Interview: Große Impulse für Wachstum

Micha el Behling 

Die Deutschen sind am 25. Mai zur Europawahl aufgerufen. Vielen von ihnen ist das geeinte Europa bisher fern geblieben. Die meisten wissen aber den Binnenmarkt zu schätzen.

Dieses zentrale Projekt Europas habe große Wohlstandsimpulse gebracht, sagte Mirjam Schwan, Geschäftsführerin bei der Industrie- und Handelskammer Offenbach für den Bereich Internationales, im Interview mit unserem Redaktionsmitglied Marc Kuhn. Über ihre Erfahrungen berichten auch Michael Behling, Geschäftsführer der Projahn Präzisionswerkzeuge GmbH aus Dietzenbach, sein Kollege Sascha Vilovic und der Vorsitzende der Geschäftsführung der Bodo Möller Chemie Gruppe aus Offenbach, Frank Haug.

Seit 1993 gibt es den europäischen Binnenmarkt, an dem inzwischen 28 Länder beteiligt sind. Er ist mit einem Volumen von zwölf Billionen Euro der größte einheitliche Markt der Welt. Welche Vorteile für kleinere und mittelständische Unternehmen bietet er?

Schwan: Für kleinere Firmen und Mittelständler ist der Binnenmarkt vorteilhaft, weil er vor der Haustür liegt. Das bringt logistische Vorteile. Und Deutschland liegt im Zentrum. Die Partner sind schnell zu erreichen. Die Zollschranken sind weggefallen. Zudem bemüht sich die Politik, technische Regularien zu vereinheitlichen. Und die gesetzlichen Grundlagen in den einzelnen Staaten werden angeglichen.

Herr Haug, der Binnenmarkt aus Ihrer Sicht.

Haug: Durch die Reduzierung der Hürden ist der Handel ausgebaut worden. Wir haben zum Beispiel gute Erfahrungen mit Polen gesammelt. Wir haben Kunden gewonnen. Schließlich haben Automobilhersteller ihre Produktion ja nach Polen oder Tschechien verlagert. Die Kontakte wären vor 20 Jahren nicht vorstellbar gewesen. Heute ist das ein reibungsloser Ablauf. Die Arbeitskräfte und Infrastruktur sind in Polen und Tschechien auf einem hohen Niveau. Ost- und Westeuropa haben am Binnenmarkt partizipiert - es ist eine Win-Win-Situation.

Herr Behling, hat der Binnenmarkt Ihrer Firma auch zusätzliches Geschäft gebracht?

Behling: Auf jeden Fall. Durch den Binnenmarkt ist es einfacher, in die Märkte Osteuropas einzutreten. Die typischen Eintrittshürden sind weggefallen. Und: Der Binnenmarkt gibt strategische Optionen. In Russland kann man sehen, wie schwierig es ist, am Markt zu agieren. Die Eintrittshürden sind enorm hoch.

Welche Hürden sind es?

Behling: Das fängt beim Zoll an. Es sind aber auch ganz unterschiedliche Kulturen. Da gab es keine Anpassungen. In Polen oder Kroatien haben wir das aber erlebt. In den Köpfen der Menschen hat sich was bewegt, weil sie zu dem Binnenmarkt gehören. Zur Strategie: In Polen haben wir mit Großhändlern eine wesentlich bessere Marktdurchdringung.

Vilovic: Es ist ein Unterschied, ob man Geschäfte mit Osteuropa oder Saudi-Arabien macht. Wir können unsere Marketingaktionen nach der Übersetzung in Osteuropa einfach übernehmen und können die Produkte in Osteuropa einfach ausliefern. In Saudi-Arabien muss man viele Bestimmungen beachten. Der Binnenmarkt bringt viele Vorteile.

Kroatien ist jetzt ja auch in der EU.

Vilovic: Der Ausbau des bestehenden Geschäfts ist für uns einfacher. Das fängt bei der Anmietung von Autos an und geht bis zum Zahlungsverkehr.

Der Binnenmarkt soll Wachstum und Beschäftigung fördern. Hat er das Ziel erreicht?

Schwan: Er hat dazu geführt, dass in ganz Europa bedeutende Wachstumsimpulse erreicht werden konnten. Ich habe von 2005 bis 2012 bei der Deutschen Auslandshandelskammer in Prag gearbeitet. Dort konnte ich miterleben, wie sich gerade kleine und mittelgroße Unternehmen nach dem EU-Beitritt Tschechiens im Jahr 2004 dort niedergelassen oder ihre Handelsbeziehungen in Tschechien aufgebaut haben. Tschechien war von da an nicht mehr nur die verlängerte Werkbank, sondern ein Partner auf Augenhöhe. Das hat nicht nur dem Binnenmarkt, sondern letztlich auch Deutschland Wachstum gebracht.

Für welche Branchen, in denen Firmen aus Stadt und Kreis Offenbach engagiert sind, ist der Binnenmarkt besonders wichtig?

Schwan: Das muss man branchenübergreifend sehen. Sicherlich haben Zulieferbetriebe im Automobilbau, der Elektrotechnik und im Maschinenbau profitiert. Sie sind mitgewandert. Aber auch Handelsunternehmen haben profitiert. Man muss aber bedenken, dass hiesige Firmen auch bedeutende Vorteile aus der Bearbeitung westeuropäischer Märkte ziehen, die ja ebenfalls dem europäischen Binnenmarkt angehören.

