Größte denkbare Zahlen

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Zukunftsblick aus dem Computer: Das „KOMM“, wie es sich aus der Großen Marktstraße präsentieren soll.

Offenbach - Alles eine Frage der Perspektive. Gemessen an bisherigen Offenbacher Verhältnissen muss der Kundschaft das auf dem ehemaligen Offenbach-Post-Areal am Aliceplatz wachsende Einkaufszentrum „KOMM“ vorkommen wie Gulliver im Lande Lilliput. Von Marcus Reinsch

Diese Wahrnehmung ändert sich mit jedem Kilometer Abstand. Im Kontext der Konsumtempel, die momentan in der Rhein-Main-Region hochgezogen werden - oder wie das heute öffnende „My Zeil“ in Frankfurt schon fertig sind - wird das „KOMM“ ruckzuck zum Zwerg.

Zum Vergleich: In Offenbachs enger Innenstadt verwirklicht die Hochtief Projektentwicklung GmbH ihr alles in allem siebengeschossiges und 22 Meter hohes Einkaufs- und Dienstleistungszentrum „KOMM“ mit 44 000 Quadratmetern Bruttogeschossfläche. Davon werden 15 700 Quadratmeter an 60 Läden und Gastronomiebetriebe auf drei ringförmigen Ebenen vermietet und weitere Flächen an Büros, Dienstleister, Ärzte und ein Fitnessstudio. Hinzu kommen Parkebene und angekoppeltes Parkhaus mit mehr als 600 Stellplätzen; Zu- und Abfahrt erfolgen über die Geleitsstraße.

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Große Zahlen - und die größten denkbaren. Für Üppigeres wäre schlicht kein Platz. Wollte man dem je nach Bauwetterlage im September oder Oktober fertigen „KOMM“ die Dimensionen bescheren, mit denen beispielsweise das „My Zeil“ (80 000 Quadratmeter Verkaufsfläche, etwa 100 Geschäfte) oder das dem Eröffnungstermin im Herbst entgegen fiebernde „Loop 5“ (177 Geschäfte auf 56 000 Quadratmetern) in Weiterstadt protzen können, wäre nicht nur der Aliceplatz verschwunden, sondern gleich die halbe Offenbacher Innenstadt.

Dabei ist räumliche Bescheidenheit für Hochtief kein Grund für konzeptionelle Minderwertigkeitskomplexe. Gigantomanie sei nicht erstrebenswert, heißt es. Das Unternehmen wolle seine Immobilie als „Einkaufszentrum mit regionaler Bedeutung“ etablieren. Zwar mit Sogwirkung auf das Umland (rund 460 000 Einwohner im Einzugsgebiet), aber eben doch in einer Art Nische. Hochtief verweist gerne darauf, dass sich das Angebot im „KOMM“ auch an die Erkenntnisse schmiege, die eine von der Industrie- und Handelskammer (IHK) in Auftrag gegebene Standortstudie geliefert hat. Da steht nicht nur drin, dass rund 60 Prozent der Besucher das Einzelhandelsangebot der Offenbacher Innenstadt positiv bewerten. Da steht auch, dass sich das Publikum mehr Angebotsvielfalt und vor allem weitere Bekleidungsgeschäfte wünscht. Diese Sehnsucht werde im „KOMM“ erfüllt.

Und das könnte dann auch die Sorge schmälern, dass der Konkurrenz gelingt, was beispielsweise „My Zeil“ selbstbewusst als Ziel ausgegeben hat: täglich bis zu 70 000 Besucher aus dem Rhein-Main-Gebiet nach Frankfurt zu locken.

Gelingt in Offenbach diese Kundenbindung, könnte auch der offiziell längst vollzogene Schulterschluss zwischen „KOMM“ und den etablierten Einzelhändlern endgültig gelingen. Letztere zeigen sich bisher immer mal wieder unentschlossen in ihrer Einschätzung, ob das „KOMM“, wie Hochtief in seinem Internet-Exposé wirbt, wirklich nur „die bestehende Angebotsstruktur in der Innenstadt optimal ergänzen“ oder gleich ganz ersetzen will.

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