Auf Gradwanderung

In der Maa-Sauna (Maa = Finnisch: Erde) der Dietzenbacher Saunainstitution „Garten Eden“ herrschen 108 Grad. Für Bernhard Strohmeier und „Superbutzi“ keine Herausforderung.

Offenbach ‐ Der Offenbacher Bernhard Strohmeier und Michaela Butz sind Deutsche Saunameister. Kann jetzt eigentlich nicht mehr lange dauern, bis ein paar verzweifelte Typen von der Klimaforschung bei Bernhard Strohmeier in Offenbach auftauchen. Von Marcus Reinsch

Sie werden ihn vor die Wahl stellen. Entweder er verrät sein Rezept zum professionellen Umgang mit katastrophalen Temperaturen zum Wohle der vom Klimawandel gepeinigten Nation freiwillig. Oder sie machen ihm die Hölle heiß. Strohmeier wird die Drohung freudig als Bestechungsversuch fehldeuten und vielleicht ganz kurz abwägen, ob er 110 oder 120 Grad bestellen soll.

Aber dann wird er seinen Häschern ganz ohne Gegenleistung empfehlen, was auch seine in einschlägigen Kreisen nur Superbutzi genannte Freundin Michaela Butz aus Rödermark empfehlen würde: Hinsetzen, Arme verschränken, Hände zum Schutz und zur Kontrolle ans Herz, den Rücken zwecks effektivem Schweißabfluss leicht beugen, nicht rumzappeln! Und dann langsam vor sich hin tropfen, bis die Sache überstanden ist.

„Wer kann länger, darum geht`s bei uns“

Solche unspektakulären Tipps werden die Klimatypen natürlich nicht befriedigen. Aber viel mehr Geheimnis, sagt das Pärchen, stecke nunmal nicht hinter den Deutschen Meistertiteln im Saunieren, die es vorvergangenes Wochenende in Stralsund gewonnen hat. Na, ein bisschen Atemtechnik vielleicht noch. Die wiederum ist eigentlich auch schon nötig, um nicht im Angstschweiß unterzugehen, wenn die Superbutzi und der Bernhard im Café der Dietzenbacher Sauna-Insitution „Garten Eden“ erzählen, wie das war bei der Deutschen Meisterschaft.

Wohlfühl- und Leistungsschwitzer unterscheiden sich in entscheidenden Punkten. Zuallererst in der Motivation. Ein Genießer beispielsweise wird nicht länger brutzeln, als er will - während Meisterschaftsanwärter vom unbedingten Willen zum Durchhalten gesteuert sein müssen. „Wer kann länger, darum geht`s bei uns“, erklärt Strohmeier.

Vor allem aber sind es die inneren Werte einer Wettbewerbssauna, die Gelegenheitsnutzer das Fürchten lehren: In einem normalen öffentlichen Schwitzkasten herrschen auf Kopfhöhe mal 85, mal 95 oder auch etwas mehr als 100 Grad und rund 10 Prozent Luftfeuchtigkeit.

8 Minuten, 54 Sekunden und 17 Aufgüsse

Und auch die anfangs 120 Grad in der Stralsunder Meisterschaftskabine wären noch kein Grund zur Panik gewesen - wenn es da nicht diesen teuflischen Apparat gegeben hätte, der alle 30 Sekunden automatisch Wasser auf den Ofen spritzte. Mit jedem dieser Aufgüsse stieg die Luftfeuchtigkeit um bis zu drei Prozent. Und unter derart verschärften Bedingungen halten es die wenigsten Menschen lange aus, weil Luft alleine zwar ein schlechter Wärmeleiter ist, Wasser aber ein guter.

Saunameister Herrant Vortisch, Geschäftsführer im „Garten Eden“, wo Superbutzi zehn Jahre lang trainierte, rechnet vor: „Ein Kubikmeter 100 Grad Celsius heiße Luft kann fast einen Liter Wasser transportieren, null Grad kalte Luft gerade mal wenige Gramm“.