Haug: Im Osten gab es Gewinner und Verlierer. Wir haben sehr gute Erfahrungen gemacht mit Polen, Tschechien und Slowenien. Rumänien, Bulgarien und Ungarn gehören sicherlich zu den Verlierern. Und Polen muss sechs Prozent Wachstum halten, um auf das Niveau des Westens zu kommen. Im Osten gab es viele große Betriebe und wenig kleine. Das war eine Schwäche. Das ändert sich gerade.

Warum sind Rumänien und Bulgarien die Verlierer?

Haug: Denken Sie an die Infrastruktur und Bildung. Und auch bei der Zuverlässigkeit gibt es Schwierigkeiten.

Vilovic: Bulgarien und Rumänien sind die Verlierer. Das liegt hauptsächlich am politischen System. Unsere Partner in diesen Ländern klagen über die Korruption. Die Regierung betreibt Vetternwirtschaft.

Behling: Ich möchte widersprechen. Polen und Tschechen sind uns von der Mentalität her nahe. Das ist in Bulgarien und Rumänien anders. Dort bewegt sich aber auch etwas. Es dauert nur länger. Das zahlt sich für den Rest Europas aus.

Schwan: Langfristig werden sich die positiven Effekte durchsetzen. Aber auch die Bereitstellung von Geldern aus den EU-Strukturfonds für neue EU-Beitrittsländer hat ihre Kehrseite. Die Gelder werden bisweilen missbraucht und fließen nicht immer in die richtigen Kanäle.

Ein Beispiel?

Schwan: In Tschechien kosten Autobahnen angeblich 50 Prozent mehr als im Rest Europas, das hat mir zu denken gegeben.

Es gibt vier Grundfreiheiten im Binnenmarkt: den freien Warenverkehr, die Personenfreizügigkeit, die Dienstleistungsfreiheit sowie den freien Kapital- und Zahlungsverkehr. In welchem Umfang profitieren Sie vom freien Warenverkehr?

Behling: Absolut. Wir kaufen weltweit ein. In Asien bekommen wir Probleme bei der Verfügbarkeit und den Kosten. In Osteuropa gibt es Lieferanten, die für uns interessant sind.

Was bringt der freie Kapital- und Zahlungsverkehr in der EU?

Haug: Es entfallen die Begrenzungen bei dem Transfer von Währungen. Kapital kann ungehindert fließen, und die Unternehmen haben freien Zugang zu den Finanzdienstleistungen und können in allen anderen Ländern der EU Finanzinvestitionen tätigen oder auch Beteiligungen an Gesellschaften erwerben. Noch einfacher sind solche Transaktionen und der Warenverkehr, wenn die Handelspartner zur Eurozone gehören und teure Absicherungen gegen Währungsschwankungen nicht mehr nötig sind.

Behling: Wir verzichten auf Absicherungen und tragen das Risiko selbst. Die Ausfallquoten sind dabei ähnlich wie in Deutschland. Im Binnenmarkt arbeiten wir wie in Deutschland. Das ist eine schöne Sache. Es ist extrem schnell. Wir sind EU-weit unterwegs. Einen beträchtlichen Teil unseres Umsatzes generieren wir im Ausland.

Vilovic: Wenn Geld aus Dubai überwiesen wird, dauert das bis zu sechs Wochen. Im Binnenmarkt dauert es ein bis zwei Tage.

Kann die Personenfreizügigkeit ein Beitrag zur Bekämpfung des Fachkräftemangels sein?

Schwan: Ich denke nicht, dass es ein Allheilmittel ist. Es gibt aber sicherlich Potenziale, die ausgeschöpft werden können. Ich denke aber, dass die Bereitschaft ausländischer Fachkräfte nach Deutschland zu kommen, in der öffentlichen Wahrnehmung überschätzt wird.

Behling: Das kann ich nur bestätigen. Das wird falsch eingeschätzt. Wenn wir das wollen, müssen wir uns um die Leute bewerben. Dann kommen sie gerne nach Deutschland.

Haug: Bodo Möller Chemie hat ein Labor in Posen gegründet. Wenn die Fachkräfte nicht kommen, dann gehen wir eben dorthin.

Warum haben Sie das Labor nicht in Deutschland gegründet?

Haug: In Deutschland wäre es für uns zu teuer gewesen. Ausschlaggebende Vorteile in Polen waren die universitäre Unterstützung der TU Poznan sowie die deutlich niedrigeren Labormiet- und Personalkosten.

Nutzen Unternehmen aus der Region die Dienstleistungsfreiheit?

Schwan: Viele nutzen sie. Aus Gesprächen mit Unternehmern weiß ich, dass der Trend, Niederlassungen in europäischen Ländern aufzubauen, nicht abbricht, auch bei größeren, etablierten Firmen. Da stehen Märkte wie Frankreich oder das Vereinigte Königreich auf der Agenda. Die Netzwerke werden erweitert.

Was muss sich im Binnenmarkt ändern?

Schwan: Man sollte etwas an der Überregulierung ändern. Es gibt eine große Erfüllungs- und Dokumentationspflicht für die Unternehmen, um EU-einheitliche Regelungen einhalten zu können. Das belastet die Firmen täglich.

Haug: Es gibt europäische Regulierungen. Es gibt aber in den Ländern noch eigene Regulierungen. Man sollte die Regelungen aus steuerlicher und rechtlicher Sicht in den Ländern anpassen.

Behling: Europa muss die Strukturen verschlanken, um schneller zu werden. Wenn wir es nicht tun, werden wir dazu gezwungen.

Die Köpfe der Wirtschaft in Stadt und Kreis Offenbach

Die Köpfe der Wirtschaft in Stadt und Kreis Offenbach

Mehr zum Thema

Kommentare