Wie die Großen, nur anders

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Gestern stimmten noch Schillerschüler ab, heute sind wieder die Erwachsenen am Zug: Beim Projekt „Jugend im Parlament“ lernen Jugendliche die Arbeit der Kommunalpolitiker kennen.

Offenbach ‐ Nadja Galle holt tief Luft. Die Zehntklässlerin der Schillerschule muss gleich vor 150 Menschen sprechen. Und zwar als Vertreterin der Grünen bei einer öffentlichen Sitzung des Offenbacher Stadtparlaments. Eine ungewohnte Situation. Von Veronika Szeherova

Das Schulprojekt „Jugend im Parlament“ lässt Jugendliche Rathausluft schnuppern. Der gesamte zehnte Jahrgang schlüpft für sechs Tage in die Rollen von Stadtpolitikern. Gestern war Abschluss und Höhepunkt des Projekts, das es bereits seit 15 Jahren an der Schillerschule gibt: die große Stadtverordnetensitzung am Originalschauplatz, mit Originalthemen und zusammen mit dem Original-Stadtverordnetenvorsteher Erik Lehmann.

Und heute, Mittwoch, beginnt um 17 Uhr die Plenarsitzung, bei der 28 Punkte auf dem öffentlichen Teil der Tagesordnung stehen. Die Schüler haben zuvor mit ihrem Lehrer und Projektleiter Martin Jung zwölf Themen ausgewählt, die es zu besprechen gilt. „Wir suchten uns die Punkte aus, die für die jungen Leute am spannendsten sind, sie am meisten betreffen“, erklärt der Sport- und Politiklehrer. Darunter ist die Einführung eines Kinder- und Jugendfeundlichkeitspreises (mit Änderungsantrag zugestimmt), einer Servicestelle für den Radverkehr (abgelehnt) oder der finanzielle Ausgleich für Offenbach durch Beteiligung an der Flughafen Gewerbesteuer (zugestimmt).

Die 140 jungen Parlamentarier stellen Absetzungs- und Änderungsanträge, halten Ansprachen, stimmen ab - fast wie bei den Großen. Bloß gestritten wird nicht. „Es macht mir jedes Mal viel Freude, wie die Schüler hier ernste Themen sehr engagiert, aber gleichzeitig auch locker angehen“, sagt Stadtverordnetenvorsteher Lehmann. „So eine Stimmung würde ich mir auch für unsere Plenarsitzung öfter wünschen.“

Applaus für Auftritte ihrer Klassenkameraden

Das Projekt begann am Mittwoch vergangener Woche. Nachdem sich die Schüler ausreichend Wissen rund um die Arbeit im Parlament angeeignet hatten, wählten sie die Fraktion aus, der sie angehören wollten. Wie im echten Offenbacher Stadtparlament standen zur Wahl CDU, FDP, SPD, die Linke, die Grünen und die Republikaner. Bei der Auswahl spielten Sympathien, aber auch Neugier eine Rolle. So gibt es unter den 22 Schülern, die sich die Republikaner ausgesucht haben, „besonders viele mit Migrationshintergrund“, wie Lehrer Martin Jung erzählt.

Am Freitag folgten die ersten Übungs-Fraktionssitzungen in den Klassenräumen. Für die fachgerechte Vorbereitung sorgten dann am Montag und Dienstag echte Fraktionsvertreter der einzelnen Parteien. Mit ihren jeweiligen Gruppen besprachen sie die Themen, gaben die Position und das Programm ihrer Partei wieder. „Die Schüler äußern hier am Ende natürlich ihre eigene Meinung und nicht die der Partei“, stellt Grete Steiner fest. Die Lehrerin im Ruhestand ist selbst Stadtverordnete. Sie vertritt die SPD und war bis zum vorigen Jahr Organisatorin der Aktion.

Mit viel Applaus belohnen die zuschauenden Schüler die Auftritte ihrer Klassenkameraden. Kleine Zwischenfälle wie Äußerungen zu einem falschen Tagesordnungspunkt oder der Lachanfall einer FDP-Vertreterin am Rednerpult bescherten auch ein wenig Auflockerung.

„Eigentlich haben wir uns nie sehr für Politik interessiert“, geben die Klassenkameradinnen Johanna Michaelson und Nadja Galle zu. Doch die Bildungs-Initiative hat ihnen gefallen. „Es war eine gute Abwechslung zum Schulalltag, und wir haben die Parteien viel besser kennen gelernt“.

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