Haariges aus der Jugendzeit

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Offenbach ‐ „Keine Frau ist zufrieden mit ihrer natürlichen Haarfarbe“, sagt Helmut Euler. Er muss das wissen. Mit seinen 83 Lebensjahren hält er sich für den ältesten noch aktiven Friseurmeister Hessens. Von Lothar R. Braun

Zwei weitere Jahre will er noch anfügen: „Dann bin ich nämlich Deutschlands ältester Friseur“. Zusammen mit seinem gleichaltrigen Kollegen Alfons Krause aus Tempelsee bestritt der Mühlheimer Helmut Euler im Else-Herrmann-Haus der Arbeiterwohlfahrt ein Erzählcafé zum Thema „Friseure einst und jetzt“.

Vom Moderator Karl-Heinz Stier erfuhr man dabei, dass es sich bei den Friseuren um einen schrumpfenden Berufsstand handelt – allem Augenschein zum Trotz. In Stadt und Kreis Offenbach seien im Jahr 1990 noch 120 Friseur-Lehrlinge ausgebildet worden, sagte Stier. Heute habe sich diese Zahl halbiert. Und in ganz Deutschland sei in diesem Zeitraum die Zahl der Betriebe um 60 000 geschrumpft. Krause, der einst als Prüfungsmeister mehr als hundert Lehrlinge in den Beruf geschleust hat, bekannte denn auch, ein zweites Mal würde er diesen Beruf nicht mehr wählen. Zu vieles habe sich verändert, auch die Lehrlinge seien heute nicht mehr so motiviert wie früher. Euler hingegen sagte freudig: „Aber ja, immer wieder würde ich Friseur werden.“

Es gab auch Annehmlichkeiten

Seinem Publikum hatte Euler einige Geschichten mitgebracht. Etwa wie er als blutjunger Soldat auch im Fronteinsatz zu Kamm und Schere greifen musste, damit seine Kompanie dem Feind mit gepflegtem Haupthaar begegnete: „Und so eine Kompanie, das ist en Haufe Köpp!“ Einmal, so erzählte er, habe er einem Offizier die Haare sogar auf dem Bauch liegend unter feindlichem Beschuss schneiden müssen.

Aber es gab auch Annehmlichkeiten. In der Kriegsgefangenschaft war er vier Wochen lang damit beauftragt, 60 gefangenen deutschen Generälen die Wangen zu rasieren. Die Bewacher mochten den deutschen Offizieren keine Rasiermesser anvertrauen. Dem 19-jährigen Euler vertrauten sie. Und als das Generalslager aufgelöst wurde, schickten sie den Kriegsgefangenen Euler ohne Formalitäten heim ins Rumpenheimer Elternhaus. Die amerikanische Armee bedurfte seines Rasiermessers nicht länger. Es wurde sozusagen entmilitarisiert.

Der ausgebildete Maskenbildner Krause wiederum wusste von Schauspielern und ihren Haarproblemen zu berichten. Die Meister führten altes Handwerkszeug vor, ein Onduliereisen zum Beispiel, das heute keiner mehr braucht, oder einen Abziehriemen für Rasiermesser. Man hörte von kalten und heißen Dauerwellen, von Wasserwellen und Bubiköpfen. Keiner der beiden alten Herren übt seinen Beruf noch genauso aus wie in seiner Ausbildungszeit. Geändert haben sich die Geräte, die Mode und die Kundschaft.

Haarige Geschichten aus aller Welt

Das gibt es nicht mehr, dass ein ordentlicher Bürger sich zum Start in den Tag für zwanzig Pfennig beim Friseur rasieren lässt. Was den Barbier zu einem intimen Partner werden ließ, häufig sogar zu einer Art Beichtvater. Damals gab es noch keine Irokesenfrisur, und kein Friseur wäre auf die Idee gekommen, sich „Hairdesigner“ zu nennen. Das Publikum hörte haarige Geschichten aus einer Welt, die nur älteren Semester noch vertraut ist. Im Erzählcafé wurden die Geschichten verstanden. Die älteren Semester waren unter sich.

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