Ein „Guter“ vor Gericht

Offenbach ‐ Als er Ende Juni vorvergangenen Jahres vorübergehend verhaftet wurde, war der Polizeibeamte Gerhard P. 59 Jahre alt und nicht mehr weit von seiner Pensionierung entfernt.  Von Marcus Reinsch

Jetzt ist er 60, vom Dienst im Offenbacher Polizeipräsidium suspendiert und muss um seine Altersversorgung und seine Freiheit fürchten. P.s Verhandlung hat gestern vor dem Landgericht Darmstadt begonnen. Und für die schwereren unter den Sünden, die ihm Staatsanwalt Gerhard Müller vorwirft, verlangt das Gesetz eine Gefängnisstrafe. Es war ein ungewöhnlich kurzer Auftakt. Er endete noch vor Verlesung der Anklageschrift, die von Bestechlichkeit, Geheimnisverrat, Strafvereitelung und einem Verstoß gegen das Waffengesetz berichten wird.

Der Obertshausener Gerhard P., im Polizeipräsidium zuletzt angesetzt auf Glücksspiel und Prostitution, soll zwischen März 2007 und Juni 2009 mindestens sieben mal einige hundert Euro Bestechungsgeld von Zeitgenossen genommen haben, die Ermittler dem illegalen Glücksspiel- und Rotlichtmilieu zurechnen. Im Gegenzug soll er unter anderem Strafanzeigen gegen den Betreiber eines Spielcasinos in Seligenstadt nicht verfolgt, einem Offenbacher Betreiber illegaler Glücksspiele Termine von Razzien gepetzt, einem kriminellen Offenbacher Brüderpaar quasi als Berater zur Verfügung gestanden und geheime Informationen aus dem Polizeicomputer an Verdächtige verraten haben. Außerdem fand man in seinem Dienstzimmer angeblich Waffen, die er nicht hätte haben dürfen.

Nächster Prozesstermin: 26. Januar

P.s Verteidiger - der Offenbacher Rechtsanwalt Alois Kovac - scheiterte zwar mit seinem Antrag auf Verbannung von Zuhörern und Presse aus dem Saal am „höher zu bewertenden öffentlichen Interesse“ (Richterin Barbara Bunk). Sein Mandant muss aber trotzdem erst wieder am 26. Januar auf dem Angeklagtenstuhl Platz nehmen. Bis dahin wird eine vom Gericht bestellte Ärztin ein internistisch-kardiologisches Gutachten erstellen, das P.s Verhandlungsfähigkeit bewertet.

Die von seinem Anwalt vorgelegten Atteste zu P.s Herzproblemen aus den Jahren 1999 bis 2003 reichten weder Richterin noch Staatsanwalt („Das ist nicht so dramatisch, wie es bei mir war.“) aus, um den suspendierten Polizisten für verhandlungsunfähig zu erklären.

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