Grüne in komfortabler Lage

Offenbach - „Was ist denn hier los?“ Tarek Al Wazir, Offenbachs prominentester Grüner, kommt am Montagabend staubedingt zu spät. Von Matthias Dahmer

Ob seine Verwunderung angesichts einer ungewöhnlich gut besuchten Mitgliederversammlung nur gespielt ist, darf offen bleiben.

Tatsache ist: Die Offenbacher Grünen können sich in einem beispiellosen Wahlerfolg sonnen. Dessen historische Bedeutung erschließt sich mit einer Anekdote, die Al Wazir später am Abend vor 43 stimmberechtigten Mitgliedern im Saal der Volkshochschule zum Besten geben wird: Vor 17 Jahren, erinnert er sich, ist man in einer solchen Versammlung nicht mal beschlussfähig gewesen. Weshalb eine freie Mitarbeiterin unserer Zeitung, die zur Berichterstattung anwesend war, kurzerhand zum Eintritt in die Partei überredet wurde, was die Beschlussfähigkeit sicherte.

Lang ist’s her. Etwas mehr als eine Woche nach der Kommunalwahl 2011 könnte die Situation für die 105 Mitglieder zählende Partei komfortabler kaum sein: Mit 22,1 Prozent das Ergebnis verdoppelt, mit 16 Sitzen im neuen Stadtparlament fast auf Augenhöhe mit den Sozialdemokraten und in Sichtweite der CDU. Weshalb wohl zurecht ein Selbstbwusstsein zur Schau gestellt wird, das erfreulicherweise nie arrogant daher kommt.

Sondierungsgespräche mit allen Fraktionen

Vergleichsweise ungezwungen geht es zu, wenn die vorher nicht explizit genannte Tagesordnung abgearbeitet wird, wenn erst die Birgit (Simon), dann der Tarek und schließlich der Peter (Schneider) das Wort ergreifen. Letzterer kann mit breiter Brust verkünden, dass in den nächsten Tagen und Wochen Sondierungsgespräche mit allen Fraktionen geführt werden. Bis zur konstituierenden Parlamentssitzung am 2. Mai, da sind sich alle einig, müssen handlungsfähige Bündnisse geschmiedet sein. Eine Hängepartie bis zur Oberbürgermeisterwahl wird es mit den Grünen nicht geben, erteilt Fraktionsschef Schneider entsprechenden Vemutungen eine Absage.

Die Gespräche, sagt der Politiker staatsmännisch, werden mit allen geführt. „Für die Grünen ist sehr viel denkbar“, so Schneider. Undenkbar sind für ihn bei möglichen Koalitionen eigentlich nur die Reps. „Problematisch“ könnte es auch mit den Linken werden, formuliert der Fraktionsvorsitzende. Ein Zweierbündnis mit der CDU wird von ihm zwar pflichtgemäß als Option genannt, ein Gesprächsangebot der Union liegt auch schon vor. Aber niemand sagt es, doch irgendwie liegt in der Luft, dass sich keiner diese Konstellation so recht vorstellen kann.

Bequemste Mehrheit gäbe es dabei mit den Liberalen

Da bleibt vor allem das Bewährte: die SPD. Wer dann von den kleinen Fraktion die Dritte im Bunde sein wird - Fragezeichen. Möglich sind noch der bisherige Ampelpartner FDP, die Freien Wähler, die Piraten und das Neue Forum Offenbach. Die bequemste Mehrheit (38 Sitze) gäbe es dabei mit den Liberalen. Weshalb die bisherigen Mitstreiter in der Ampel am späten gestrigen Abend auch die ersten Gesprächspartner der Grünen waren. Den Auftrag, Kontakte zu knüpfen, gab es für die grüne Verhandlungskommission per einstimmigem Beschluss.

Dass es den Grünen bei allem Ausloten inhaltlicher Gemeinsamkeiten auch um die Sitzverteilung im vierköpfigen hauptamtlichen Magistrat geht, macht Bürgermeisterin Birgit Simon deutlich. Der Vierer-Magistrat muss das Kräftverhältnis abbilden, fordert sie am Rande der Mitgliederversammlung. Will heißen: Die Grünen wollen ebenso wie die SPD (mit OB Schneider und Kämmerer Michael Beseler) zwei Sitze in dem Gremium. Dafür müsste FDP-Mann Paul-Gerhard Weiß seinen Sessel räumen. Ambitionen, neben Bürgermeisterin Birgit Simon als zweite grüne Kraft im Magistrat zu agieren, werden Fraktionsschef Peter Schneider nachgesagt. Die Amtszeit von Simon, Beseler und Weiß läuft im September 2012 aus.

Für höhere politische Weihen nach Baden-Württemberg

Tarek Al Wazir und Birgit Simon unterstreichen mit einer kurzen Wahlanalyse und vielen Zahlen die Dimension des grünen Wahlergebnisses in Offenbach, das bislang nicht gerade zum „grünen Kernland“ zählte: Noch nie kam die Partei in der Stadt über 20 Prozent. Dass dies nicht nur der Reaktor-Katastrophe in Japan geschuldet ist, belegt der Umstand, dass zum Beispiel die Grünen in Wiesbaden drei Prozent schlechter abschnitten und selbst eine Studentenstadt wie Gießen nur auf 20,7 Prozent kam. „In mehr als einem Viertel der Wahlbezirke sind wir stärkste Partei“, sagt Al Wazir. Im Westend gaben gar 45 Prozent der Wähler den Grünen ihre Stimme. Birgit Simon findet: „Wir sind in der Bevölkerung der Stadt angekommen.“ Weshalb sie auch entschieden Spekulationen widerspricht, sie gehe für höhere politische Weihen nach Baden-Württemberg.

Rubriklistenbild: © BirgitH/pixelio.de

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