Gute Aufstiegschancen

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Eigentlich sollten Kaufinteressenten hier in der Tiefgarage der Industrie- und Handelskammer ihr Rad sogar Probefahren. Dafür war dann allerdings schon echtes Slalom-Können gefragt. Manche beließen es gleich beim Probeschieben. Der Fahrradbasar der Offenbach-Rhein-Main-Lions geriet zum fulminanten Erfolg. Der Erlös, auch aus der Verköstigung der Kundschaft, geht ans Offenbacher Theresien-Kinder- und Jugendhilfezentrum. Foto: Georg

Offenbach - Es ist, als hätten die Lions das Rad neu erfunden und jetzt will jeder unbedingt eins von diesen sagenumwobenen Fortbewegungsmitteln haben. Oder lieber gleich zwei. „Das hier“, erklärt die Mutter dem Sohnemann und schlingert mit ihren Beutestücken um weniger Glückliche herum bis zum Ende der Schlange, „das hier ist deins. Und das andere, das ist das Ersatzfahrrad. Ok?“ Von Marcus Reinsch

„Ok“,bestätigt der Spross in kindlichem Gleichmut. Den kann er sich leisten. Wer es hier beim Fahrradbasar des Lions-Fördervereins bis auf die Rampe der Tiefgarage der Industrie- und Handelskammer geschafft hat, wo Menschen dem Sonnenlicht zustreben und der Kasse, der hat gewonnen. Der kann gleich, erlöst von aller Angst, nichts mehr abzubekommen, von dannen strampeln. Der war rechtzeitig vor Ort.

„Rechtzeitig“ bedeutete gestern: Punkt halb eins. Da hatte das Lions-Dutzend samt Lebenspartnern in der Tiefgarage die Verkaufsphase eingeläutet und sich mit Blick auf die Menschenmassen oben bei den Schranken schon mal darauf eingestellt, dass die Sache mit dem Fahrradbasar wohl noch größer werden würde als erhofft.

Jetzt, 25 Minuten später, ist sie geradezu gigantisch und eigentlich auch schon fast wieder vorbei. Im diffusen Neonschein dieser heute von allen automobilen Dämonen befreiten Unterwelt läuft die letzte Runde im Kampf Gut gegen Böse. „Gut wäre“,stellt ein junger Typ fest, der den dürren Rahmen eines edlen Rennrads liebkost, „wenn das Teil hier auch nur halb so gut ist, wie es aussieht.“ Und böse? „Böse wäre, wenn es mir jemand wegschnappt.“

Die Angst ist nicht unbegründet. Klammern hat Sinn. Die Blicke zumindest, die den Drahtesel („Karbonfelgen, sonst sauteuer!“) streifen, sind mal bewundernd, mal neiderfüllt, oft begehrlich. Rund 300 Velos jeglicher Bauart und Preisstufe haben Privatleute am Vormittag vorbeigebracht. Sie haben den Lions ihren Preis genannt, zwei Euro Annahmepauschale bezahlt und nochmal verinnerlicht, dass der als Zwischenhändler auftretende Förderverein zehn Prozent des Erlöses dem Offenbacher Theresien-Kinder- und Jugendhilfezentrum spenden wird, falls sich ein Käufer findet.

Das „Falls“, das wissen die Initiatoren schnell, hätten sie getrost weglassen können. Sie werden von Kaufwilligen geradezu überrollt. Geschätzte 600 Menschen, eher mehr, sind hinabgestiegen ins Halbdunkel. Die Konkurrenz ist groß, aber es geht vorbildlich zivilisiert zu. Kein Vergleich mit Kinderklamottenbasaren, wo manchmal Frauen zu Furien werden, weil sich eine dieser frechen Mit-Mütter erdreistet, den eben hervorgewühlten Strampler für den eigenen Balg zu beanspruchen.

Beim Fahrradbasar wird nicht gehauen, und Fingernägel dienen ausschließlich der Prüfung des Reifendrucks. Kleine Tricksereien sind geduldet. Ein Junge versucht, mitten im Gewühl vier Lenkstangen gleichzeitig zu umklammern, während der Herr Papa zwei weitere Drahtesel anschleppt, um mit dem momentan unter Aluminium und Chrom begrabenen Spross später in aller Ruhe entscheiden zu können.

Drei Säulen weiter, an denen mit „Sport“, „Kinder“, „City“ beschriftete Pappen die Orientierung erleichtern, hält unterdessen der Fördervereins-Vorsitzende Peter Ober die wichtigsten Utensilien des Tages in Händen - die Pumpe und den 13er-Schlüssel. Lions-Mannen füllen auf Wunsch Reifen praller, stellen Bremsen schärfer, schrauben Lenker und Sättel höher oder tiefer, damit jeder Kaufwillige seine Aufstiegschance bekommt.

Weitere zehn Minuten später, in denen unten die Fahrradglocken und oben die Kassen geklingelt haben, gibt es plötzlich nichts mehr zu pumpen und zu schrauben. 13.05 Uhr, alles weg, der Zug, sprich: das Rad ist abgefahren. Peter Ober blickt auf die Uhr. „Wir kennen das ja eigentlich von Fahrradbasaren anderer Lions-Clubs. Aber wir hatten es nicht geglaubt.“

Jetzt glauben sie‘s.

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