Grüne diskutieren

Es geht nicht nur ums Kopftuch

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Mürvet Öztürk diskutierte mit Mitgliedern und Gästen über Kopftücher im Beamtentum. „Es sind nicht ausschließlich deutsche Gemeinschaften, die das Kopftuch kritisch sehen. Auch muslimische sind nicht immer dafür“, betonte sie und fordert eine öffentliche Debatte statt „Gesetze von oben“.

Offenbach - Ist das Kopftuch ein religiöses Gebot oder nur ein Kleidungsstück? Die Diskussion ist nicht neu, dass sie jedoch nach wie vor nötig ist, zeigte die jüngste Mitgliederversammlung der Offenbacher Grünen.

Sachlich, aber bestimmt tauschten Mitglieder und Gäste, Christen, Muslime und Nichtreligiöse Argumente aus. „Kopftuch tragen im öffentlichen Dienst – ja oder nein?“ lautete der Tagesordnungspunkt, der neben Grünen-Mitgliedern auch Gäste in die Räume des Freundschaftsvereins Türkei lockte. Für die Diskussion hatte sich die Fraktion kompetente Unterstützung eingeladen. Einigkeit stellte sich erwartungsgemäß nicht ein.

Die grüne Landtagsabgeordnete Mürvet Öztürk, in Deutschland geboren und aufgewachsen, hat Islamwissenschaften studiert und mit ihrem Mann längere Zeit in der Türkei gelebt. Sie ist Sprecherin für Migration und Integration sowie Mitglied im Kompetenzzentrum Muslimischer Frauen. Es geht um die Frage, wo die Grenze ist zwischen Religionsfreiheit und dem Recht des Einzelnen, frei von Religion leben zu dürfen. Und es geht um die Frage, wie viel Religion Schule verträgt.

Die Meinungen der Besucher gehen auseinander. Da ist von „geknechteten Kreaturen“ die Rede. Von jungen Mädchen, die nach den Sommerferien plötzlich mit Kopftuch in die Schule kommen, oder von Jungen, die aus Vereinen abgezogen werden. Von Kindern, die nicht mit auf Klassenfahrt dürfen, und von Mädchen, die unter dem Druck durch Vater und Bruder leiden. Doch es gibt auch die andere Seite: Dass sich Kompetenz zu gutem Unterricht nicht an Äußerlichkeiten festmachen lasse. Dass die Unterscheidung zwischen Freiwilligkeit und Zwang schwierig sei. Einige wünschen sich die komplette Verbannung von Religion aus dem Schulalltag. Auch die Finanzierung von Kirchen mit Steuergeldern müsse aufhören.

Verletzt das Kopftuch die Neutralität?

Die angehenden Pädagoginnen, die an diesem Abend Stellung zu ihrem Kopftuch beziehen, betonen alle, es aus freien Stücken zu tragen, teils auch gegen den Willen der Eltern. Während der Ausbildung können Lehramtsstudentinnen in Hessen zwar eine entsprechende Erlaubnis beantragen. Nach dem Referendariat und bei Verbeamtung aber scheidet diese Möglichkeit aus: Mit Kopftuch mündet das Zweite Staatsexamen in eine Sackgasse.

Die Frage kommt auf, warum denn ein Gesetz „die bunte Lebensrealität vieler Menschen“ aus der Lehrerschaft verbannen dürfe. Denn in Hessen verbieten Schulgesetz und Beamtengesetz das Tragen religiöser Kleidungsstücke und Symbole im Dienst. So soll sichergestellt sein, dass Lehrer im Unterricht eine politische, weltanschauliche und religiöse Neutralität wahren und ihrer Vorbildfunktion nachkommen. Gleichzeitig betont der Passus die christliche und humanistisch geprägte Tradition des Landes Hessen. Nur: Gibt es wirklich die vollkommene Neutralität? Andere Bundesländer haben auf ähnliche Gesetze verzichtet.

„Ich habe Deutsch und Physik auf Lehramt studiert, hätte in der Schule folglich nichts mit Religion zu tun“, so eine junge Muslimin, die wegen ihres Kopftuchs in Hessen nicht als Lehrerin arbeiten darf. „Wenn ich missionieren wollte, wäre es ohne Kopftuch doch viel einfacher für mich.“ Die hessische Regelung beziehe sich jedoch keinesfalls ausschließlich auf den Islam, betont Mürvet Öztürk. Sie gelte beispielsweise auch für Turbane. „In Offenbach wird gern von einer schwierigen Klientel gesprochen“, meldet sich ein anderer Besucher zu Wort. „Und obwohl wir ausgebildete Lehrer aus genau dieser Klientel haben, dürfen sie hier nicht unterrichten“, kritisiert er. So bleibe Betroffenen oft nur der Umzug.

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„Wenn Sie wirklich frei wären, könnten Sie Ihr Kopftuch auch einfach ab- und wieder aufziehen“, findet eine Grüne. „Es sollte Ihnen schließlich um den Beruf und die Kinder gehen, nicht ums Tuch selbst.“ „Ich kann doch meine Einstellung nicht ablegen wie einen Hut“, wirft eine Muslimin ein. Es grummelt im Raum, hier und dort Kopfschütteln. Ob das Ablegen des Kopftuchs wirklich den Verlust der religiösen Überzeugung bedeute? Das Beamtengesetz biete auch für andere Berufe eine unterschwellige Legitimation, Muslime außen vor zu lassen, heißt es von einer Betroffenen, die gern Kopftuch tragen würde, sich aber nicht traut. Als zu fortgeschrittener Stunde noch etliche Redebeiträge gehört werden wollen, ist klar: Die Diskussion bedarf einer Fortführung. Die Grünen erwägen eine eigene Veranstaltung.

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