Es war ein goldener Käfig

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Nicht nur geographisch überschreitet Genie Grenzen, auch beruflich.

Offenbach - Offenbach, London, Kabul und zurück. Die Schauspielerin Genie Wassey lebt wechselweise in diesen drei Städten. Es ist ein ungewöhnliches Dreieck, in dem sich die 28-Jährige bewegt. Von Peter Klein

Gerade wurde ihr Film „Destiny“ auf den Afghan Cinema Awards in Biebesheim am Rhein gezeigt. Da der Film eine niederländisch-afghanische Coproduktion ist, lief er außer Konkurrenz, denn prämiert wurden nur rein afghanische Produktionen. So muss sich Genie Wassey mit einer Auszeichnung für ihr besonderes Engagement für Afghanistan begnügen.

Nachdenklich rührt die Schauspielerin an diesem Nachmittag in ihrem Kaffee in der Offenbacher Innenstadt und erzählt, wie alles gekommen ist. Dabei enthüllt sie eine ungewöhnliche Lebensgeschichte.

Als Siebenjährige kommt sie als Bürgerkriegsflüchtling nach Deutschland, zunächst nach Villingen im Schwarzwald. Mit 14 zieht sie zu ihrer Tante nach Bonn. Nach der 11. Klasse wechselt sie auf eine Schule, die das Abitur mit einer Tanzausbildung kombiniert. Genie will Tänzerin werden. Kurz vor dem Abschluss ist sie mit zwei Freundinnen im Auto unterwegs. Ein schwerer Unfall. Eine ihrer Freundinnen stirbt. Genie landet mit schweren Rückenverletzungen im Krankenhaus. Der Traum von der Tanzkarriere ist endgültig geplatzt. Es folgen zwei Jahre zwischen Depressionen und Krankenhausaufenthalten.

2005 kehrt sie nach 15 Jahren erstmals zurück in ihr Heimatland und ist spontan eingenommen von der Kultur, spürt so etwas wie Heimatgefühl. Wieder in Deutschland beginnt sie eine zweijährige Ausbildung zur Euro-Dolmetscherin und macht ihr Abitur nach. Sie spricht bereits Deutsch und Farsi akzentfrei sowie Hindi. Ihre Dolmetscherprüfung macht sie in Englisch und Französisch. In Spanisch und Arabisch sei sie über Grundkenntnisse nicht hinausgekommen.

In Kabul bot sich ihr sofort ein Marketing-Job

Nach dem Abschuss wohnt sie zunächst bei ihrer Mutter, die mittlerweile in Offenbach lebt, und jobbt sich so durch. Schließlich besucht sie wieder Afghanistan, wohnt in Kabul bei Verwandten. Als Genie ihre Cousine zur Arbeit bei der Bank of Kabul begleitet, bieten sie ihr dort wegen ihrer Sprachkenntnisse und ihrer westlichen Ausbildung sofort einen Job im Marketing an. „Es war interessant, aber es war auch ein goldener Käfig“, erzählt sie rückblickend. „Ich hatte einen Fahrer, ständig Sicherheitsleute um mich herum, konnte nie alleine in die Stadt gehen“, berichtet sie. Außerdem gab es Probleme in der Familie, da sie aus dem Stand ein Mehrfaches von dem Gehalt ihres Onkels bekam, der schon länger dort arbeitete. Nach drei Monaten kehrt Genie Wassey nach Offenbach zurück, allerdings mit einem Auftrag der Bank in der Tasche. Sie soll für eine regelmäßig stattfindende Lotterie afghanische Künstler, die im Ausland leben anwerben und nach Kabul bringen.

Von Offenbach aus nimmt sie Kontakt zu dem in Heidelberg lebenden und in Afghanistan sehr populären Popmusiker „Valy“ auf. Durch ihn lernt sie Leute vom Film kennen. Die sind auf der Suche nach einer Person, die eine traditionellen Afghanin spielt, die sich innerhalb weniger Jahre in eine moderne selbstbewusste Frau wandelt. Man traut ihr die Rolle zu, da sie in beiden Welten zuhause ist. Erst nach dem Vorspielen erfährt sie, dass sie die Hauptrolle spielt.

Als die Dreharbeiten beendet sind, begleitet sie Musiker Valy auf seiner Welttournee, reist mit ihm nach Sydney, Dubai, Kanada. Nach der Premiere von „Destiny“ in Amsterdam und Kabul wird ihr im afghanischen Fernsehen eine Kochshow angeboten, die sie von April bis Juni dieses Jahres dreht.

Kehrseite der Medaille kennengelernt

Ihre Bilder stehen mittlerweile auf der Internetseite „afghanstarz“. Doch Genie hat auch die Kehrseite der Medaille kennengelernt. Irgendwann tauchten gefälschte Facebookseiten und ähnliches von ihr auf. „Ruhm hat mehr Nachteile als Vorteile“, sagt die 28-Jährige und rührt wieder in ihrem Kaffee. „Ich nehme das Ganze als Erfahrung mit, aber ich laufe dem Ruhm nicht hinterher.“

Andere Rollen, außer einer kleinen Nebenrolle in einem Bollywoodfilm in London, habe sie abgelehnt. Aber nicht ohne Grund. Bereits Ende 2008 hat sie sich einen anderen Traum erfüllt. Mit dem endlich ausgezahlten Schmerzensgeld aus dem Unfall und ihrer Filmgage ging sie nach London um englische Literatur zu studieren.

Gut kann sich Genie vorstellen, nach dem Ende ihres Studiums etwas zu machen, bei dem sie nicht mehr so sehr im Rampenlicht steht, wie Drehbuchschreiben. An Weihnachten will sie wieder nach Kabul reisen. Aber nicht ohne Zwischenstop bei Muttern in Offenbach.

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