Gute Platane, böse Platane

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Eigentlich ist eine Platane gar kein Baum für ein Wohngebiet, findet Gertrud Schäfer. Dass an der Fritz-Erler-Straße vor 20 Jahren trotzdem welche gepflanzt wurden, bezahlen Anwohner nun, wie kurz vor diesem Foto geschehen, mit anstrengendem Blütenstaubsaugen.

Offenbach ‐ Hoch und üppig. Von Autoabgasen nicht kleinzukriegen. Und von allerhand allergener Potenz: Sie hat Vorteile, die Platane, und sie hat Nachteile. Von Marcus Reinsch

Wer nachvollziehen will, warum für Gertrud Schäfer letztere oft überwiegen, stellt sich am besten auf ihren Balkon in der Fritz-Erler-Straße.

„Ich liebe die Natur“, gibt die Dame im Schatten von mehreren Prachtexemplaren des Platanus acerifolia zu Protokoll. Und dass sie von hier aus trotzdem gerne regelmäßig einen Trupp des mit der Pflege des Offenbacher Grüns beauftragten Stadtdienstleisters ESO beobachten würde, das dürfe auf keinen Fall als Ruf nach der Kettensäge verstanden wissen. „Ich will ja nicht, dass die Bäume wegkommen“, sagt sie, „aber man müsste doch die Kronen mal schneiden. Dann wäre es hier nicht so furchtbar dunkel, und es gäbe weniger von diesen Bällchen.“

Diese Bällchen, das sind die Blütenstände der Platane und das eigentliche Problem. Zu hunderten hängen die kugeligen Gebilde an den Zweigen, und wenn der Wind kommt, machen sich die Pollen mit der Mission Bestäubung auf die Reise durch die Lüfte. Das sei gut für die Art-erhaltung, aber schlecht für viele Bewohner der von Platanen gesäumten Fritz-Erler-Straße, sagt Gertrud Schäfer.

Denn außer den optischen und sehr putzintensiven Nebenwirkungen des Pollenflugs - grünlichgelbe Staubteppiche - gebe es echte Gründe, verschnupft zu sein. „In den Atemorganen ist es wirklich ganz schlimm“, sagt die Biebererin.

Schäfers fühlten sich missverstanden

Das ist bewiesen. Fachportale im Internet bescheinigen, dass die umherschwebenden Härchen Reizhusten sowie Schleimhaut- und Hautreizungen auslösen können.

Allein: Hilfe ist von Stadt oder ESO nicht zu erwarten. Der Stamm der nächsten Platane sei zehn Meter entfernt, was „keine unzumutbare Beeinträchtigung“ hergebe und damit auch keine Rechtfertigung für Fällung oder Rückschnitt. So hatte es bereits vor zwei Jahren geheißen.

Die Schäfers fühlten sich missverstanden. Weil es ihnen natürlich niemals ums Fällen gegangen sei. Weil unberücksichtigt geblieben sei, dass auf dem Stamm eine Krone sitzt, die mittlerweile nah an den Balkon heranreicht. Auch, „weil es ja nicht nur um uns geht, sondern die ganze Straße leidet“.

Muss sie vermutlich auch weiter. ESO-Sprecher Oliver Gaksch war gestern mit dem Chef des städtischen Grünwesens vor Ort, schätzte die Distanz zwischen Platanenkrone und Balkon auf drei Meter, konnte dann aber nicht für Erleichterung sorgen, sondern nur für die Bestätigung der Auskunft von damals: „Das ist ein ernstes Thema, weil es um gesundheitliche Beeinträchtigungen geht. Aber es ist leider auch ein Thema, bei den wir keine Abhilfe schaffen können.“

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