Streetworker führt Minister zu Brennpunkten

Grüttner am sozialen Abgrund

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Cristian Cley (rote Jacke) von der Caritas zeigt Sozialminister Stefan Grüttner „sein“ Offenbach. Eine Gesprächspartnerin ist Letitia Deudeanu vom „Bistro 4“ (links). Edith Heilos von der Caritas ist mit auf der Tour durch die Stadt.

Offenbach - Der Offenbacher Streetworker Cristian Cley hat gestern den hessischen Sozialminister mit nach ganz unten, sozusagen an den sozialen Abgrund genommen. Der gebürtige Rumäne zeigte Stefan Grüttner, auch hiesiger CDU-Vorsitzender, „sein Offenbach“. Von Peter Klein 

Im Auftrag der Caritas soll Cristian Cley Neuzugewanderte, vornehmlich welche aus dem Südosten der Europäischen Gemeinschaft, zu den Beratungsangeboten in der Stadt führen, damit sie möglichst aus der Armut herausfinden. Zudem will er Menschen, die wohnungslos sind oder denen Obdachlosigkeit droht, auf die Angebote des Hilfssystems aufmerksam machen. Die Betroffenen trifft er in Parks, in der Obdachlosenunterkunft, in entsprechenden Lokalen. Jetzt hat er mit dem hessischen Sozialminister Stefan Grüttner einen Stadtrundgang der besonderen Art unternommen.

Treffpunkt ist die Obdachlosenunterkunft Teestube der Diakonie in der Offenbacher Gerberstraße. Von dort führt Cley den Minister zum „Bistro Nr 4“ in der Bieberer Straße. Mitarbeiterin Camelia Bercea hat ein rumänisches Brot zur Begrüßung gebacken. In der Gaststätte verkehren viele Rumänen, Serben und Polen, erzählt sie. Am Tisch vor dem Bistro sitzt eine 22-jährige Frau, die nicht namentlich genannt werden will, mit ihrer neun Monate alten Tochter. Sie kam 2016 mit ihrem Freund nach Offenbach, da sie in Rumänien keine Perspektive mehr sah. Ein Jahr arbeitete sie in einer Bäckerei, dann wurde sie schwanger, und ihr Freund verschwand. Da sie mit Baby nicht mehr arbeiten konnte, landete sie alsbald in einer Notunterkunft.

Bezahlt wird Streetworker Cley durch EHAP, den Fonds der Europäischen Gemeinschaft zur Armutsbekämpfung. Diese wird in Deutschland als Hilfe zur Selbsthilfe organisiert. In Offenbach sind Caritas und Diakonie die Träger, während sich das Rote Kreuz um Familien kümmert.

Um Hessens Parlamentariern die Armut näher zu bringen, hatte ihnen die Liga Hessen, ein Zusammenschluss aller Wohlfahrtsverbände, in Wiesbaden Filme über Projekte zur Armutsbekämpfung gezeigt. Auch Cley hatte ein Video eingereicht. In der Folge übernahmen die Fraktionschefs im Landtag Patenschaften für Projekte, die sie persönlich unterstützen wollen. Stefan Grüttner als Sozialminister entschied sich für das Streetworkprojekt in Offenbach. Nun wollte er sich in der Stadt, in der er von 1991 bis 1995 Sozialdezernent war, die Arbeit anschauen, um zu sehen, wo er unterstützen kann.

Cley führt ihn weiter stadteinwärts. Gegenüber einem Waschsalon stehen morgens früh um sechs die bulgarischen Tagelöhner, die hier auf einen Auftraggeber warten. Doch um diese Uhrzeit sind schon alle weg. Wenige Meter weiter trifft die Gruppe auf eine obdachlose Frau, die mehrere Einkaufwagen mit ihrem Hab und Gut bei sich hat. Unterwegs zeigt der Streetworker auf eine Kneipe in der Haschisch gehandelt, aber auch Schuhe oder Kleidung billig angeboten würden. „Aha, das sind die Sachen, die wohl vom Lkw gefallen sind“, stellt Grüttner trocken fest.

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Vorbei an Bettlern in der Großen Marktstraße bringt Cley seine Begleiter zur Post am Aliceplatz. Eine überdachte Ecke ist eine beliebte Übernachtungsmöglichkeit, besonders am Wochenende, wenn einige stark alkoholisiert sind. Der Streetworker weiß auch von Problemen mit einer Gaststätte am Stadthof, die bis sehr spät geöffnet sei. Besonders zur vorgerückten Stunde werde es dort schnell mal laut und aggressiv. Stefan Grüttner kennt das Lokal noch als gutbürgerliche Gastwirtschaft.

„Armutsbekämpfung ist nichts Punktuelles, das man irgendwann erledigt hat, sondern ein Problem, das uns auf Dauer erhalten bleibt, nur die Facetten ändern sich“, stellt der Minister schließlich im Caritashaus an der Kaiserstraße fest. Früher habe es ein oder zwei Punkte gegeben, wo man „die Leute“ getroffen habe, heute seien es viele. Neu sind für ihn die Vernetzung unterschiedlicher Angebote und die niedrigschwellige Herangehensweise. Früher habe man gedacht, es reiche, ein Angebot zu haben, dann kämen die Leute schon. „Aber es braucht Typen wie Cristian Clay“, um sie wirklich zu erreichen“, lobt Minister Stefan Grüttner.

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