Straßenkunst oder Verunstaltung?

Sprayen, Taggen und Co.: Das Übel aus der Dose

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Straßenkunst oder Verunstaltung? Da gehen die Meinungen mitunter auseinander. Wer durch die Offenbacher Innenstadt geht, entdeckt farbige Schriftzüge an nahezu jeder Ecke. Das Straßenbild gleicht einer breit angelegten Kapitulation.

Offenbach - Sprayen, Taggen, Scratchen. Hauptsache, das Geschriebene kommt großflächig und bunt rüber – auch wenn’s keine Botschaft hat. Andere nennen es schlicht Schmierereien. Von Martin Kuhn 

Das Phänomen der meist illegalen Graffiti haben bereits die Rodgau Monotones aufgegriffen: „Da macht es sprüh, sprüh, sprüh um drei Uhr früh. Ich hab die Dose noch in der Hand...“ Und es kommt gar nicht selten vor, dass die Polizei nächtliche Sprayer schnappt. Allerdings wissen die Beamten auch: „Viele Fälle werden erst gar nicht angezeigt.“ Sprayer betreiben Straßenkunst, indem sie im öffentlichen Raum kreative Arbeiten anbringen. Einige, wie die Offenbacher Agentur Artmos4 von Marcus Dörr, machen das legal. Allerdings überwiegt die illegale Straßenkunst. Dafür findet sich überall eine freie Fläche – an Hauswänden, auf Schaltkästen, an S-Bahnen, auf Wegweisern. Nach den Buchstaben des Gesetzes sind die verschnörkelten Bilder allerdings Sachbeschädigung.

Denen ist etwa Roland Nowak auf der Spur. Für Karree Offenbach, gemeinsames Projekt von Eigentümern innerstädtischer Geschäfte und dem Gewerbeverein Treffpunkt, ist er seit 2012 auch für die Graffiti-Entfernung zuständig. „In dieser Zeit sind die Schäden etwa gleich geblieben.“ Wenn neue Graffiti hinzukommen, „sind es meistens kleine, auf die Schnelle hin gekritzelte“. Karree ist grundsätzlich bemüht, diese umgehend zu entfernen. „Ich beauftrage eine Firma, mit der ich seit 2012 zusammenarbeite. An geeigneten Stellen wird nach der Reinigung ein Graffitischutz aufgebracht, der das Reinigen im Wiederholungsfall erleichtert“, sagt Roland Nowak.

Wer greift zur Sprühdose?

Wer aber greift zur Sprühdose, im Szenejargon „Can“? Beamte des Polizeipräsidiums Südosthessen sind generell zurückhaltend mit Pauschalierungen, bei der SG Sprayer kristallisiert sich jedoch heraus: Es sind überwiegend jugendliche Deutsche aus gut situierten Familien, die mit illegalen Graffiti Bekanntheit, Ehre und Ruhm erlangen wollen. Mit zwei Beamten und einer Angestellten leitet Kriminalhauptkommissarin Ursula Elmas das Sachgebiet. Dass das Sprayen inzwischen etwas aus der Mode kommt, wie einige Leute denken, erkennt sie nicht: „Wir haben relativ konstante Deliktzahlen.“

Wobei festzuhalten ist: Die Beamte verfolgen allein angezeigte Sachbeschädigungen, darum handelt es sich streng genommen. 2010 verzeichnet sie im Zuständigkeitsgebiet 862 Fälle. In den folgenden Jahren registriert Ulmas 553 (2011) und 804 (2012) Fälle. Nach Anzeige vernehmen die zuständigen Revierbeamten Zeugen und fotografieren die „Werke“. In der Hanauer Dienststelle von Ursula Elmas wird das alles gebündelt, und es lassen sich gegebenenfalls (Bewegungs-) Muster erkennen: Wo taucht überall das „Tag“ auf? Welchen Weg nimmt der Sprayer?

Hessens größtes Graffito

Hessens größtes Graffito

Einmal in der Kartei erfasst, ist er mitunter schnell zu identifizieren. „Sein ,Tag’ gehört zu ihm wie seine Unterschrift“, weiß die SG-Leiterin. In seltenen Fällen wird gar ein Graphologe bemüht, um eine sichere Zuordnung zu gewährleisten. So kommt die Polizei ab und zu hinter Schmier-Serien. Die Aufklärungsquote der SG-Sprayer ist für die Deliktgruppe Sachbeschädigung erstaunlich hoch: Von 45,1 Prozent (2010) über 33,6 Prozent (2011) bis 22 Prozent (2012). Das liegt auch daran, dass die Sprayer ihre Kunst bewusst öffentlich machen, wenn möglich an zentralen Orten: „Sie wollen gesehen werden, ihren Schriftzug möglichst oft anbringen.“

Was die Beamten irritiert, ist ein verbreitetes Desinteresse. Aktuelles Beispiel: Drei Jungen besprühen die Lärmschutzwand der A3 auf einer Länge von etwa 30 Metern, erst zwei dienstfreie Polizeibeamte melden das ihren Kollegen, die das Trio schnappt. „Das müssen vorher hunderte Autofahrer gesehen haben. Keiner hat reagiert. Wir sind aber auf Hinweise der Bevölkerung angewiesen.“ Wichtiger Aspekt ist die Haftung für die kostspielige Beseitigung. „Eine Schadenersatzforderung bleibt 30 Jahre bestehen.“ Heißt: Jugendsünden rächen sich möglicherweise. Summen von oft vielen tausend Euro können noch Jahre später eingefordert werden, auch wenn der Täter zum Zeitpunkt der Tat minderjährig war oder kein Einkommen hatte.

Coole Graffiti und Fotos aus Langen

Coole Graffiti und Fotos aus Langen

Das spüren auch kommunale Unternehmen. Bei den Verkehrsbetrieben sind die Reinigungskräfte extra angewiesen und ausgerüstet, um die Marker-Spuren zu beseitigen. In den 59 OVB-Bussen sind die Rückseiten der Sitze und Seitenverkleidungen beliebte Ziele. Was kaum verwundert: Meist hinten, also fernab der Augen des Fahrers und „verstärkt im Schülerverkehr“, sagt OVB-Sprecherin Christine Wüst. Detailliert zu beziffern ist der Schaden nicht, der Zeitaufwand summiert sich auf einen fünfstelligen Jahresbetrag. Ähnliches berichtet die Energieversorgung. Immer wieder sind die gut 6000 Verteilerschränke und 1150 Stationen des EVO-Stromnetzes betroffen. Sprecher Harald Hofmann: „Allein aufgrund der großen Zahl können wir nicht sofort und überall tätig werden. Das würde unseren finanziellen Rahmen sprengen.“

Das ist nicht allein in Offenbach der Fall. Der Schaden, der etwa der Bahn durch gesprühten Vandalismus entsteht, beläuft sich auf 6,6 Millionen Euro – Jahr für Jahr. Bundesweit soll diese „Suche nach Anerkennung“ mit mehr als 200 Millionen Euro zu Buch schlagen.

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