Glück mit Hemmschwelle

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Nikolaus, Engel, lila Zwerge - alles war vorhanden beim Weihnachtsmarkt der Tafel. Was wider Erwarten nicht in Scharen strömte, war das Publikum.

Offenbach ‐ Pascal hatte den richtigen Dreh. Der bescherte ihm am Glücksrad den Hauptgewinn: einen Weihnachtsbaum. Ohne das Glück des Elfjährigen hätte auch dieses Jahr wieder die Oma den Christbaum spendieren müssen. Denn Pascal und seine drei Geschwister sind auf karges Hartz IV-Geld angewiesen. Von Lis Schulmeister

Das reicht kaum für ein kleines Geschenk für die Kinder, für den Kauf eines Baumes bleibt nichts übrig“, sagt die 37jährige Mutter. Sie ist am Samstag eine von rund 100 Besuchern des ersten Offenbacher Weihnachtsmarktes für Menschen, die beim Gang über einen kommerziell orientierten Weihnachtsmarkt zwar schauen und schnuppern, aber nichts kaufen können.

Weil sie diese bittere Erfahrung bei ihrer Tochter und Enkelin miterlebte – fünf Euro für eine Waffel mit Kakao waren im Hartz IV-Portemonnaie einfach nicht drin – initiierte Christine Sparr vom Offenbacher Ableger der Frankfurter Tafel den Markt mit dem warmem Flair und nicht kommerziell orientierter Weihnachtsstimmung. Sparrs langer Wunschzettel für Kinder und deren Familien wurde erfüllt. Abgearbeitet haben ihn Firmen, Private und Institutionen, darunter „Esswerk“ vom Verein Lebensräume, der Kleiderladen und die Luise 34, Kirchengemeinden, das Starthaus und der Mühlheimer Verein Zugpferd.

Ein Nikolaus (Kita-Erzieher Antonio del Re) unterhielt sich mit den Kindern, begleitet von einem Engel (Anastasia Becker von der Tafel). Ein Fotograf lichtete Kinder in von ihnen gewünschten Szenen ab, auf dem Eisenbahnkarussel drehten die Kleinsten ihre Runden um einen riesigen Teddy unterm leuchtenden Weihnachtsbaum und Erwachsene lauschten ergriffen einem Gospelchor und wiegten sich im Rhythmus lyrischer Lieder vom Trio „The Develish Double Dylans“. Auf der geschmückten Bühne zu hören und zu sehen waren außerdem die Kommunionkinder von St. Marien als Lichterköniginnen, der Bürgeler Männerchor und die Band „Factory“.

Bei den Losen - ohne jede Niete - für die Tombola drängten sich in Scharen die Kinder in Erwartung der Preise, die ein ganzes Zimmer im Stadtteilbüro ausfüllten. Darunter Spiele, Mini-Autos, Teddybären und Bücher, Bobby-Cars und Süßigkeiten sowie stapelweise hübsch verpackte Überraschungen von Sponsoren und Stiftern.

Weihnachtsmarkt hatte Alles zu bieten

In 20 von Veranstaltungsprofi Klaus Kohlweyer zur Verfügung gestellten Pavillons gab es alles, was zum Weihnachtsgeschenk werden konnte. Kleidung und Kleinigkeiten, edle Deko und Schmuck. Vielerlei Sorten feinste Plätzchen, Waffeln, Kuchen, hielten die allesamt ehrenamtlich engagierten Mitarbeiter der Tafel bereit. Es gab Bratwurst und wärmende Kartoffelsuppe. „Und alles nur für eine Spende“, freut sich eine muslimische Mutter mit Sohn. „Ich bin froh, dass es diesen Weihnachtsmarkt hier gibt.

Bücher wurden verschenkt und Handgefertigtes wie Seifen und Badekugeln vom Mühlheimer Verein Zugpferd oder edle Dekorationsobjekte, produziert von der Starthaus-Alphabetisierungsgruppe, waren für wenige Cent zu haben. Selbst basteln konnten die Kinder bei der Kirchengemeinde St. Marien und der Freien evangelischen Kirche. Bilder und Postkarten kreierten die Jüngsten bei Carina Göhrmann und Asana Rasta. Die jungen Kunsthandwerkerinnen, hauptberuflich in der Arbeitsvermittlung angestellt, hatten sich spontan zur Teilnahme am Weihnachtsmarkt entschlossen. Mit ursprünglich für den Eigengebrauch angeschafften Farben und Utensilien sowie zusätzlich gekauftem Dekomaterial bereiteten sie Kindern nicht nur ein Erfolgserlebnis in Sachen Kunst und Kreativität, sondern auch die Möglichkeit, Geschenke für Freunde und Geschwister oder Eltern zu basteln.

Es war ein kleiner, aber feiner Weihnachtsmarkt mit Dingen und Ereignissen, die vor allem Kinder für einen Moment glücklich machten. Dass von den mehr als 18.000 Hartz IV-Beziehern und knapp 3.000 anderen Armen in Offenbach nur eine überschaubare Menge den Markt besuchte, liege vor allem an der Hemmschwelle, sich als arm bloßzustellen, meinte Karin Fröhlich vom Tommy-Musical-Club. Sie bot hübsche Kleinigkeiten zum Verschenken und größere für fünf Euro an. Doch der Marken-Teddy blieb bis zuletzt auf seinem Sitz und der Rosenthal-Schmuck in der Schatulle. „Die Leute gehen auf andere Märkte auch bei Regen, an eisigen Temperaturen kann es also nicht liegen.

Gegen äußere Kälte wirkten die von Hans-Peter Kampfmann gestiftete Schokolade und Kinderpunsch. Zu den inneren Klimabedingungen meinte der Getränkegroßhändler: „Wo 21 Millionen Euro für die Kickers ausgegeben werden, muss es auch Möglichkeiten für andere und die Bedürftigen geben. Der Weihnachtsmarkt hier ist eine gute Sache, auch wenn es schlimm genug ist, dass die Tafel für Bedürftige überhaupt notwendig ist.

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