Im Stralsunder DM-Finale schaffte Bernhard Strohmeier 8 Minuten, 54 Sekunden und 17 Aufgüsse - Meister. Michaela Butz saß nach 6 Minuten, 40 Sekunden und 13 Aufgüssen als letzte Finalistin in der Folterkammer - Meisterin. Und damit gleich doppelt ganz oben auf dem Treppchen. Seit einer Glanzleistung verganges Jahr in Finnland ist sie auch amtierende Weltmeisterin.

Die deutsche Szene der Leistungssaunierer ist überschaubar, etwa 200 Männer und 50 Frauen zählen dazu. Hochschwitzen bis zur Meisterschaft muss sich von ihnen niemand. Es gibt keine Ligen, keinen Auf- und keinen Abstieg. Es gibt nur die Meisterschaften und für jeden die persönliche Herausforderung, seine eigenen Grenzen zu kennen und zu respektieren.

Saunaritter

Das ist nicht einfach. Unter bestimmten Umständen wird die Gradwanderung in der Sauna zur Gratwanderung zwischen Leben und Tod. Bei der WM 2010 war ein Russe offenbar so vom Ehrgeiz besessen, dass er Schmerzmittel nahm und damit alle Warnsignale seines Körpers ausschaltete. Er schaffte es nicht mehr aus der Kabine, starb noch vor Ort. In diesem Jahr wird es wohl keine offizielle Weltmeisterschaft geben.

Eine Erinnerung, bei der Bernhard Strohmeier und Michaela Butz das Grauen packt. Sie selbst gehen weit, aber nie zu weit, sagen sie. Und so hielten es alle im Team der „Saunaritter“. Nicht nur gemessen an seiner steilen Erfolgskurve bildet es die Speerspitze der Bewegung in Deutschland - Deutsche Meisterschaft 2008: je einmal Bronze bei Damen und Herren; DM 2009: Herrensilber und Damensilber und -gold; WM 2009: Damenbronze; DM 2010: Gold, Silber und Bronze bei Damen und Herren: WM 2010: Damengold und -bronze; DM 2011 alle Medaillen für die Herren, Gold und Silber für die Damen.

„Die Haut kann das Schwitzen lernen“

Angefangen hatte alles mit sieben Leuten, die in der Sauna grundsätzlich auf der obersten, der heißesten Stufe saßen. Sie taten sich zusammen, trainierten erst in einer privaten Kellersauna in Maintal, dann, als Gleichgesinnte hinzukamen, in verschiedenen öffentlichen Saunen. In der ehemaligen Saunaburg in Ober-Roden wurde der Kampfname „Saunaritter“ geboren. Leistungsgrenzen wurden gesprengt, „die Haut“, sagt Strohmeier, „kann das Schwitzen lernen“. Sie lernte schnell, und in der mittlerweile vom Club geführten Trainingssauna „Vitamar“ in Kleinostheim lernt sie unter Wettkampfbedingungen.

Die mittlerweile 29 Saunaritter sind längst so weit vernetzt, dass sie eine Anwärterliste haben. Wer Ritter werden will, muss in einem System, das sich an den Farben von Kampfsportgürteln orientiert, Mindestanforderungen erfüllen. Die sind nicht ohne - und führen im Erfolgsfall zu einem Ritual, das in einer Dusche aus Wasser und Mitgliederschweiß aus der Aufgusskelle und im Gelöbnis gipfelt, in einer Sauna nie mehr auf einer anderen als der höchsten Ebene zu sitzen.

Für September haben sich zu einem „Thermisches Quartett“ genannten Wettbewerb des hessischen Clubs 15 der hitzeresistentesten Finnen angekündigt. Und das will wirklich was heißen. Die Finnen sind ein echt heißes Völkchen. Das kennt zwar die resteuropäische Tradition des Handtuchwedelns nach einem Aufguss ebenso wenig wie Aromazusätze. Es befeuert den Ofen in seinen berühmten Holzsaunen aber auch gerne mal bis 200 Grad…

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