Die glücklosen Isenburger

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Die Isenburger erwiesen sich als wahre Heißsporne.

Offenbach - Nicht immer waren in der Offenbacher Geschichte die Zeiten so ruhig wie heute. Von Claus Wolfschlag

Phasen von Wohlstand und Frieden wurden mehrmals von inneren Auseinandersetzungen und Kriegen durchbrochen –so etwa durch Hexenprozesse, Unruhen in Folge der Novemberrevolution 1918 oder Bombenangriffe während des Zweiten Weltkriegs. Ein besonders gravierendes Beispiel, an das – wie meist – kein Offenbacher Gedenkstein erinnert, ist der Dreißigjährige Krieg. Selten hat Offenbach soviel Elend erleben müssen, ist es doch damals in die Turbulenzen zwischen den verschiedenen Kriegsparteien geraten. Katholiken und Protestanten standen sich unversöhnlich gegenüber. Hinter deren Bündnissen verbarg sich ein Geflecht aus machtpolitischen Ambitionen. Protestantische Fürsten versuchten ihren Einfluss gegen den in Wien residierenden katholischen Kaiser auszudehnen. Ausländische Mächte, vor allem Frankreich, witterten ihre Chance, das innerlich geschwächte Deutschland zur eigenen Einflusssphäre zu machen.

Das Offenbacher Herrscherhaus, die Isenburger, hatte dabei ein schlechtes Händchen im strategischen Spiel – wie mehrfach in der Geschichte. Die Isenburger gefielen sich in der Rolle der Rebellen, verschrieben sich vollkommen der protestantischen Sache, und strauchelten dabei. Offenbach schloss sich, ebenso wie die Territorialherren über Rumpenheim, der protestantischen „Union“ an. Bieber und Bürgel unterstanden indes dem Kurfürsten von Mainz, waren dadurch Teil der katholischen „Liga“. Das erste Opfer des Krieges wurde das katholische Bürgel, das am 25. August 1620 von Truppen des Markgrafen von Baden geplündert und großteils in Brand gesteckt wurde.

Der Isenburger Graf Wolfgang Ernst und sein Sohn Wolfgang Heinrich erwiesen sich als Heiß-

sporne und stellten 1620 für die evangelische Sache 400 Soldaten bereit. 1622 wurden die Protestanten allerdings in der Schlacht von Höchst durch kaiserlich-katholische Truppen geschlagen. Das Heer des kaiserlichen Statthalters Tilly soll mit 1000 Pferden in Offenbach eingezogen sein und dort gelagert haben. Die Gemeinde musste demnach Geldtribut entrichten und Mehl für die Truppen abliefern. Der Isenburger Grafensohn rettete in der Schlacht von Höchst nur mit Mühe sein Leben. 1623 geriet er in der Schlacht bei Stadtlohn in Westfalen in Gefangenschaft und wurde an den Hof Kaiser Ferdinands II. nach Wien geführt. Eine dort erhobene kaiserliche Anklage wegen Landfriedensbruchs und Hochverrats verlautbarte, dass Wolfgang Heinrich von Isenburg geholfen habe, das damals zu Mainz gehörende Dorf Schwanheim zu plündern. Glocken und Uhren seien dabei gestohlen worden. Sein Vater Wolfgang Ernst hätte dieses illegale Vorgehen immerhin gefördert. Zwar gewährte das Reichsoberhaupt Wolfgang Heinrich letztlich 1624 Pardon, behielt sich aber ein Urteil hinsichtlich Entschädigungsforderungen für die Opfer vor.

1628 brach der Konflikt zwischen den Isenburgern und dem Kurfürsten von Mainz wieder offen aus. Da die Isenburger begonnen hatten, Offenbach mit Wall und Wassergraben zu befestigen, sahen dies die katholischen Mainzer als nachteilig für die kaiserliche Armee an und als Verstoß gegen das alleinige Befestigungsrecht von Frankfurt in der Region. Also wurden am 20. Oktober 1628 2000 Kämpfer mit drei schweren Geschützen unter dem Comissarius Peter von Mammeran nach Offenbach entsandt. Graf Wolfgang Heinrich war abwesend, seine Gattin, die wenige Tage zuvor einen Sohn geboren hatte, bat um Gnade. Dennoch wurden die Tore gesprengt, die Befestigungsanlagen geschleift und innerhalb weniger Stunden große Schäden im Schloss und Nebengebäuden angerichtet. Auch die Ortsbewohner litten unter Raub und Erpressung. So wurden die Boote örtlicher Fischer entwendet, wie ein erhaltener Beschwerdebrief zweier Offenbacher Fischer an den Mainzer Kurfürsten belegt. Kurz darauf zog die Soldateska wieder ab. Als der Graf nach Hause kam, erhob er umgehend Klage beim Kaiser. Der Abt von Fulda und der Burggraf von Friedberg wurden von Ferdinand II. mit der Untersuchung des Falles ermächtigt. Doch der Prozess zog sich in die Länge. Der Kaiser teilte schließlich mit, dass er zwar lieber vorher unterrichtet worden wäre, die Mainzer Attacke aber immerhin ja zum Wohle des Reiches geschehen sei, da die Befestigung Offenbachs zum Nachteil für die kaiserlichen Truppen hätte werden können.

