Auf gutem Holzweg

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Da steckt viel Energie drin: Holzpellets. Die EVO möchte im neuen Werk allerdings eine Industrie-Variante produzieren.

Offenbach ‐ Jochen Ritter reiht die Industriegläser akkurat auf den Tisch: „Das ist die Zukunft.“ Der unbedarfte Laie runzelt die Stirn: Ein Glas mit Holzspänen, eines mit einem Pulver, das an Maisgrieß erinnert, zwei mit etwa vier Zentimeter langen Stäbchen, die Meerschweinchen-Futter gleichen. Von Martin Kuhn

Ritter, bei der Energieversorgung (EVO) als Prokurist und Leiter Services tätig, macht mit seiner Gläserparade anschaulich, was andere als „ökologische und ökonomische Ausrichtung“ preisen. Kurz gefasst: Weg von fossilen Brennstoffen, hin zum nachwachsenden Energieträger Holz. EVO-Vorstand Dr. Kurt Hunsänger fügt den Satz hinzu: „Energie aus der Region für die Region.“ Und das passt in seinen Augen punktgenau auf die regionale Ausrichtung des Unternehmens.

Feuer bedeutet Aus für IWO-Pellet

16. März: Die Feuerwehren rücken aus aufs Clariant-Gelände. Dort brennt nachts das Pelletswerk nieder, an dem die EVO nahezu 25 Prozent der Anteile hält. Das verheerende Feuer bedeutet das Aus der IWO-Pellet Rhein Main: „Ein heftiger Rückschlag“, urteilt Dr. Hunsänger. Das bezieht er nicht allein auf das zerstörte Werk: „Absatzwege brechen weg, langfristige Lieferverträge sind nicht mehr zu halten.“ In Zahlen: Etwa 400 Kunden besorgen sich ihre Pellets inzwischen woanders. Erfolgt ein Wiederaufbau? Bei der Beantwortung gibt sich der EVO-Vorstand nicht schweigsam, aber doch zurückhaltend: Seit vergangener Woche ist die Ursachenforschung beendet, der Abschlussbericht als Grundlage für eine Entscheidung steht noch aus.

Viel lieber richtet die EVO-Spitze ihre Aufmerksamkeit indes auf ein benachbartes Grundstück auf dem Clariant-Areal.  Dort, neben dem Totalschaden im Gebäude 219, plant die EVO ein zusätzliches (heute: neues) Pelletswerk. Feiner Unterschied: Die IWO-Pellet lieferte „Edel-Pellets“ für den heimischen Ofen, das neue Werk produziert Industriepellets für große Anlagen – etwa das eigene Heizkraftwerk an der Andréstraße – und könnte einen Teil Steinkohle ersetzen. Voraussetzung, die eine Weitergabe an Privatleute nahezu ausschließt: Werden die Industriepellets verfeuert, ist eine Rauchgaswaschanlage erforderlich.

Säge- und Hobelspäne von Kiefern und Fichten

Begründet ist das nicht etwa im Herstellungsverfahren, sondern im Grundmaterial. „Industriepellets haben einen Ascheanteil  von etwa drei Prozent“, sagt Jochen Ritter. Da wird ein Blick auf die übliche Produktion notwendig: Für „Edel-Pellets“ nutzen zirka 60 Werke in Deutschland Säge- und Hobelspäne überwiegend von Kiefern und Fichten, die zermahlen werden. Unter Zugabe von Weizen- oder Kartoffelstärke wird dieses Holzmehl zu Pellets verpresst. „In der neuen Anlage verwenden wir hingegen minderwertiges Holz, das eigentlich auf dem Kompost landet – Äste, Rinde. Sogenanntes Landschaftspflegematerial, das aber den gleichen Heizwert hat – und  das der deutlich günstigere Rohstoff ist. Auch unbehandelte Holzpaletten sind geeignet“, erklärt Ritter, der intern auch gern als Problemlöser bezeichnet wird.

Im vergangenen Jahr wurden deutschlandweit rund 1,6 Millionen Tonnen Holzpellets produziert.

