EU schreibt Rezept vor

Glühwein ja, Punsch nein

+
Die Zutaten für selbst gebrühten Glühwein verkauft Andrea Frank. So viel sei verraten: Zimtstange, Nelken, Sternanis, Fenchelsamen, Orangen- und Zitronenschale gehören in die Gewürzmischung. Wer sein Heißgetränk selbst um frische, unbehandelte Orangen und Zitronen bereichern will, den schickt Andrea Frank an den Stand von Daniela Heininger.

Offenbach - Die alten Römer, sie wussten das Leben auszukosten und trieben die Kunst des Genusses geradewegs bis ins Exzessive, beim Fleischlichen wie beim Sinnlichen. Von Fabian El Cheikh 

Rom brachte den Vorläufer des heutigen Glühweins als Nahrungs- und Heilmittel in seine Provinzen, Spaßverderber sind historisch nicht überliefert. Die Vorstellung einer umfassend regulierenden Behörde war der Antike fern. Ganz anders heute: Die Europäische Union diktiert selbst den Glühweinverkäufern auf den Weihnachtsmärkten unserer Region, was sie da verkaufen dürfen. Mit dem Conditum Paradoxum hat das EU-zertifizierte Glühweingetränk indes nur noch wenig gemein. Damals wurde Honig mit etwas Wein eingekocht, hinzu kamen nach dem Kochbuch des Apicius Pfeffer, Mastix, Safran, geröstete Dattelkerne und Datteln. Auch Lorbeerblätter dürften verwendet worden sein. Zum Schluss wurde die Mischung mit zusätzlichem Wein verdünnt.

Wer heute Glühwein selbst zubereitet, findet die passenden und unseren modernen Zungen zuträglichen Gewürze etwa am Stand von Andrea Frank auf dem Wochenmarkt. Sie verkauft die fertige Mischung aus Zimtstange, Nelken, Sternanis, Fenchelsamen, Orangen- und Zitronenschale. Preis pro Tüte: etwa zwei Euro. „Die ist ausgesprochen beliebt“, berichtet Frank, die sich über Spitzfindigkeiten der EU nicht ärgern muss. Die entscheidet nämlich, der Blick unseres Brüsseler Korrespondenten Detlev Drewes in das europäische Weinrecht beweist’s, was ein echter Glühwein ist und was nicht: Und ein richtiger darf außer Rot- und/oder Weißwein höchstens Nelken und Zimt enthalten. Auch bei den Prozenten wird genau hingeschaut, denn alkoholfrei darf’s ausnahmsweise nicht sein. So muss der Alkoholgehalt zwischen sieben und 14,5 Prozent liegen. Wehe dem, der sein Heißgetränk mit Wasser anreichert und dadurch den Alkoholgehalt senkt: Ihn soll der Bannstrahl des Allmächtigen treffen.

Und falls ein Prüfer doch beim intensiveren Blick in den Becher Spuren von Wasser finden sollte, darf es sich lediglich um Reste jener Zusätze handeln, die zum Süßen verwendet worden sind. Also Flüssigsüße, Traubenmost oder Honig. Gleiches gilt übrigens für Fruchtglühwein, der mindestens 5,5 Prozent Alkohol enthalten muss. Der Kollege fand auch heraus, dass es sich bei Glühwein um einen rechtlich festgelegten Begriff handelt, bei Feuerzangenbowle oder gar Punsch jedoch nicht. Deshalb dürfen die Verkäufer ihre weinselige Kundschaft streng genommen nicht mit Verkaufsschildern wie „Punsch“ locken, sondern müssen genauer (am besten exakt) definieren, was sie da alles in den Kessel gekippt haben.

Bleiben zwei Dinge anzumerken: Erstens darf Glühwein nur bis 78 Grad erhitzt werden, sonst macht sich der Alkohol dünne. Zweitens wird, wer das Weinrecht nicht beachtet, mit bis zu 1000 Euro Strafe belegt. Davor muss sich indes keiner fürchten, der sich mit Andrea Franks Gewürzen sein eigenes Getränk zubereitet.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare