Atmosphäre aus der Dose

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Hingucker aus der Sprühdose: Eine Soulsängerin begrüßt schon jetzt Besucher im Foyer der Stadthalle, ein Dutzend weiterer Bilder soll folgen. Geschäftsführerin Birgit von Hellborn erlaubt fürs Foto schon mal einen kleinen Blick aufs nächste große Wandbild: ein Tanzpaar.

Offenbach - Die Stadthalle ist eine alte Dame, die in ihrem Leben viele treue Freunde gewonnen hat. Damit das so bleibt, ist Verjüngung angesagt: Sprayer Marcus Dörr verwandelt die kühlen Wände in Kunstwerke mit Lokalkolorit. Von Barbara Hoven

Geht ein Jahr zu Ende, macht Birgit von Hellborn zwei Gewinn- und Verlustrechnungen. Als Geschäftsführerin der für Stadthalle und Capitol zuständigen Gesellschaften interessiert sie einerseits der Kassenstand. Zum anderen will sie wissen, wie viele Kunden Offenbachs Veranstaltungstempel für Konzerte, Kongresse, Sportevents oder ähnliches buchen wollten. Was das Capitol angeht, ist von Hellborn „hoch zufrieden“ mit dem Jahr 2010. An 105 Tagen war die ehemalige Synagoge an der Goethestraße vermietet, „das ist eine richtig gute Zahl und zeigt, dass sich das Objekt als Veranstaltungshalle für Tagungen, Shows und Konzerte etabliert hat“.

Marilyn Manson kam mit sieben Lastern

Für die in die Jahre gekommene Stadthalle dagegen fällt die Buchungs-Bilanz weit weniger erfreulich aus. Nur an 60 Tagen war sie im vergangenen Jahr belegt. „Das ist schon sehr wenig“, sagt von Hellborn. „Vor allem die Zahl der Konzerte ist definitiv rückläufig.“ Das liege, vermutet sie, nicht nur an der starken Konkurrenz im Umland. Frankfurts Jahrhunderthalle beispielsweise sei zwar viel teurer, biete aber auch mehr Plätze und bessere technische Möglichkeiten. „Der technische Aufwand wird gerade bei Bands immer bombastischer und verlangt eine Ausstattung, die unser 45 Jahre altes Haus nicht bieten kann“, ist von Hellborn sich im Klaren. „Marilyn Manson etwa kam vor drei Jahren mit sieben Lastern zu uns, seine Leute konnten aber nur den Inhalt aus zweien aufhängen.“

Neues Farbkonzept war schnell erdacht

Die Stadthalle ist eine alte Dame. Sie hat in ihrem langen Leben viele treue Freunde gesammelt, doch langsam scheint ihr der Freundeskreis wegzusterben. Das wollen Birgit von Hellborn und ihr kleines Team, neun Mitarbeiter plus zwei Azubis, natürlich verhindern. „Ein Um- oder gar Neubau kommt aber nicht in Frage, dafür fehlt schlicht das Geld“, sagt die Geschäftsführerin.

Die Suche nach anderen, bezahlbaren Wegen, die Halle aufzuwerten und Atmosphäre zu schaffen, brachte das Team auf Sprayer Marcus Dörr. Der Chef der Offenbacher Agentur „artmos4“ hat sein Leben in Offenbach verbracht, verbindet selbst viel mit der Stadthalle. Hier wirbelte er beim Abschlussball der Tanzschule schick verkleidet übers Parkett, hier hörte er große Konzerte wie das der Hip-Hopper von Public Enemy. Dörr wusste sehr genau, was Birgit von Hellborn meinte, als sie von einer Neugestaltung sprach, die dem bunt gemischten Publikum gerecht wird und „die gesamte Produktpalette des Hauses“ zeigt. Schnell war gemeinsam mit Projektleiterin Katrin Rau ein neues Farbkonzept für die Stadthalle erdacht.

Bis zum Sommer soll ein Dutzend weiterer Motive folgen

Zuerst zauberte Dörr eine Soul-Lady ins Foyer. Anmutig umfasst sie ihr Mirko. Noten fließen vor warmen Erdfarben um ihren Kopf und tanzen mit den Kringellocken. Aus einer kalten Wand, die bislang die Besucher begrüßte, ist so ein Kunstwerk geworden. Und das ganz zügig und vergleichsweise günstig, mit der Sprühdose.

„Es sieht einfach fantastisch aus, wir sind begeistert“, schwärmt Birgit von Hellborn vor der Soul-Lady, die seit drei Wochen die Wand ziert. An eine andere hat Kreativling Dörr auf drei mal fünf Metern einen Redner gesprüht. Bis zum Sommer soll nach und nach ein Dutzend weiterer Motive folgen. Als nächstes will Dörr sich thematisch den Tanzveranstaltungen widmen, danach dem Sport. Sein Tanzpaar wird er jedoch nicht direkt auf die Kopfwand des Foyers sprühen, sondern auf abnehmbare Platten. „So kann das Bild in Sicherheit gebracht werden, wenn vor der Wand Merchandise-Stände von Bands aufgebaut sind.“ Außerdem, verrät von Hellborn, sei geplant, eine große Außenwand der Halle aufzupeppen. Wie genau, bleibe aber noch ein Geheimnis.

Traglast des Bühnendachs wird verstärkt

Und auch in bessere Technik soll investiert werden. Zumindest das, was die Kasse hergibt. Ganz sicher werde die Traglast des Bühnendachs verstärkt, damit Manson, falls er wiederkommt, und andere Musiker künftig mehr vom Equipment in Offenbach auspacken können. Von Hellborn hofft, die Stadthalle so konkurrenzfähig zu halten, obwohl viele umliegende Hallen durch Subventionen ihrer Städte finanziell viel besser gestellt seien. „Ich kann hier keine große Veranstaltung für 500 Euro anbieten, wenn allein die Reinigung danach 700 kostet“, rechnet die Geschäftsführerin vor. Und auch Techniker und Bühnenmeister, Service- und Sicherheitskräfte wollen bezahlt werden. „Gut 2000 Euro sind für eine durchschnittliche Veranstaltung nötig, aber dann ist noch keine Heizung an und keine Wartung eingerechnet.“

Trotzdem guckt das Team optimistisch ins neue Jahr. „Das Capitol ist wieder sehr gefragt, auch für die Stadthalle sind schon 53 Veranstaltungen gebucht, viele weitere Abende reserviert“, sagt von Hellborn. Die Mischung des Programms sei wieder „richtig gut gelungen, da ist für jeden was dabei“. Pop-Größen wie Jan Delay (24. Januar) oder Katy Perry (6. März) haben sich angekündigt, Volksmusik-Star Hansi Hinterseer (29. Mai), außerdem Comedians und, erstmals in Offenbach, die Deutsche Meisterschaft im Garde- und Schautanzsport im April.

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