Gras statt Gemüse

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Das Offenbacher Schöffengericht hat einen türkischen Gemüsehändler aus Offenbach, den die Polizei im August mit acht Kilo „Gras“ erwischt hatte, zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt - auf Bewährung.

Offenbach ‐ Es begann mit einem verdächtigen Geruch und endete mit einem faden Beigeschmack: Das Offenbacher Schöffengericht hat einen türkischen Gemüsehändler aus Offenbach, den die Polizei im August mit acht Kilo landwirtschaftlichen Erzeugnissen der illegalen Sorte erwischt hatte, zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt - auf Bewährung. Von Marcus Reinsch

Dass der Angeklagte faktisch mit der Freiheit davon kommt, hat er entweder einem kreativen Lügenmärchen oder der Wahrheit, in jedem Fall aber dem Umstand zu verdanken, dass in Deutschland kein Verdächtiger für etwas bestraft werden kann, das ihm nicht zweifelsfrei zu beweisen ist. Und beweisen konnte das Gericht unter Vorsitz von Richter Manfred Beck dem Händler nur, dass er in seinem Auto Drogen transportierte.

So kam‘s: Mit Offenheit der Ordnungsmacht gegenüber hatte der 39-jährige Gemüsemann schon im Sommer nicht viel am Hut gehabt. Als er am trockenen und warmen Abend des 8. August auf der Autobahn A661 kontrolliert wurde, kurbelte er die Seitenscheibe seines Mietwagens gerade mal einen Spaltbreit hinunter und quetschte seine Papiere hindurch. Solche Verschlossenheit motivierte die Polizisten erst recht, genauer hinzusehen, sprich: hinzuschnuppern.

Acht Kilogramm Gras in Päckchen

Kaum war die Tür offen, schlug den Beamten massiver Marihuana-Mief entgegen. Zum Vorschein kamen acht Kilopäckchen der von Konsumenten schlicht „Gras“ genannten Rauchdroge. Dieser Fund - und dass der Fahrer in zwei Tagen 1.200 Kilometer zurückgelegt und Getränkedosen aus Holland dabei hatte - nährte den Verdacht, dass da ein Drogenhändler auf Nachschubtour ertappt worden ist. Für drei bis vier Jahre hinter Gittern hätte die ungehörige Menge wohl ausgereicht.

Aber die Beweise reichten nicht. Der Gemüsemann, seit der Kontrolle in Untersuchungshaft, gestand nur, was sich nicht vermeiden ließ. Ja, er sei in Holland gewesen - allerdings schon vor dem Tag seiner Festnahme und nur bei einem Gemüse- und nicht bei einem Drogengroßhändler. Das georderte Gemüse werde mit einem Laster angeliefert. Er selbst habe gerade seine Kunden abgeklappert, um deren Bestellungen aufzunehmen, und sei bei einer Pause in einem türkischen Café im Frankfurter Bahnhofsviertel von einem Bekannten für 500 Euro Honorar zum Transport der Drogen nach Dietzenbach überredet worden. Er habe der Verlockung des schnellen Geldes nicht widerstehen können, sagte er. Was er nicht sagte, war der Namen des Bekannten. Die Angst, dass der Großdealer seiner Familie etwas antue, sei zu groß. Und das Ziel in Dietzenbach habe ihm erst noch per Telefon mitgeteilt werden sollen.

Strafe wurde zur Bewährung ausgesetzt

Eine Geschichte, die das Gericht nicht glauben konnte, aber gelten lassen musste. Etwas Erleichterung von den „erheblichen Zweifeln an dieser Version“ verschafften zumindest die Geo-Daten des Angeklagten-Handys. Die besagten, dass der Mann tatsächlich am kompletten Festnahmetag im Rhein-Main-Gebiet unterwegs gewesen war. Auch gab es den holländischen Gemüsehändler.

Die Strafe wurde zur Bewährung ausgesetzt, weil der nun nur der „Beihilfe zum Handeltreiben mit Marihuana“ überführte Angeklagte nicht einschlägig vorbestraft und „von der Untersuchungshaft doch erheblich beeindruckt“ war, wie Richter Manfred Beck nicht ohne Hoffnung feststellte.

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