Der Film Karimis Plan soll zeigen, wie wichtig es ist, auf andere zuzugehen

Auf gute Nachbarschaft

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Der Backshop Winter in der Gabelsbergerstraße. Hinter dem Fenster links gönnt sich Klaus Schneider-Grimm einen Espresso.

Offenbach - Welch interessante Integrationsgeschichte sich hinter den Scheiben des Back- & Snackshops Winter verbirgt, würde man auf den ersten Blick wohl nicht vermuten. Der Künstler Klaus-Schneider Grimm hat der Familie Karimi, von der zwei Brüder den Laden betreiben, einen Film gewidmet. Von Christian Wachter

Er sei oft am Backshop Winter vorbeigelaufen, sagt der Künstler Klaus Schneider-Grimm, ohne zu ahnen, dass es es sich dabei um einen Ort voller Integrationsgeschichte handle. Als er doch einmal einen Blick hineinwirft, entdeckt er ein Gesicht, das ihm bekannt vorkommt. Seine Tochter Lena Grimm hatte Hamit Karimi, der hinter dem Tresen steht, für die Foto-Aktion „Offenbach zeigt Gesicht im Großformat“ abgelichtet. So kamen sie ins Gespräch und es stellte sich heraus: Hamit ist das jüngste von sechs Geschwistern einer Familie, die vor knapp 30 Jahren aus Afghanistan nach Deutschland flüchtete. Die Geschichte findet Schneider-Grimm so interessant, dass er sich entschließt einen Film zu machen. Und so entsteht mit der Hilfe von zehn Albert-Schweitzer-Schülern in eineinhalb Jahren ein 30-minütiges, collagenhaftes Portrait der Familie Karimi, das jüngst an der Albert-Schweitzer-Schule (ASS) vorgestellt wurde. Es ist das zehnte Projekt der Kunstaktion „Offenbacher Brückenschlag.“ „Wir hatten keinen Drehplan, der Film ist über die Begegnungen mit der Familie gewachsen“, so Schneider-Grimm.

Die Familie Karimi bei der Vorstellung des Films „Karimis Plan“, von Künstler Klaus Schneider-Grimm (oben, Vierter von links) in der Albert-Schweitzer-Schule. Auch mit dabei ist Hamit (unten, Dritter von links), dessen Begegnung mit Schneider-Grimm erst den Impuls für den Film lieferte.

Bürgermeister Peter Schneider hebt die Bedeutung solcher Projekte hervor: „Für Integration ist es ganz wichtig, sich kennenzulernen: Wenn ich den Anderen, den Fremden, nicht treffen kann, werden falsche Bilder, die ich im Kopf habe, nicht korrigiert.“ Was das zur Folge haben könne, sehe man ja am Wahlausgang, so Schneider. Die Karimis, die Anderen, um die es an diesem Abend geht, sind längst keine Fremden mehr. Die Familie ist inzwischen auf gut zwanzig Menschen angewachsen, die Zahl derer, die die Flucht nur noch aus Erzählungen kennen, wird größer. Einer von ihnen ist Ahmad. Der 18-Jährige war bis vor Kurzem noch auf der Albert-Schweitzer-Schule und erzählt in dem Film die Geschichte seines Vater Ahmadschah, das älteste der sechs Geschwister.

Bevor die Familie komplett nach Deutschland zieht, macht der damals 17-Jährige mit seinem 15-jährigen Bruder Temorschah den ersten Schritt. Zusammen mit einigen Mudschaheddin, von denen einer auf der Reise getötet wird, fliehen sie vor der sowjetischen Intervention von Kabul nach Pakistan. Sie kommen in einem Heim unter und schaffen es, sich in einer Schneiderei das nötige Geld für den Flug nach Deutschland zu beschaffen. Beide sind da noch nicht volljährig und wohnen bei Cousins in Fulda. Eineinhalb Jahre später reisen sie zurück nach Afghanistan, um die restliche Familie nachzuholen, die sich vorerst in Frankfurt niederlässt. 2005 ist aus dem Schneider ein Bäcker geworden, als Ahmadschah den Backshop Winter in der Gabelsbergerstraße übernimmt. 2009 gibt er den Laden an seinen Bruder Temorschah ab, der von Hamit Unterstützung bekommt.

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Hamit war drei Jahre alt, als ihn seine beiden Brüder nach Deutschland holen. An die Flucht kann er sich kaum erinnern. „Ich hatte es am bequemsten, wurde herumgetragen“, sagt er lächelnd. Auch wenn er fast sein ganzes leben in Deutschland wohnt, so gab es doch Momente, in denen er sich nicht zu Hause gefühlt hat. „Nach dem 11. September wurde ich von einigen Leuten mit anderen Augen gesehen“, sagt der 30-Jährige, der an der Frankfurter FH Bauingenieurwesen studiert. Umso schöner sei es, dass der Film bei den Zuschauern in der ASS auf so großes Interesse stoße: „Das zeigt, dass man sich unabhängig der Herkunft näher- kommen kann, dass es eine Basis für ein Miteinander gibt, die unabhängig von Religion ist.“

Das „Miteinander“ ist auch für Filmemacher Schneider-Grimm das entscheidende Stichwort. „Das ganze Viertel kommt her und es gibt es neben dem ausgezeichneten Kuchen auch immer Gelegenheit für einen Plausch“, sagt er über die Bäckerei Winter. Eigentlich sollte es eine einmalige Sache sein, dass er unter die Filmemacher gehe. Das Potenzial der Bäckerei, aber, haben ihn an diesem Schluss zweifeln lassen. Er spielt mit dem Gedanken noch einen Film zu machen: nach dem Vorbild zu „Smoke“ mit Harvey Keitel. In dem Streifen zu dem Paul Auster das Drehbuch schrieb, geht es um einen Tabakladen, in dem sich verschiedene Schichten und Ethnien treffen und der zum Zentrum der ganzen Nachbarschaft wird.

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