Noch während der laufenden Untersuchung griff der Kurfürst von Bayern als Verbündeter der Mainzer und damaliger Führer der katholischen Liga erneut Offenbach mit 35 Musketieren an. Graf Wolfgang Heinrich flüchtete mit seiner Familie nach Frankfurt, dann nach Dreieichenhain. Die Kriegsknechte hausten währenddessen in Offenbach. Es wird berichtet, sie „bedrückten die Bewohner“ und „betrugen sich auf schlimme Weise“. Der Graf reiste bezüglich seiner Klage gegen das Vorgehen gar nach München, doch dann kam der kaiserliche Bescheid, der den katholischen Kurfürsten recht gab. Und nicht nur das: Angehörige des Wiener Reichshofrates legten die alte Klage gegen die Isenburger nochmals dem Kurfürstenkollegium auf dem Regensburger Reichstag vor. Wolfgang Heinrich wurde dort wegen seiner früheren Unterstützung des protestantischen Herzogs von Braunschweig des Landfriedensbruchs für schuldig erklärt. Große Teile der Isenburger Grafschaft wurden daraufhin 1631 vom Landgraf von Hessen-Darmstadt besetzt.

Dann die Wende. Mittlerweile hatte der protestantische schwedische König Gustav Adolf ins Kriegsgeschehen eingegriffen und ab 1630 Norddeutschland unter seine Kontrolle gebracht. Er verstand sein Eingreifen neben der Absicherung eigener Großmachtambitionen auch als Mission zur protestantischen Neuordnung Mitteleuropas. Die Region sollte seine Operationsbasis für das weitere Vordringen nach Süden bilden. Als sich der Schwede Offenbach näherte, floh die bayerische Besatzung. Graf Wolfgang Heinrich witterte Morgenluft, kam zurück in sein Schloss und empfing dort Gustav Adolf am 15. November 1631.

Der König nächtigte mit Gefolge im Isenburger Schloss und verschaffte sich von Offenbach aus Zugang zur freien Reichsstadt Frankfurt, die am 17. November auf militärische Drohung hin ihre Tore für die Schweden – 12 000 Fußsoldaten und 800 Reiter – öffnen musste. Fortan residierte Gustav Adolf dort an mehreren Orten, darunter dem Deutschordenshaus und dem Schloss in Höchst. Die Bevölkerung der Region sei durch die Schweden milde behandelt worden, heißt es in Überlieferungen. Andere hingegen, etwa Pfarrer Mink aus Groß-Bieberau, berichten von Übergriffen. Menschen seien zumindest in der zweiten Kriegshälfte von allen Parteien gejagt, geschlagen und ausgeraubt worden. Gefoltert wurde etwa, indem man Menschen nackt auf heiße Öfen band oder mit Wasser abfüllte, um ihnen danach auf den Bauch zu springen. Viele flüchteten in Wälder und Höhlen.

Graf Heinrich indes wurde in seine alten Rechte eingesetzt. Angesichts seiner als ungerecht empfundenen vorherigen Verurteilung fühlte er sich nicht mehr an einstige Verpflichtungen gegenüber dem Kaiser gebunden und begleitete den Schwedenkönig mit zwei eigenen Regimentern, stieg gar in den Rang eines schwedischen Generalmajors auf. Noch im Dezember 1631 gelang es Gustav Adolf, das katholische Mainz zu erobern. Doch das Kriegsglück der Schweden währte nicht ewig. Drei Jahre später erfuhren sie eine verheerende Niederlage in der Schlacht bei Nördlingen. Die Truppen Wolfgang Heinrichs, die sich dem Schwedentross angeschlossen hatten, wurden nahezu ausgelöscht. Der Isenburger kehrte zurück und starb ein Jahr später im Frankfurter Exil. Kaiser Ferdinand II. begnadigte nach der Schlacht von Nördlingen alle Gegner – nur die Isenburger nicht. Für deren offensichtliche Kollaboration mit den Schweden und ihre zu große Verankerung im calvinistischen Lager mussten sie mit dem Verlust der Grafschaft bezahlen.

