Und wo guckst du?

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Unser Sport-Redakteur Christian Düncher darf auch bei der Arbeit für Deutschland tröten. Ist ja sein Job. Aber nicht alle Offenbacher Arbeitnehmer haben die Erlaubnis, das Deutschland-Spiel im Fernsehen während der Arbeit heute Mittag zu verfolgen. Manche müssen sich Urlaub nehmen, andere dürfen zwischendrin mal reinschauen.

Offenbach ‐ Das Martinshorn für Poldi anmachen geht gar nicht. Auch dann nicht, wenn der blonde Kick-Prinz heute zehn Bälle im serbischen Tor versenken sollte. Von Kathrin Rosendorff

„Die Polizisten dürfen sich freuen, aber das Martinshorn darf nur im Ernstfall gebraucht werden – auch in WM-Zeiten“, sagt Polizeisprecher Henry Faltin. Auch im Autokorso fröhlich mithupen oder die Fahnen aus dem Polizeiwagen flattern lassen, ist nicht erlaubt. Schließlich haben die Beamten Vorbildfunktion, sagt Faltin. Die Streifenbeamten dürfen das Spiel sowieso nicht ansehen. In die Röhre zu schauen, ist nur den Polizeiführern vom Dienst erlaubt. Aus einem dienstlichen Grund: „Wir haben ein vitales Interesse am Spielstand, weil wir uns so auf die entsprechende Reaktionen einstellen können“, sagt Sprecher Faltin. „Aber der Ton bleibt aus, nur neben der Arbeit wird ab und an ein Auge auf den Bildschirm geworfen.“

Und was machen die anderen Offenbacher, die beim Mittags-Spiel noch keinen Feierabend haben? Im Rathaus ist keine Großbild-Leinwand aufgestellt. „Viele nehmen sich heute einfach Gleitzeit“, sagt Stadtpressesprecher Matthias Müller. Und der OB Horst Schneider? Der schaut in der Sparkasse, weil dort anschließend der Verwaltungsrat tagt.

Für die 850 Mitarbeiter des Deutschen Wetterdiensts hat der Kantinen-Betreiber eine Großbildleinwand errichtet. „Bei uns dürfen alle schauen, solange sie sich für die zwei Stunden mit ihrer Zeitkarte ausstechen“, erzählt Gerhard Lux, Pressesprecher der Bundesbehörde. „In der Kantine ist Platz für 150 Leute, und ohne Tische passen sogar noch mehr rein“, sagt Lux. Das Spiel in Gesellschaft zu schauen, sei ein Muss. „Die WM ist schließlich ein Gemeinschaftserlebnis“, so Lux. „Nur die Meteorologen, die aufs Wetter aktuell aufpassen müssen, haben an dem Tag echt Pech gehabt.“

Andernorts in der Stadt empfindet man fehlende Fernseher und Vuvuzelas nicht als Verlust, sondern als Erholung in einer WM-überladenen Zeit. So bei Offenbachs Star-Friseurin Martina Acht. „Bei uns gibt es keinen Fernseher. Das brauchen wir auch nicht. Wir sind so ein Weiberstadl“, sagt Martina Acht, die das Getröte nicht mehr hören mag. „Fußball ist nicht so wichtig wie schön zu sein“, lautet ihr Motto. Und das scheinen auch einige Offenbacher Ladies genauso zu sehen. „Meine Hütte ist auch um 13.30 Uhr heute voll“, tönt Acht.

"Fußball ist kein Jahrhundert-Ereignis"

Auch Patricia Kappus-Becker, Geschäftsführerin von Kappus-Seifen, kann die Fußball-Verliebtheit nicht teilen. „Wenn unsere Mitarbeiter schauen wollen, können sie sich Urlaub nehmen“, sagt sie. Aber im Büro oder am Produktionsband gibt es kein Sommermärchen Teil 2 zu gucken. „Es ist doch nur ein einfaches Fußballspiel. Da rennen zwei Mannschaften und versuchen, ein Tor zu machen. Das ist kein Jahrhundert-Ereignis.“

Ganz anders empfindet das Privatdozent Dr. Stephan Sahm, Chefarzt der Inneren Medizin am Ketteler Krankenhaus. Und so hat er im Konferenzraum einen Fernseher hingestellt. „Natürlich können wir nicht den Betrieb stilllegen, aber zwischen den Untersuchungen können die Stationsärzte vorbeischauen“, erzählt er. Dazu gibt es natürlich keine Flasche Bier, aber Kaffee und Croissants. Unter dem Kittel darf auch gerne ein Trikot sein. Sahm begründet, warum ihm die WM im Krankenhaus so wichtig ist: „Die Mitarbeiter hier arbeiten sehr viel, da sollen sie auch ihrer Leidenschaft nachgehen dürfen.“

Selbst dort, wo sonst anderen Leidenschaften nachgegangen wird, erhitzt das WM-Fieber: Auch im Offenbacher Pornokino schwitzen neben den üblichen Akteuren Poldi und seine Gang. Und das auf Großbildleinwand.

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