Der kollektive Burnout

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Lutz Jahnke und Julia Diehl haben mit ihrer „Kulturreserve“ eine glühende Idee gehabt.

Offenbach - Totgesagte leben länger. So sie richtig konserviert werden. Zu Grabe getragen wurde die alt eingesessene Familie der Glühbirne in den vergangenen zweieinhalb Jahren schon des Öfteren. Von Fabian El Cheikh

Erst die leistungsstarke Großmutter mit ihren 100 Watt, dann folgten Schritt für Schritt ihre strahlende Tochter . mit 75 Watt, deren kaum weniger energische Schwester mit 60 Watt und Anfang dieses Jahres auch die 40 Watt kleine Enkelin. Der kollektive Burnout.

Während sonst individuelle Grabsteine an die von uns Gegangenen erinnern, wird den Ausgebrannten ein ewiges Denkmal im digitalen Nirwana gesetzt. Mit einem Online-Nachruf auf der Internetseite www.birnendenkmal.de will eine Gruppe junger Künstler und Designer, darunter die beiden Offenbacher Julia Diehl und Lutz Jahnke, verhindern, dass die Erinnerungen an die von der Europäischen Union verbotenen Leuchtmittel genauso verblassen wie die liebgewonnenen Birnen selbst.

Bereits in der Vergangenheit, etwa bei der Luminale – der Biennale der Lichtkultur – vor zwei Jahren, haben die Aktionskünstler mit ihrem Birnendenkmal, einer raumgreifenden Skulptur ausgebrannter Birnen, für Aufsehen gesorgt. „Es ging darum, sich zu verabschieden“, sagen sie. Und das natürlich nachhaltig, will heißen, umweltschonend, ohne Stromverbrauch – grün!

Subtile Kritik an politischen Entscheidungen

Doch hinter der Aktion steckt mehr als nur Wehmut über den Verlust generationenübergreifender Lichtkultur: Sie ist als mehr oder weniger subtile Kritik an politischen Entscheidungen zu verstehen, die räumlich wie im übertragenden Sinne fernab der einfachen Bürger gefällt werden. Als eine „Antwort auf die faulen Früchte der Eurokratie“ bezeichnet Lutz Jahnke denn auch die kreativen Ideen rund um die Birne. Der 31-jährige Grafikdesigner, der an der Ludwigstraße die „Akademie für Interdisziplinäre Prozesse“ (AfiP) gegründet hat, ist aber noch einen Schritt weiter gegangen. Er hat in der vagen Hoffnung auf ein Wiederauferstehen der Verstoßenen selbige „funktionell eingedost“. In eine Konservendose. „Vielleicht kriegt diese Büchsen in hundert Jahren jemand in die Hände und freut sich über das warme Licht.“ Vielleicht.

Die originelle Kulturreserve kostet etwa im Internetverkaufsraum Amazon 5,85 Euro. Mehr Informationen gibt es im Netz und bei Facebook: „Kulturreserve – Das kleinste Birnendenkmal Europas“

Schon heute aber ist die Kulturreserve ein echter Renner. Mehr als 10.000 Stück sind mittlerweile verkauft. Allein eine französische Hotelkette orderte 2500 Exemplare als Präsent für gute Kunden. Edeka hatte die Konserve schon in seinen Regalen, und auch der Technikvorstand der Energieversorgung Offenbach, Dr. Kurt Hunsänger, orderte 150 der originellen Konserven.

Französischer Hersteller liefert die Glühbirnen

Vertrieben wird die Büchse vom Metamorphosen-Verlag in Frankfurt. Die ersten Auflagen ermöglichte der ostdeutsche Beleuchtungshersteller Narva. „Der hatte noch genügend Vorrat, Osram und Philips wollten nicht liefern“, erinnert sich Lutz Jahnke. Inzwischen sind die Lager auch bei Narva geleert, eingesprungen ist ein französischer Hersteller.

Eingedost wird die Totgesagte ebenfalls im Frankfurter Verlag. „Eine Woche lang ging es für die aktuelle Auflage zu wie beim Film ,Modern Times’ mit Charlie Chaplin“, berichtet ein Verlagssprecher, „da haben wir in Handarbeit die Eindosmaschine bedient und die Etiketten aufgeklebt.“ Für schwarze Finger sorgte das Zeitungspapier vom aktuellen Tage, in das jede Glühbirne eingepackt wurde. Der Finder in der unbekannten Zukunft wird also auch etwas über die Zeit erfahren, die der Erfindung von James Bowman Lindsay den Garaus machte.
Zeitlos ist indes das Etikett selbst. Dabei hatten Lutz Jahnke und Julia Diehl einige sehr witzige Illustrationen im Kopf: Spinat und Kartoffeln mit glühender Birne auf einem Teller, Münchhausen auf der Glühbirne oder Dracula mit zerbrochenem Glühbirnenhut. Passend wären auch die vier Zylinderträger gewesen, die das zu Tode geächtete Objekt zu Grabe tragen. „Am Ende sollte es aber etwas neutraler sein“, setzte Lutz Jahnke solch Kreativität ein Ende. „Keine Frage“, findet Julia Diehl, „sie war nicht das effektivste Leuchtmittel.“ Vermissen tut sie die gute alte Glühbirne trotzdem. Und längst nicht nur sie.

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