Graben wurde langsam kleiner

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Spaß beim Sommerfest: Die „Generationenbegegnung“ der KKS ist inzwischen in Fachkreisen bekannt. Sie wurde 2006 in einem vom Deutschen Philologenverband veröffentlichen Buch mit dem Titel „Ideen für die Schule der Zukunft – Abschreiben erlaubt“ vorgestellt und als nachahmenswert gelobt.

Offenbach - Die eigenen Großeltern kennen sie oft nicht. Den Umgang mit Menschen jenseits des Alters ihrer Eltern sind sie nicht gewohnt. Entsprechend unsicher fühlen sich die meisten Käthe-Kollwitz-Schüler, wenn sie zum ersten Mal alten Menschen begegnen, um mit ihnen etwas zu unternehmen. Sich auf das Neue und bis dahin Unbekannte einzulassen, braucht Zeit. Von Lis Schulmeister

Die hatten die zehn Jugendlichen, die im Projekt „Generationenbegegnung“ der KKS mitmachten. Ein Jahr lang besuchten sie jede Woche für knapp zwei Stunden zehn Bewohner des Seniorenzentrums Elisabethenstraße. Begleitet von ihren Lehrern Judith Bienefeld und Torsten Hartart gingen sie mit den Senioren spazieren, spielten und bastelten gemeinsam. „Voriges Jahr war „Mensch ärgere Dich nicht“ der ungeschlagene Favorit unter den Brettspielen“, berichtet Judith Bienefeld, die an der KKS in der Sparte Pflegeberufe unterrichtet. Im vergangenen Schuljahr war Bingo beliebtester Zeitvertreib.

Vor Weihnachten und Ostern erfreuten die jungen Leute die Heimbewohner auch mit musikalischen und literarischen Vorträgen. Ob muslimisch, katholisch, evangelisch, orthodox oder atheistisch geprägt: „Schüler und Bewohner verschiedener Religionszugehörigkeit waren bewegt von den Liedern mit christlichem Inhalt“, erzählt Judith Bienefeld. „Multikulturelle Improvisation und gelebte Integration“ wurden die Lieblingsworte der Jugendlichen im Zusammensein mit den alten Menschen. In den Frühlings- und Sommermonaten werkelten die jungen Leute im Garten des Seniorenzentrums mit Spaten, Hacke, Säge, Bohrer und Pinseln.

Ermuntert von ihren Lehrern wurde der Graben zwischen den Generationen kleiner. „Es berührt mich zu sehen, wenn die oft scheuen Schüler immer unbefangener im Kontakt mit den Senioren werden“, meint die Pädagogin. Am Ende des Schuljahres komme es auch vor, dass Schülerinnen zaghaft nachfragen, ob sie „ihre“ Bewohner, die sie während der Projekttage kennen gelernt haben, auch alleine besuchen dürften. Manche Schüler entschlossen sich, ihre Erfahrungen zu erweitern und sich auch beruflich mit der Pflege alter Menschen zu beschäftigen. „Acht Schülern konnten wir ein Praktikum im Seniorenzentrum vermitteln“, freut sich Bienefeld.

Die Ziele haben sich nicht geändert

Die Schüler veranstalteten mit Pädagogen und Ergotherapeuten des Seniorenzentrums ein Abschiedsfest an der Elisabethenstraße. Sie kochten und servierten Nudelauflauf und Dessert für 30 Festteilnehmer. Finanziert wurde das Menü mit dem Preisgeld von 100 Euro, das die Klasse für die Teilnahme an einem Wettbewerb Organisation „ Children for a better world – Jugend hilft“ erhalten hatte. Auch ein Abschiedsgeschenk überreichte die Gruppe. Eine unter maßgeblichem Beistand von Torsten Hartart geschreinerte Sinnestafel, geeignet für Rollstuhlfahrer und Fußgänger.

Initiatoren des Projekts waren im Jahr 2000 Judith Bienefeld und der inzwischen pensionierte Religionspädagoge und evangelischer Pfarrer Mario Vazquez. Sie hatten dasselbe Ziel: Sie wollten die nach dem damals noch geltendem Recht schulpflichtigen, jedoch wenig motivierten Jugendlichen mit brüchigen Biografien für lebensnahes Lernen interessieren. Sie wollten die Schüler aus der sich anbahnenden beruflichen Zukunfts- und Chancenlosigkeit locken und Perspektiven öffnen, einen Ausbildungsplatz zu finden oder den Besuch weiterführender Schulen zu ermöglichen.

Das Ziel ist heute wie vor neun Jahren dasselbe. Doch heute unterliegen die Projektteilnehmer keiner Schulpflicht mehr, und die Schüler nutzen freiwillig den Vollzeitunterricht.

Das Projekt Generationenbegegnung basiert auf dem Hessischen und mit Mitteln aus dem EU-Sozialfond geförderten Programm „Eingliederung in die Erwerbs- und Berufswelt zur Bekämpfung von Jugendarbeitslosigkeit durch Qualifizierung“. Die Generationenbegegnung ist eines von vier qualifizierenden Unterrichtsangeboten der KKS für Jugendliche, die noch auf der Suche sind nach einem Berufs- oder Ausbildungsweg und ihre Fähigkeiten und Perspektiven erweitern möchten.

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