Große Kultur für kleines Geld

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Johanna Krell und Carmenio Ferrulli proben für das Konzert in der Schlosskirche Rumpenheim.

Offenbach - Seit rund 20 Jahren leistet sich Offenbach keine Kulturförderung mehr, die einer Großstadt angemessen wäre. „Als Ende der 80er Jahre die Mittel stark gestrichen wurden, sprangen die großen Kirchen- und Konzertchöre der Stadt in die Bresche“, so erklärt Dr. Ralph Philipp Ziegler, Leiter des städtischen Forums Kultur und Sport, warum die Kirchenmusik in Offenbach besonders große Bedeutung hat. Von Reinhold Gries

Ob Frankfurt, Wiesbaden, Darmstadt oder Kassel - keine dieser größeren Städte kann eine vergleichbare Dichte hochkarätiger Konzerte nachweisen, obwohl Stadt und Dekanat nur kleinere Summen zuschießen. Dass in Offenbachs Kirchen immer wieder exzellente Musik erklingt, liegt vor allem an der verblüffenden Konzentration ansässiger Koryphäen.

Das beginnt mit Komponist, Dirigent und Tastenkünstler Professor Jürgen Blume, Rektor der Musikhochschule Rheinland-Pfalz, und Olaf Joksch, Cembalist und Pianist des rheinland-pfälzischen Staatsorchesters. Das setzt sich fort mit dem hochbegabten Dekanatskirchenmusiker Tobias Koriath und Virtuosin Claudia Regel, die als einzige Organistin Hessens einen Platz auf der CD der Landesregierung „Musik in Hessen“ gefunden hat.

Gute Beziehungen zu Spitzenmusikern nutzt auch die in Bürgel wohnende Chorleiterin der Rumpenheimer Kantorei Johanna Krell, die als lyrische Mezzosopranistin zum Besten gehört, was Rhein-Main zu bieten hat. Pianisten, die spielend das Büsingpalais zu Konzerten füllen, scheinen hier ebenso auf den Bäumen zu wachsen wie Organisten.

In Rumpenheims barocker Schlosskirche hat Carmenio Ferrulli eine Konzertreihe an Offenbach ältester Orgel von 1852 zur Marke gemacht. In Bürgels Gustav-Adolf-Kirche findet man Hans-Wolfram Hooge, ein Orgelexperte von hohen Graden, keineswegs im künstlerischen Ruhestand. Mit Rozana Weidmann hat die Stadtkirche eine Organistin und Pianistin gewonnen, die in Berlin bekannter ist als in Offenbach. Dazu sorgt Pianist Werner Fürst beim „Lauterborner Klavierfrühling“ für ein hochkarätiges Tasten- und Liedfestival. Da kann man Leonore Blume, dem „guten Geist“ des innerstädtischen Musikförderkreises „PraeLudium“, nur zustimmen, wenn sie sagt: „Nicht nur die Alte Oper in Frankfurt bietet hohes Niveau, wir auch. Und das für wesentlich niedrigere Eintrittspreise.“

Dr. Ziegler nennt Gründe: „In architektonisch gut gestalteten Kirchen haben sie immer eine Art Gesamtkunstwerk, etwas, was sie in einem durchschnittlichen Konzertsaal oft nicht haben. Sie haben eine spirituelle Qualität, die das Konzert zu etwas Besonderem macht.“

Programme für 2009 lassen dazu viel erwarten: Die zur „Academia Sancta Maria“ gewordene Kirche St. Marien bietet erstmals monatliche Lied-, Kammer- oder Chorkonzerte, initiiert von der Offenbacher Altistin Hiromi Mori und Kollegen der Frankfurter Oper. Am 28. März konzertiert dort, in städtischem Auftrag, Professor Hubert Buchberger mit dem Offenbacher Kammerorchester zu einem Haydn-Jubiläumskonzert, am 3. Mai tritt Sopranistin Sabine Goetz mit Vivaldi-Solokantaten auf, gemeinsam mit dem kongenialen Dirigenten Christoph Siebert und „Concerto Classico Frankfurt“. Sieberts Auftritt am 24. Oktober mit Offenbachs Vokalensemble Prophet und Bachs berühmter H-Moll-Messe in St. Josef wird ebenso ein Höhepunkt wie die Offenbacher „Woche der Kirchenmusik“ im November.

Blumes Rhein-Main-Vokalisten wollen sich im Buß- und Bettagskonzert der Johanneskirche dem Mendelssohn-Jahr widmen wie Tobias Koriath mit der Offenbacher Kantorei und weiteren Chören am 28. Februar in der Lutherkirche. Jokschs Orgelkonzert in St. Paul bringt „Händel und kein Ende“ zum Händeljahr (27. November), Koriath in der Stadtkirche (20. November) und Joksch in St. Paul (24. April) feiern die Musik Bachs und seiner Schüler, auch in neuem Klanggewand und mit Tanz.

Claudia Regels Reihe „Orgel plus“ in der Markuskirche ist - anders als bei ihren Kinderkonzerten - von der Renovierung der großen Link-Orgel abhängig, für die noch 9 000 Euro fehlen. Der beliebte „PraeLudium“-Orgelrundgang führt am 10. Juni über die Bürgeler- zur Rumpenheimer Schlosskirchen-Orgel und endet mit abendlichem Open Air im Schlosspark.

Auch das Kammermusik- und Kunstliedangebot ist überragend, nicht nur Jokschs „Französischer Liederabend“ mit Sopranistin Carola Schlüter (23. August) und die Gamben- und Cello-Musik (17. Mai / 28. Juni) in der Französisch-Reformierten Kirche. In der Johanneskirche schlüpfen Mitglieder der Mainzer Musikhochschule in die Rolle von Brahms und seinen Freunden (24. Mai) und gastiert Gitarrenvirtuose Jan Masuhr (4. Oktober). An ihren früheren Wohnort Offenbach kehrt die bei Händel-Festspielen gefeierte Sopranistin Laurie Reviol zweimal zurück. In der Lauterborngemeinde singt sie klassische Liedduos, mit der Gruppe „Chamber X“ mixt sie Barockes, Lateinamerikanisches und sephardische Lieder. Fürsts Pianistenfest reicht von Leonid Dorfman über Wigbert Traxler bis zu Benjamin Proescholdt (6. bis 8. März).

Zum Hort Alter Musik wird die Schlosskirche Rumpenheim durch Harfen-, Flöten- und Cembalo-Konzerte aus Barock und Renaissance, vom Duo Johanna Krell und Sina Oskedra (29. August), Altus Meinderd Zwart (18. April) und Traversflötist Peter Spohr mit Cembalistin Weidmann (13. Juni). Auch Händel- und Mozart-Arien mit Sopranistin Margriet Buchberger, dem Waldheimer Fagottisten Arie Hordijk und Cembalistin Wiebke Weidanz (7. März) machen Frankfurt-Trips überflüssig. 

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