Und da hat Jochen Ritter ein Problem gelöst, das Dr. Hunsänger einordnet und nicht ohne Stolz sagen lässt: „Wir bauen und betreiben bundesweit eine der ersten Anlagen dieser Art. Ja, wir sind Vorreiter.“ Das erklärt vielleicht auch die Tatsache, dass das Genehmigungsverfahren für die Anlage ungewöhnlich lange gedauert hat: „Es war nicht nur für uns Neuland“, heißt es an der Andréstraße. Der Zeitplan für das ehrgeizige Projekt: 2004 entwickelte Jochen Ritter die Idee, im November 2008 reichte die EVO nach dem grünen Licht des Aufsichtsrates die Unterlagen ein, seit Februar 2010 liegt die Genehmigung des Regierungspräsidiums vor. Im Oktober geht die Anlage in Betrieb, die 13 Millionen Euro kostet und jährlich 65 000 Tonnen Pellets liefern soll. Die Pellets sollen auf dem Markt verkauft, in kleineren Anlagen verbrannt und künftig zum größten Teil im EVO-Heizkraftwerk an der Andréstraße anstelle von Steinkohle verwendet werden. Der Vorteil für die Umwelt ist enorm: Die EVO kann mit 50 000 Tonnen Pellets im Jahr etwa 30 000 Tonnen Steinkohle ersetzen. Die CO2-Ersparnis beträgt für Offenbach in diesem Fall rund 80 000 Tonnen.

In Laubach wachsen 10.000 Pappeln und Weiden

Vielleicht ist es etwas weit hergeholt, aber das EVO-Konzept erscheint  durch und durch  nachhaltig: Genutzt wird sozusagen der gesamte Baum und nicht allein der Stamm. Für Ritter ein weiterer Vorteil: „Das Material, das wir verwenden, ist nicht so feucht. Dadurch benötigen wir weniger Energie zur Trocknung.“ Der Rohstoff Holz ist übrigens reichlich vorhanden: Auf ungefähr elf Millionen Hektar wächst in Deutschland Holz.

Einer davon gehört der EVO. In Laubach/Gießen wachsen 10.000 Pappeln und Weiden. Damit wollen die Offenbacher keineswegs ihr neues Pelletswerk füttern. Das würde ohnehin nicht funktionieren. Errechneter Ertrag: 15 Tonnen pro Jahr. Es ist ein Testwald. Die Experten wollen sehen, ob dieser rechnerische Wert realistisch ist. Ritter: „Im Herbst haben wir die erste Ernte. Interessant ist aber vor allem das nächste Jahr. Die spannende Frage: Wie viel ist dann nachgewachsen?“

Da wechselt der Ingenieur doch nur fälschlicherweise in die Sprache des Landwirts? „Nein. Ein Energiewald ist eine landwirtschaftliche Fläche.“ Dr. Kurt Hunsänger ergänzt: „Wir könnten Flächen nutzen, die nicht optimal für die Landwirtschaft sind – etwa an Autobahnen oder unter Freileitungen.“ Mit der Konzernmutter MVV  hat man bereits vor einiger Zeit eine Logistikfirma gegründet, die Grünschnitt und Landschaftspflegematerial im Umkreis von 150 Kilometern erntet und sammelt. Mit dem Projekt auf dem Clariant-Gelände ist es für Dr. Hunsänger indes nicht getan; er hat den Blick für Offenbach. „Eine Revitalisierung des Industrieparks tut auch der Stadt gut.“

HINTERGRUND

1996 wurden Holzpellets in Deutschland als Brennstoff zugelassen. Nun errichtet die EVO auf dem Clariant-Gelände bis zum Herbst ein Pelletswerk. Es ist mehr als Ersatz für die im März abgebrannte Anlage. Der lokale Energieversorger setzt auf ein Verfahren, das bundesweit nahezu einmalig ist.

Da die EVO für den Energiebedarf im Pelletswerk parallel ein Biomassekraftwerk baut (Kosten: 3 Millionen Euro), hat das „eine gewisse Aufmerksamkeit“ erzeugt. Die hatte die EVO ungewollt auch am besagten 16. März. Wie will man eine solche Katastrophe, die intern als Betriebsstörung definiert ist, künftig verhindern ? „Wir haben aus unseren Erfahrungen bei der IWO-Pellet gelernt – das beinhaltet auch das Negative“, sagt der EVO-Vorstand. „Wir statten die neue Anlage mit allen denkbaren Sicherheitsvorkehrungen aus.“  Er gibt zu bedenken, dass das Heizkraftwerk und  das  Müllheizkraftwerk seit vielen Jahren „sehr, sehr zuverlässig laufen. Aber hundertprozentig ausschließen kann man eine Betriebsstörung nie“.

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