 Meter hohen, freistehenden Turmes, zu dessen Stube rund 300 Stufen hinauf führen, „diesen unglaublichen Schönklang“, so Willi Sermon. Die Eheleute sind begeistert von der Gesamtheit der klanglich aufeinander abgestimmten Glocken.

Einer, der ganz besondere Erinnerungen mit dem Geläut verbindet, ist Stadtrat Ferdi Walther. Der 76-Jährige hat als Kriegskind so manchen Fliegeralarm in seiner Heimatstadt erleben müssen. „Jedes Mal, wenn die Luftangriffe dann vorüber waren, ertönten zu unserer Erleichterung die Glocken“, weiß er zu berichten. Mit fortschreitender Dauer des Krieges verringerte sich aber die Zahl der Glocken, da man sie auslagerte, um sie vor drohender Zerstörung zu bewahren. Das katholische Gotteshaus blieb freilich unversehrt, lediglich die daneben liegende Pfarrei wurde getroffen, nach dem Krieg jedoch wieder aufgebaut. Dann wurden auch die Glocken wieder zurück gebracht und haben seitdem ihren Platz im Turm.

Historische Glocken aus 2013

Die vier historischen Glocken stammen von 1913, wurden einst in der Frankenthaler Gießerei Karl Hamm gegossen. Nächstes Jahr feiert die katholische Gemeinde daher das Fest der 100-jährigen Weihe dieses zunächst vierstimmigen Geläutes. 1998 kamen zwei weitere Glocken hinzu, darunter die mit 6010 Kilogramm schwerste Glocke. Im Jahr darauf fand das erste Glockenkonzert statt. Mit der Erweiterung des Bestandes um die mit 947 beziehungsweise 555 Kilogramm leichtesten Glocken entstand ein Ensemble, das einmalig ist im Katholischen Bistum Mainz. Es handelt sich nicht nur um das tontiefste, sondern mit einem Gesamtgewicht von 17.040 Kilogramm zugleich um das schwerste Geläute landauf, landab.

Die beiden „Leichtgewichte“ von 2005 eröffnen das Programm, das – sozusagen im Zeichen der Ökumene – Kai Lehrke, Kirchenvorstand der evangelischen Schlosskirchengemeinde, zusammengestellt hat. Küster Christian Müller und dessen Mutter Ursula obliegt der technische Teil. So geraten per Knopfdruck nach und nach sowie im Wechselspiel sämtliche Glocken in Schwung. In vier Blöcken erklingen unter anderem das Denkmalgeläut von 1913 und unmittelbar danach in Doppeloktave die vier jüngeren Glocken, bevor sich nach einer kurzen Atempause zum krönenden Abschluss alle im vollständigen Plenum vereinigen und, in Lautstärke und Eindringlichkeit einzigartig, auch den letzten Winkel des Stadtgebiets akustisch erreichen.

Die Faszination der Klangfülle und die außergewöhnliche Erhabenheit des Geläuts sind bereits imposant, der Wert dessen, was im Glockenturm hängt, ist es erst recht. Wollte man die acht Glocken heute neu gießen, würden dafür eine halbe Million Euro kaum ausreichen. Doch schwerer als alles Materielle wiegt die Verkündigung des Wortes Gottes, das sie kraft- und klangvoll hinaustragen.

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