Ist der Grüne Punkt im Eimer?

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Hinterlassenschaften: Eine Installation zeigt in der Ausstellung „Deutschland für Anfänger“ im Museum Industriekultur in Nürnberg die Menge Müll, die jeder Bundesbürger pro Jahr verursacht.

Offenbach - Fast eine halbe Tonne Abfall produziert der Durchschnittsdeutsche jedes Jahr. Dabei landet immer häufiger Abfall im falschen Müll. Fast in jedem Mehrfamilienhaus kann man beobachten, dass den Bewohnern die Mülltrennung schlicht zu „anstrengend“ ist. Von Peter Schulte-Holtey

Welche Packungen gehören denn nun in den Gelben Sack? Manche werfen schon heute sämtliche Kunststoff- und Metallabfälle ein, dabei dient die Gelbe Tonne nur der Entsorgung von Verpackungen, für die die Hersteller eine Lizenzgebühr bezahlen, die auf den Verkaufspreis aufgeschlagen wird. Früher hat man solche Verpackungen am Grünen Punkt erkannt. Doch das Monopol wurde abgeschafft, mittlerweile gibt es acht konkurrierende „duale Systeme“ mit eigenen Logos.

Lesen Sie dazu das Interview mit FES-Experte Michael Werner: „Hessens Städte auf neuen Wegen

Kopfschütteln auch in den Kommunen. Das Dickicht an Verträgen mit den Entsorgungs-Firmen (allein in Frankfurt sind es mehr als 40) wird auch für Fachleute undurchschaubarer. Politiker wollen nun mehr Klarheit. Und sie haben sich viel vorgenommen, um die riesigen Probleme in der Müll-Wirtschaft zu lösen. Die wichtigsten Normen sollen 2010  geändert werden, es geht um die grundsätzliche Ausrichtung in der Abfall-Industrie. Zentrale Fragen: Wann ist Müllverbrennung Verwertung und wann Beseitigung? Welchen Wirkungsgrad müssen Müllverbrennungsanlagen dann haben? Welche Rolle soll Recycling in Zukunft spielen? Vor allem: Wie kann den Verbrauchern das Müllsammeln erleichtert und die Motivation gesteigert werden?

Ganzes System in Existenz gefährdet

Das Müll-Recyclingsystem leidet unter zu vielen Trittbrettfahrern“, heißt es in der Industrie. An den Pranger kommen dabei Firmen, die die Lizenzgebühr für ihre Waren nicht entrichten, deren Produkte aber von den Verbrauchern dennoch in die Gelben Tonnen geworfen werden. Manche sehen längst das gesamte Abfallsystem mit dem Grünen Punkt und der Gelben Tonne in seiner Existenz gefährdet.

Von allen Seiten wird das vorherrschende Müllkonzept inzwischen in Frage gestellt. So sucht eine stetig wachsende Zahl von Kommunen intensiv nach Möglichkeiten für einen Abschied aus dem Dualen System Deutschland. Der FDP-Bundestagsabgeordnete und „Müll-Experte“ Horst Meierhofer zeigt Verständnis dafür. Er hat schon lange Zweifel am System. „Es gibt Regionen - oft in Städten - in denen der Inhalt von Gelber Tonne und Restmüll nahezu identisch ist. Hier an der Trennung von Hand festzuhalten, nur weil die Menschen daran gewöhnt sind und glauben, damit einen Beitrag zum Umweltschutz zu leisten, macht für mich keinen Sinn“, erklärt er.

Grübeln auch in der Bundesregierung

Viele in der „Müll-Industrie“ wollen Reformen. Zusammen mit den kommunalen Spitzenverbänden und Entsorgungsunternehmen sowie dem Bundesverband der Dualen Systeme Deutschlands wird momentan ein gemeinsames Konzept erarbeitet. Grübeln auch in der Bundesregierung. Im Bundesumweltministerium prüft man jetzt die Fortentwicklung hin zu einer Wertstofftonne; in ihr könnten auch weitere Abfallstoffe für ein ökologisch sinnvolles Recycling erfasst werden; von sogenannten „stoffgleichen Nichtverpackungen“, zum Beispiel Kunststoffen oder Metallen, ist die Rede.

Ein Weg, der von der Deutschen Umwelt-Hilfe (DUH) begrüßt wird. „Doch wer das Ganze finanzieren soll, ist ja noch völlig offen“, berichtet DUH-Expertin Maria Elander im Gespräch mit unserer Zeitung über Probleme bei der Umsetzung. Und von der Grüner-Punkt-Firma Duales System Deutschland in Köln kommt bereits die eindringliche Forderung: „Es muss dann auch unbedingt sichergestellt werden, dass die Kosten für die stoffgleichen Nichtverpackungen von den Verursachern finanziert werden.“

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