Mit Kreishandwerkern auf einer Wellenlänge

Grüne Ideen, schwarze Zahlen

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Rot-weiße Aufmerksamkeit für Hessens Wirtschafts-, Verkehrs- und Energieminister sowie Kickers-Fan Tarek Al-Wazir. Von links: Uwe Czupalla, Geschäftsstellenleiter der Kreishandwerkerschaft, Dr. Christof Riess, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Frankfurt Rhein-Main, und rechts außen Kreishandwerksmeister Wolfgang Kramwinkel.

Offenbach - Dem Handwerk geht’s gut. Hier und da zwickt´s ein wenig, zumeist an den selben Stellen wie in den Vorjahren. Von Frank Pröse 

Gleichwohl ist sie positiv gestimmt, die „Wirtschaftsmacht von nebenan“: Hessens Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir griff das Motto der Handwerker-Kampagne deshalb beim gestrigen Jahresempfang gerne auf. In Anlehnung ans Gastgeschenk für Al-Wazir aus dem OFC-Kickers-Fundus lässt sich feststellen: Der in Offenbach wohnhafte Hessische Wirtschafts- und Verkehrsminister hatte bei der Kreishandwerkerschaft in Bieber-Waldhof ein Heimspiel. Das dürfte dem Lokalkolorit des Gastredners geschuldet gewesen sein, sicher aber auch der weitgehenden Akzeptanz des schwarz-grünen Koalitionsvertrages durch das Handwerk. Dessen Vertretern machte Al-Wazir deutlich, wie er seinen Lieblingsspruch „Mit grünen Ideen schwarze Zahlen schreiben“ realiter umgesetzt wissen will.

Al-Wazir konstatierte, dass eine Reihe von politischen Zielen mit Positionen des Handwerks übereinstimmen würden, so beispielsweise beim Ausbau der Infrastruktur. Dabei gehe es mitnichten vorrangig um Straßenbau. Vielmehr gelte es, die verschiedenen Verkehre besser aufeinander abzustimmen. Auch vom Schließen der weißen Flecken bei der Breitbandversorgung verspricht sich Al-Wazir die Beseitigung von Wettbewerbsnachteilen. Die dafür auf 300 Millionen Euro aufgestockten Fördermittel seien aber weniger für Stadt und Kreis Offenbach denn für Mittel- und Nordhessen gedacht. Die Region Rhein-Main sei in Sachen Breitbandversorgung ganz weit vorne.

Chancen für das Handwerk

Der Minister sprach auch die Chancen für das Handwerk an, die sich seiner Ansicht nach aus der Energiewende ergeben. Der beschlossene Systemwechsel sei eine riesige Aufgabe und diese gleiche unter der Vielzahl der Einflussfaktoren der Quadratur des Kreises. Dennoch halte die Landesregierung an ihrem Ziel fest, den Anteil der Erneuerbaren Energien in dieser Legislaturperiode zu verdoppeln. Schließlich winke die Technologieführerschaft mit den entsprechenden Auswirkungen auf neue Arbeitsplätze. Alle redeten von der Art der Einspeisung. Viel wichtiger seien aber die Aspekte Energieeinsparung und Energieeffizienz. In diesen Bereichen lägen die Chancen für das Handwerk. Auch beim Vergaberecht will die Koalition in Wiesbaden laut Al-Wazir Forderungen des Handwerks entgegenkommen. Es gehe um einen fairen Wettbewerb unter Auftragnehmern. So sollen Tariftreue und Ausbildungsquote belohnt werden. Außerdem gelte es, für viel mehr Transparenz im Verfahren und nach erfolgtem Zuschlag zu sorgen.

Ein strittiges Thema hatten Mitglieder der Bundesregierung am Abend zuvor dem Kreishandwerksmeister Wolfgang Kramwinkel für dessen Rede geklaut. So blieb ihm nichts übrig, als die Signale, den Steuerbonus für Handwerkerrechnung nun doch aufrechtzuerhalten, zu begrüßen. Der Schaden durch Schwarzarbeit, der dadurch verhindert würde, sei um das Mehrfache größer als die Mehreinnahmen, mit denen die Regierung bei Abschaffung oder Deckelung des Steuervorteils hätte rechnen können. Kramwinkel hob die Bedeutung der Zuwanderung zur Fachkräftesicherung hervor. „Um dem Fachkräftemangel spürbar entgegenzuwirken, benötigen wir neben geeigneten Schulabgängern aus Deutschland auch arbeits- und ausbildungswillige junge Menschen aus dem europäischen Ausland.“ Das Handwerk habe mit seinem heute schon großen Anteil an Auszubildenden mit Migrationshintergrund gute Erfahrungen gemacht. Kramwinkel hob in diesem Zusammenhang auch ein Pilotprojekt hervor, bei dem die Handwerkskammer mit der Region Madrid und der Landesregierung spanische Jugendliche zur Ausbildung in Deutschland bringt.

Akademisierung der Ausbildung

Der Kreishandwerksmeister nutzte wie bei den Empfängen der Vorjahre die Gelegenheit, erneut vor der Akademisierung der Ausbildung zu warnen: „Wir müssen noch stärker bei der Jugend dafür werben, direkt nach dem Schulabschluss in eine Ausbildung zu gehen.“

Weil die EU-Kommission derzeit prüft, wie der Zugang zu reglementierten Berufen in den Ländern erleichtert werden kann, und dies in Deutschland Sorgen vor einer Aushöhlung der dualen Ausbildung und des Meisterbriefs genährt hat, sangen Kramwinkel und Dr. Christof Riess, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Frankfurt Rhein-Main, unter anderem das Hohelied der dualen Ausbildung. Das deutsche Modell habe sich gerade auch mit Blick auf die Jugendarbeitslosigkeit in den Krisenländer in Europa bewährt.

Ries lenkte die Aufmerksamkeit auf Bestrebungen in Brüssel, Meisterbrief und Meistervorbehalt zu schleifen. Diese Reglementierungen dienten nicht nur der Absicherung des hohen Verbraucherschutzniveaus und der Erbringung hochwertiger Leistungen, sondern auch dem Erhalt der Ausbildungsfähigkeit in den kleinbetrieblichen Strukturen. Betriebe in zulassungspflichtigen Gewerken bildeten viermal so viele Jugendliche aus wie Betriebe in zulassungsfreien. Ohne Meisterbrief würde das duale Ausbildungssystem nicht funktionieren, so Riess. Perspektivisch gingen so im Handwerk pro Jahr 70.000 Ausbildungsplätze verloren.

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