Größeres Angebot in kleineren Räumen

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Karlheinz Euler hat gute Karten im Emil-Renk-Haus. Die Betreuungsgesellschaft Tempelsee gilt quasi als Vorreiter der Erneuerung, die die Studie „Zukunft der Altentagesstätten“ anmahnt.

Offenbach ‐ Karlheinz Euler ist was Besonderes, das ist das Schöne und das ist das Bedenkliche. Was der Senior, „schon so um die 80“, seit zwei Jahren an mehreren Tagen in der Woche gleich nach dem Mittagessen tut, das tun außer ihm nur die wenigsten Offenbacher reiferer Semester: Er besucht, gemeinsam mit seiner Frau, das Emil-Renk-Haus in Tempelsee. Von Marcus Reinsch

Die Einrichtung ist eine von fünf Altentagesstätten in der Stadt, aber alle zusammen locken gerade mal drei Prozent ihrer Zielgruppe - momentan 20.700 Offenbacher mit 65 und mehr Lenzen - an. Und selbst unter jenen, die definitiv Zeit hätten, knapp 9.000 über 75-Jährige, ist die Quote niedrig. Ein viel zu schwaches Echo auf den Ruf der von drei- bis siebenköpfigen Teams organisierten Veranstaltungen. Ein anderes Extrem zum Vergleich: In Heidelberg sind es 17 Prozent.

Das hat das Frankfurter INBAS-Institut im Auftrag der Stadt hochgerechnet, in den Bericht „Zukunft der Altentagesstätten“ geschrieben und eine Zielmarke gesetzt: „10 Prozent, die sollten drin sein“, meint der Sozialforscher Dr. Jürgen Schumacher. „Dafür ist viel zu tun.“ Wie viel genau, das ist in der wenig schmeichelhaften INBAS-Analyse nachzulesen. Schon bei der Vorstellung eines Zwischenberichts im September hatte Schumacher mancher Einrichtung die Attraktivität einer „Wärmehalle der Nachkriegszeit“ bescheinigt.

Das Problem sei konzeptionellen, teils baulichen Ursprungs. Beispiel Programm: Das sei gemessen an den bundesweit recherchierten Möglichkeiten eher bescheiden. Denkbar wären Ausstellungen und Caféhausmusik, Projekte mit Schulen, enge Beziehungen zu Vereinen und Vhs, Internetcomputer, Koch- und Sprachkurse, Ahnenforschung und Vorträge zu Themen, die Senioren wirklich interessieren. Schwerpunkt sei heute allerdings zu oft „das gesellige Beisammensein bei Kaffee und Kuchen“. Abgesehen von jahreszeitlichen Festen, Gymnastik, Sitztanz und Bingo würden Senioren „zumeist ’betreut’ und weniger zur Eigenaktivität aufgefordert“.

Magistrat beschließt Budgets für Einrichtungen

Das liege nicht an den Ehrenamtlichen in den Einrichtungen. Deren Arbeit, sagen Bürgermeisterin Birgit Simon und die Altenplanerin Heidi Weinrich, sei umso höher zu schätzen, weil sie keine hauptamtliche Hilfe haben. Die Stadt ist nicht Trägerin der Tagesstätten. Aber sie stellt den Betreuungsgesellschaften Tempelsee (Emil-Renk-Haus) und Bürgel (Christine-Kempf-Haus), der Arbeiterwohlfahrt (Else-Hermann-Haus), dem Arbeiter-Samariter-Bund (Seniorentreff Nordend) und den Kirchengemeinden im Lauterborn (Seniorenclub) Räume zur Verfügung, lässt putzen, will demnächst zu hallenartige Räume in kleinere, besser nutzbare Gruppendomizile unterteilen und rechnet mit den Ehrenamtlichen stundenweise Entschädigungen ab.

Auch Letzteres wird sich bald ändern. Der Magistrat hat beschlossen, den Einrichtungen künftig Budgets einzuräumen, aus denen sie Material und Honorare an Menschen zahlen können, die das Programm bereichern. Überdies hat Simon offene Türen mit der Ankündigung einer Koordinierungsstelle eingerannt, die Angebote in den Altentagesstätten vernetzt.

Und überhaupt: Altentagesstätte - abschreckendes Wort, das einem schöneren weichen soll. Nicht nur, weil es von vielen mit der Urangst Pflegebedürftigkeit verbunden wird, obwohl es für das Gegenteil stehen soll. Es klingt auch nach morgens abliefern und abends abholen, nach Aufbewahrung. Den Eulers ist dieses Klischee ziemlich schnuppe. Sie wissen es ja besser, weil sie dem Rat einer Bekannten gefolgt sind, das in Sachen Selbsterneuerung für „junge Alte“ schon engagierte Emil-Renk-Haus zu beehren. Seit damals ist das Einzige, was ihre Nachmittage mit Pflege zu tun haben, ein gepflegtes Stück Kuchen zu einem guten Kaffee.

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