Großes Plus in der Bewerbungsmappe

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84 Schüler aus drei Berufsschulen nahmen am Sprachniveau-Test des „Hessencampus“-Projekts in ihrer jeweiligen Muttersprache teil.

Offenbach ‐ Das Phänomen ist nationenübergreifend: „Sobald Jungen das Wort Test hören, schalten viele ab“, sagt Gudrun Bayer, Abteilungsleiterin der Berufsfachschule an der Theodor-Heuss-Schule. „Mädchen lassen viel eher mit sich reden, man kommt besser an sie dran.“ Von Veronika Szeherova

Und so wundert es nicht, dass bei einer freiwilligen „Sprachstandserhebung“ von 84 Offenbacher Berufsschülern die Zahl der Mädchen überwiegt. Das Projekt „Hessencampus“ läuft in Offenbach bereits im vierten Jahr. Ziel ist es, muttersprachliche Kompetenz bei jungen Leuten nachzuweisen, die zwei- oder gar mehrsprachig aufgewachsen sind. Dazu werden die Schüler anhand eines „Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens (GER)“ mündlich und schriftlich in der jeweiligen Sprache getestet. Ursprünglich gelten diese Prüfungsnormen für Fremdsprachen. „In diesem Fall wird bei Schülern, die in einem anderen sprachlichen Umfeld aufgewachsen sind, die Muttersprache getestet“, erklärt Volkshochschulleiterin Dr. Gabriele Botte. Der „Hessencampus“ ist eine Zusammenarbeit der drei beruflichen Schulen Offenbachs und der Vhs. Letztere stellt die Kursleiter und Prüfer in den Sprachen Türkisch, Arabisch, Russisch, Italienisch, Kroatisch, Serbisch und Bosnisch.

Durchfallen kann man bei dem freiwilligen Sprachtest nicht. In der Bescheinigung erfolgt eine Einteilung in sechs Stufen. Von C2 (muttersprachliches Niveau) bis runter zu A1 (Basiskenntnisse). Der Test dauert einen Nachmittag, kann sich aber positiv aufs ganze spätere Berufsleben auswirken. „Der Bedarf an Mitarbeitern, die viele verschiedene Sprachen sprechen, wächst in den Betrieben“, sagt Botte. „Der Nachweis ist ein großes Plus in der Bewerbungsmappe.“

Zuhause gemischt Deutsch und Italienisch

Nun wurden am Buchhügel die Bescheinigungen übergeben. Das übernahm Stadtrat Paul-Gerhard Weiß. Er appellierte an die Schüler, ihren Bildungsvorteil durch die ungewöhnliche Fremdsprache als Chance zu sehen. „Unsere Welt wird immer internationaler, und das Rhein-Main-Gebiet ist mittendrin“, so Weiß. Es sei gerade für Menschen mit Migrationshintergrund wichtig, nicht nur Defizite aufgezeigt zu bekommen, sondern für ihre Leistungen anerkannt und wertgeschätzt zu werden. „Das enorme Sprachpotential ist ein Gewinn für unsere Stadt."

Larissa Tramontana hat sich in Italienisch testen lassen. „Zuhause spreche ich gemischt Deutsch und Italienisch“, sagt die gebürtige Offenbacherin. Im Test schnitt sie mündlich besser ab, als sie erwartet hätte, sie bekam C1. Im schriftlichen Teil lief es weniger gut. „So oft komme ich im Alltag nicht dazu.“ An der Prüfung habe sie teilgenommen, um ihr Wissen für die spätere Bewerbung nachzuweisen. „Aber ich war auch neugierig, wie gut ich überhaupt Italienisch kann.“

Hale Ertuncs Hauptmotiv für die Beteiligung ist ebenfalls die erfolgreiche Bewerbung. Die 22-jährige Türkin ist froh, dass sie den Test mitgemacht hat. „Es ist alles super abgelaufen. Der mündliche Teil hat Spaß gemacht.“ Von klein auf habe sie im Elternhaus nicht nur Türkisch gesprochen, sondern auch schreiben gelernt. „Zweisprachig aufzuwachsen ist eine große Bereicherung“, ist sie überzeugt. Und widerlegt damit alle Vorurteile, die etwas anderes behaupten...

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