Im September 1635 wurde die Grafschaft Isenburg und Büdingen auf kaiserliche Anordnung und unter Protest den Isenburger Grafen entzogen und Hessen-Darmstadt übereignet. Zudem war 1635 das schlimmste Kriegsjahr für Offenbach. Frankfurt sagte sich von der schwedischen Besatzung los, so dass es zu mehrtägigen Kämpfen zwischen den verbliebenen Schweden auf der einen, den Frankfurter und kaiserlichen Truppen auf der anderen Seite kam. Folge: Scharmützel, Morde, Plünderungen. Inflation mit hohem Preisniveau führte zudem zu einer großen Hungersnot. Der Frankfurter Arzt Lotichius berichtete, das viele nach Frankfurt geflüchtete Dorfbewohner, darunter vermutlich auch manche Offenbacher, vor den Haustüren nach Nahrung bettelten. Wenn ihnen kein Erfolg beschieden war, seien Leichen auf den Friedhöfen ausgescharrt und abgenagt worden. Hunde und Katzen galten als Leckerbissen. Man habe auch halbverzehrte Köpfe von Kindern gefunden. Einem unbestätigten Gerücht nach sollen von zu Kannibalen Herabgesunkenen nachts Schlingen ausgelegt worden sein, um Menschen wie Wild zu fangen und zu essen. Nach einem Bericht sei es dem Maler Matthäus Merian dem Jüngeren nur knapp gelungen, aus Frankfurt zu fliehen, nachdem ihm Hungrige bereits eine Schlinge um den Hals geworfen hätten.

Die sozialen Folgen der langen Kriegswirren waren verheerend. Zu den unmittelbaren Kriegseinwirkungen kamen Krankheiten und Hungersnöte. Laut Heimatforscher Emil Pirazzi flüchtete etwa der hessische Landgraf Georg II. 1629 vor der Pest aus Darmstadt nach Lichtenberg im Odenwald, inklusive des Hofstaats und der Kanzlei. Die Jahre 1632 bis 1637 werden als Höhepunkt der Pestepedemie in der Region betrachtet. Wohnten beispielsweise 1631 in Seligenstadt 350 Familien, waren es sechs Jahre später 50. Über Offenbach liegen zwar keine Opferzahlen vor, aber da der Ort laut Historiker Friedrich Jöst bereits 1500 als „Flecken“, also bedeutende Ansiedlung, erwähnt wurde, überrascht es, dass er noch um 1700 kaum 600 Einwohner aufwies. Bei einer Erhebung zählte Bürgel 1638 mit 85 Einwohnern

noch zu den fast stattlich besiedelten Orten. Bieber hatte noch 26 Einwohner, ein Zehntel der Vorkriegsbevölkerung. Andere Ortschaften waren faktisch ausgestorben, die Felder verwaist. Die von Soldaten misshandelten Dorfbewohner konnten sich vor Schwäche kaum mehr aufrecht halten. Vom zuvor florierenden Bieberer Weinbau war nach dem Krieg nichts mehr vorhanden. Man pflanzte stattdessen Obstbäume, selbstgekelterter Apfelwein ersetzte den Rebensaft vom Südhang des Bieberer Bergs.

1642 stellten 44 Offenbacher einen Antrag auf Schadensersatz aufgrund von Kriegsschäden beim Amt Hayn (Dreieichenhain). Graf Johann Ludwig, zweiter Sohn Wolfgang Heinrichs, trat 1635 die Regierung an und versuchte fortan die Wunden von Krieg und verfehlter Politik zu heilen. Erst 1643 kam es zu einem Zessionsvertrag, in dem sich die Isenburger mit Hessen-Darmstadt über einen Kompromiss einigten. Gegen Gebietsabtretungen und Entschädigungen erhielten die Isenburger ihre südmainischen Ländereien zurück, was 1648 im Westfälischen Frieden bestätigt wurde. Nach dem Krieg ging es mit Frankfurt rasch bergauf. Im Umland hingegen kam es erst langsam zu einer Verbesserung der wirtschaftlichen Lage. Die Isenburger bekamen 150 Jahre, bis sie sich erneut auf ein politisches Abenteuer einließen und sich 1806 in den Dienst von Napoleon Bonaparte stellten. Nach der Völkerschlacht von Leipzig 1813 floh der letzte Fürst des Hauses, Carl von Isenburg, in die Schweiz und schwenkte das Fähnlein um – diesmal definitiv zu spät. Der Wiener Kongress von 1815 besiegelte, dass Offenbach fortan endgültig hessisch sein sollte.

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