Experte: Missstände nicht länger schweigend hinnehmen

Große Mängel in der Altenpflege

Offenbach - Immer mehr Überstunden, immer weniger Zeit für die Pflegebedürftigen: In vielen Altenheimen ist das Personal überfordert, zum Teil werden auch die Rechte der Hilfsbedürftigen verletzt. Alarmrufe häufen sich.

Der Sozialpädagoge und Autor Claus Fussek hat an die Pflegekräfte im Land appelliert, Missstände in den Heimen nicht länger schweigend hinzunehmen. Angesichts der Missachtung der Rechte vieler pflegebedürftiger Menschen sei es an der Zeit, dass Mitarbeiter in den Heimen „endlich sagen: Da mache ich nicht mehr mit!“, sagte Fussek der Zeitschrift „Publik Forum“. Pflegekräfte seien derzeit so rar und begehrt, dass Angst um den Arbeitsplatz kein Grund mehr sein dürfe, „länger zu diesen Zuständen zu schweigen und wegzuschauen!“.

Was sich derzeit im reichen Deutschland in den Pflegeheimen abspiele, sei „eine der größten Humankatastrophen nach dem Zweiten Weltkrieg“, kritisierte Fussek. Schuld an den Zuständen seien vor allem die Träger und Leiter der Heime, aber auch die Pflegekräfte selbst. Sie sollten ihr Schweigen brechen, denn jede Pflegekraft wisse „um Gewalt gegenüber alten, kranken, sterbenden Menschen“. Dabei mache es keinen Unterschied, ob sich ein Haus in christlicher, privater oder sonstiger Trägerschaft befinde.

Nach Fusseks Ansicht ließe sich die Situation dadurch verbessern, dass sich die Gesellschaft des Pflegethemas stärker annehme. „Wir brauchen eine Bürgerbewegung in der Altenpflege“, betonte der Sozialpädagoge. Es gebe allerdings auch gut geführte Häuser, wo ein „Klima der Wertschätzung für alle Mitarbeiter“ herrsche. Dort gebe es zudem viele Ehrenamtliche sowie Seelsorge und psychologische Begleitung sowohl für Bewohner als auch für Mitarbeiter.

Dass in der Pflege einiges schief läuft, wird auch beim Blick auf eine neue Studie sichtbar. Demnach erleben Fachkräfte in der Pflege regelmäßig, dass Rechte pflegebedürftiger Menschen verletzt werden. In einer Umfrage sagten die Pflegenden, am häufigsten werde über den Willen von Hilfsbedürftigen hinweg gehandelt (58 Prozent) und notwendige Hilfe nicht (49 Prozent) oder nicht rechtzeitig gegeben (46 Prozent), wie die Stiftung Zentrum für Qualität in der Pflege (ZQP) in Berlin mitteilte. Zudem beobachteten Befragte, dass Pflegebedürftige oft respektlos angesprochen oder ihre Privatsphäre missachtet werde.

„Das Recht auf gute Pflege ist in der Praxis längst nicht überall durchgesetzt. Vor allem die wichtigen Themen Patientensicherheit und Gewaltprävention gehen häufig in den öffentlichen Debatten zu Pflegereformen unter“, sagte Ralf Suhr, Vorstandsvorsitzender des ZQP. Die Politik müsse sicherstellen, dass ein neues Bewertungssystem für die Pflege entstehe. Diese sollte für Bürger transparent machen, wo Profis gut pflegten und wo nicht, forderte Suhr. (epd/psh)

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