Bürgermeisterin Birgit Simon widerspricht Ausbau der stationären Angebote für Alte

„Haben genug Heimplätze“

Offenbach - Die ältere Generation als Zielgruppe: Auf dem Gelände der Kaiser-Friedrich-Quelle soll ein Alten- und Pflegeheim entstehen, ebenso auf dem Areal des Offenbacher Tennisclubs. Beste Aussichten für die Alten? Von wegen. Gestern überraschte Bürgermeisterin Birgit Simon mit der Aussage, dass in Offenbach eigentlich keine weitere stationäre Einrichtung notwendig sei. Von Martin Kuhn

Das sagt die Grünen-Politikerin ausdrücklich als „Fachdezernentin“. Mit ihren Bedenken konnte sie sich jedoch weder beim restlichen Magistrat, noch bei den Bauherren Gehör verschaffen.

Sie entkräftet vor Journalisten auch ein häufig kolportiertes Vorurteil: „In unseren Einrichtungen gibt es keine lange Wartelisten.“ Offenbach komme mit seinen derzeit 529 Plätzen in den sieben Alten- und Pflegeheimen hin. Simon rechnet vor: „Wenn die Plätze in diesen beiden Projekten realisiert werden, liegen wir 60 Prozent über dem Richtwert für das Land Hessen.“ Zur Erinnerung: Die Projektentwickler planen an der Ludwigstraße ein Haus mit 180 Plätzen, an der Helene-Mayer-Straße eines mit 116. In den Augen der Bürgermeisterin ergibt das wenig Sinn: „In Frankfurt sind permanent Plätze frei. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann die ersten Einrichtungen schließen. Und in Bayern gibt es bereits einen Baustopp für stationäre Heime.“

Es lebe also der freie Wettbewerb um ein finanziell lukratives Geschäft? Da will die Birgit Simon gar nicht lächeln und rechnet vor: „Ein Altenheim trägt sich nur bei einer 96-prozentigen Auslastung.“ Werde das nicht erreicht, müsse gespart werden: „Und das geht auf Kosten einer guten Versorgung“, befürchtet die Sozialdezernentin.

Um es klar zu stellen: Birgit Simon lehnt nicht generell die Bauvorhaben ab („eine tolle Anbindung und Ergänzung des Wohnquartiers, mit Quartierssaal, ideal auch für Ältere“), sondern die inhaltliche Ausrichtung. Schließlich geben Experten zu bedenken: Heute wollen die Menschen in der Regel auch im Alter und selbst bei zunehmender Hilfsbedürftigkeit so lange wie irgend möglich selbstständig in den eigenen vier Wänden leben.

Das dürfte ein Grund sein, dass die Stadt bereits heute dem „landesweiten Rahmenvertrag für die Arbeit und Finanzierung eines Pflegestützpunktes“ beitritt. Ein etwas falscher Titel für eine gute Sache: Erstmals sollen hessenweit neutrale Stellen geschaffen werden, die über Angebote informieren und Pflegebedürftige beziehungsweise deren Angehörige beraten. Geplant ist eine örtliche Anlaufstelle, die bei den Fachdiensten des Sozialamtes angesiedelt ist. Start: möglichst bald.

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