Grandke im Steilhang

Der fröhliche Weinberg der Schreibtischtäter: In Kröv, wo auch der berühmte „Nacktarsch“ gedeiht, präsentieren sich Offenbacher im blauen Winzerkittel.

Offenbach ‐ Als Offenbacher Oberbürgermeister hat Gerhard Grandke vor Jahren den festen Stand auf glattem Boden eingeübt. Als nunmehriger Präsident des Sparkassen-Verbands sollte ihm weitsichtige Planung vertraut sein. Von Lothar R. Braun

Da mutete es schon befremdlich an, dass er zur Arbeit in einem nassen, schieferglatten Riesling-Steilhang über der Mosel in Turnschuhen antrat. Danach ging er festes Schuhwerk einkaufen. Es war Grandkes erste Erfahrung im eigenen Weinberg. An dem hat er teil als Mitglied des „Ordens der Freunde traditionellen Moselweins in Offenbach am Main“.

Es sind Schreibtischmenschen, die das Vergnügen am Wein bis in die landwirtschaftliche Praxis drängt. Zu ihrem „Ordensmeister“ wählten sie den Anwalt Joachim Jungbluth, zu ihrem „Weinmeister“ den Anwalt und Notar Dr. Thomas Lanio. Als „Beutelmeister“ hütet Wirtschaftsprüfer Michael Heim die Kasse.

Auch die übrigen Mitglieder sind im Offenbacher „Who is who“ zu finden: Gerhard Grandke eben und Guido Braun, Joachim und Alexander Weipert, Frank Bartenstein und Dr. Eberhard Theobald. Mit ihnen versuchen sich Günter Jucht, Rainer Klett und Dr. Jürgen Tillig am steilen Hang. Zumindest bei der Lese muss jeder von ihnen in die Reben. Und nicht selten fällt dabei einer auf den Hosenboden. Der Wahrheit halber sei angefügt: Für das Technische und die Arbeit im Keller steht ihnen ein Profi aus der Weinbaugemeinde Kröv zur Seite.

Weinbrüder müssen den Wein selber trinken

Denn zu Kröv – wo die Sonne den Schiefer heizt – gehört der Steilhang, den die Offenbacher Hobby-Winzer vor zwei Jahren zunächst pachteten und dann erwarben. In einer Kapelle aus dem 17. Jahrhundert läutete die Glocke, als sie sich bei der Besitznahme himmlischen Beistand erbaten. Was sie bisher auf den 948 qm Steilhang ernteten, ergab Riesling-Weine, die der Ordensmeister „im guten Spätlese-Bereich“ sieht. „Vinum amicorum“ - ein Wein der Freunde wegen - haben sie ihn getauft. „Nimmt man nur die Stundensätze der an der Lese beteiligten Ordensbrüder, dann ist das der teuerste Wein Deutschlands“, seufzt Joachim Jungbluth. Er sieht dabei nicht unglücklich aus.

Hobby-Winzer dürfen mit ihren Weinen keinen Handel treiben. Die Weinbrüder müssen ihn selber trinken. Natürlich ließen sie fachlich testen, was ihnen dabei über die Zunge rollt. Und das liest sich so: „Der Vinum Amicorum Nr. 1 Steillagen-Riesling Spätlese besticht durch eine fruchtige Intensität, gepaart mit animierender Säure und stahliger Mineralität. In der Nase dominieren kräftige Noten; gepaart mit dem Duft von Citrusfrüchten, die am Gaumen ergänzt werden durch Maracuja, Pfirsich und Grapefruit“.

36 Flaschen konnte jeder der Weinbergs-Eignern im ersten Jahr einkellern. Im zweiten Jahr brauchte er Platz für 65. Auch das wird nicht bei jedem den Jahresbedarf decken. Die Vereinssatzung enthält denn auch den schönen Satz: „Das Trinken von Bier ist grundsätzlich erlaubt, da Bier nur Nahrung, nicht aber Genussmittel ist.“

Doch damit das nicht missverstanden wird, wurde in die rebselig verfasste Satzung auch diese Klarstellung aufgenommen: „Der Verein ist nicht gemeinnützig. Er dient ausschließlich dem egoistischen Interesse seiner Mitglieder, sich möglichst oft dem Genuss guten Weines hinzugeben und die Kultur des Weingenusses zu höchster Vollendung zu führen.“ Na denn, auf Ihr Wohl!

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