100 Jahre Schillerschule

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Das Hauptgebäude der Schillerschule wurde vor 100 Jahren gebaut. Gemeinsam machte sich die heutige Schulgemeinde Gedanken, wie der Schulalltag wohl 1910 in Offenbach ausgesehen hat.

Offenbach ‐ „Ich eröffne das Haus mit dem Wunsche, dass es uns Lehrern stets ein Ort gesegneter Arbeit, unseren Schülern eine Empfangsstätte wahrer Geistes- und Herzensbildung sein möge.“ Von Denis Düttmann

Mit solch salbungsvollen Worten weihte Hauptlehrer Göckel vor 100 Jahren die neu gebaute Schillerschule ein, die damals noch Bernhardschule hieß. Heute würde man nicht mehr ganz so pathetisch formulieren, der Anspruch jedoch ist immer noch der gleiche.

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100 Jahre Schillerschule

Die Schillerschule versteht sich nicht nur als reine Lehranstalt, sondern als ein Ort, an dem sich Schüler sowohl intellektuell als auch emotional entwickeln, an dem sie zu starken Persönlichkeiten heranreifen. „Unser pädagogisches Konzept fußt auf dem großen Engagement von Lehrern, Schülern und Eltern“, sagte Schulleiter Thomas Findeisen während der 100-Jahr-Feier. „Die zahlreichen Preise und Auszeichnungen, die wir für unsere Arbeit erhalten haben, geben uns recht und spornen uns weiter an.“ Der Direktor sieht sich und die Schillerschule in einer reformpädagogischen Tradition, die bis in die Weimarer Republik zurück reicht und deren Grundgedanke die Idee der Volksbildung ist. „Wir wollen gute Bildung unabhängig von der sozialen Herkunft der Schüler ermöglichen“, sagte Findeisen.

Wie gut das mitunter funktioniert, konnten die Besucher bei dem Schulfest zum runden Jubiläum erleben. Eine Projektgruppe stellte die Entwicklung der Tonträger von der Schellackplatte bis zur MP3-Datei dar, eine andere zeigte den Schulsport im Wandel der Zeit und eine weitere informierte die Gäste über Sexualität vor 100 Jahren. „Die Schüler haben kreativ und quirlig die unterschiedlichen Quellen von Bildung angezapft und die Ergebnisse spannend präsentiert“, lobte Findeisen.

Projektarbeit statt Frontalunterricht

Geschichtslehrer Uwe Stransky hat mit Schülern in den vergangenen Jahren zahlreiche Dokumente gesichtet und Zeitzeugen befragt – zum Jubiläum erscheint nun eine 140 Seiten starke Chronik der Schule. Bei der akademischen Feier tritt er als gestrenger Oberlehrer in Frack und Weste vor das Auditorium, bedrohlich wippt der Rohrstock in seiner Hand, während ein Mädchen im Matrosenkleid das Kaiserlied vorträgt. Doch schon in den 1920er Jahren, nach dem Zweiten Weltkrieg und dann in den 80ern halten neue pädagogische Konzepte Einzug in der Schillerschule: Projektarbeit statt Frontalunterricht, Gruppendiskussionen statt Vokabelabfragen. So berichtete ein Reporter unserer Zeitung nach einem Unterrichtsbesuch 1949 beinahe erstaunt: „Zwanglos sitzen die Schüler an Gruppentischen. Sie begegnen dem Rektor ohne Hemmungen und scheinen gar keine Angst vor den Lehrern zu haben.“

Doch die modernen Lehrmethoden stießen immer wieder auf Widerstände. Gerade die Eltern glaubten noch lange Zeit, dass guter Unterricht von Strenge und Disziplin geprägt zu sein habe. „Das Lehrerkollegium von 1982 war schließlich die Keimzelle für alles, wofür die Schillerschule heute steht“, erklärte Stransky. Damals wurde das Konzept der vier Säulen entworfen, auf denen die Schule heute ruht: Ganztagsangebot, Differenzierung, Eigenbeteiligung, Teambildung.

Stadtrat Enno Knobel bezeichnete das 100 Jahre alte Gebäude als das Idealbild einer alt ehrwürdigen Schule, das jedoch mit blühendem Leben gefüllt sein. Denn bei aller Begeisterung für das historische Gemäuer, dessen Fassade im Herbst aufwändig restauriert werden soll, gelte es eines nicht zu vergessen: „Die Menschen, die in der Schule lernen und leben, sind wichtiger als das Gebäude selbst.“

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