Mit Hackbraten die Fans getröstet

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Hier zapft die Wirtin noch selbst: Lieselotte Hühne steht täglich hinterm Tresen ihrer Fan-Kneipe am Stadion. Nur heute wird eine Ausnahme gemacht. Zum 75.Geburtstag ist ein Ausflug angesagt.

Offenbach - Wenn im Stadion auf dem Bieberer Berg ein Tor fällt, ist Lieselotte Hühne eine der ersten, die das mitbekommen. Dabei steht sie nicht etwa auf einer der Tribünen, sondern hinter der Theke ihrer Gaststätte „Zum Bieberer Berg“. Bei jedem Spiel zittert sie mit. Von Katharina Skalli

Live dabei sein kann sie nicht, denn sie wird gebraucht: Wenn der Berg bebt, ist die Gaststätte an der Aschaffenburger Straße, Ecke Wiener Ring voll. Und das bereits seit fast 100 Jahren. 75 davon war Lieselotte Hühne dabei. Heute feiert sie runden Geburtstag. Dabei ist die Biebererin eigentlich viel zu bescheiden, um ihre 75 Lenze groß zu zelebrieren. Mit ihrer Familie macht sie heute einen Ausflug. Dann wird sie einmal bedient und nicht umgekehrt.

Ohnehin reihen sich für sie in den nächsten Monaten einige Jubiläen aneinander. Abgesehen von ihrem heutigen Ehrentag feiert die Kult-Gaststätte gegenüber des Stadions im nächsten Jahr 100. Geburtstag. Seit 50 Jahren führt Lieselotte Hühne den Familienbetrieb.

Schon mit drei Jahren stand sie hinter der Theke der Wirtschaft ihres Großvaters und sah zu, wie der Gerstensaft vom Zapfhahn ins Glas schoss und sich eine schneeweiße Schaumkrone bildete. Sie erinnert sich noch an die Zeit, als ihre Mutter im Krieg mit dem Fahrrad bis nach Frankfurt fuhr, um Bier zu beschaffen, damit die Gaststätte nicht schließen musste. „Das holte sie noch bei Herrn Binding persönlich“, ergänzt Lieselotte Hühne. Seit dem hat sich einiges geändert, doch vieles ist auch geblieben wie es war.

Heute helfen ihr die beiden Töchter Elke und Heidrun. Wenn OFC-Heimspiele anstehen, springen auch die drei Enkelkinder Harald, Rolf und Medina ein. Doch das Zepter führt die Wirtin noch selbst. „Über eine Nachfolge brauchen wir noch lange nicht nachzudenken“, sagt Tochter Heidrun lachend. „Dafür ist meine Mutter noch viel zu fit.“

Auch die Verbindung zu den Offenbacher Kickers gehört zu den Dingen, die über all die Jahre geblieben sind. Schon als die Großeltern das Gasthaus betrieben, kamen Fans und Vereinsmitglieder regelmäßig. „Wir haben immer mit den Kickers gebangt“, sagt Lieselotte Hühne. Daher weiß sie auch, wie sie die traurigen Fans nach einer Niederlage zumindest ein wenig trösten kann. Der selbstgemachte Hackbraten nach geheimer Familienrezeptur ist dafür ein beliebtes Mittel. „Den essen die Fans gern.“

Ein Familienausflug vor über 100 Jahren stellte die Weichen für das heutige Leben von Lieselotte Hühne. Hand in Hand schlenderten ihre Großeltern Caroline und Karl Rebel durch Bieber und erblicken den Baugrund an der Spitze der heutigen Aschaffenburger Straße. Was dem Paar besonders gefiel: Kein Wasser weit und breit, das in ihrem Zuhause in Fechenheim regelmäßig für Hochwasser-Schäden sorgte. „Hier auf´m Berg gibt es kein Hochwasser“, war sich Karl Rebel sicher und sein Entschluss zum Umzug stand fest.

Jahre später übernahm der Sohn, Lieselottes Vater, die Gaststätte seiner Eltern. Sogar mit 92 stand er noch hinter der Theke und zapfte Bier für seine Gäste. „Der älteste Wirt der Stadt“ titelte damals unsere Zeitung. Heute gehört die frisch gebackene 75-Jährige selbst wohl zu den ältesten ihrer Zunft.

Dass vieles im „Zum Bieberer Berg“ geblieben ist wie es schon immer war, ist Teil des Erfolgsrezepts. Die familiäre Atmosphäre gehört dazu. „Wir sind noch immer ein richtiger Familienbetrieb“, verraten Mutter und Tochter. An den Wänden über den gepolsterten Sitzecken hängen schwarz-weiße Familienfotos. So sind die Großeltern, die Eltern und ihr Mann, der vor zwei Jahren nach schwerer Krankheit verstarb, immer dabei. Über der dunklen Theke hängen blau-graue Bembel und unter der Decke im Gastraum eine rosa Leiter mit Deko-Äpfeln. Über den sorgfältig gedeckten Tischen baumeln schmiedeeiserne Lampen. Würde man es nicht besser wissen, könnte man meinen, die Zeit stehe still. Vieles hat Lieselotte Hühne bewahrt. Das Familienrezept für den Hackbraten, die guten Kontakte zur Brauerei, das enge Verhältnis zu den Kickers-Fans und ihre Jugendlichkeit.

Zu ihrem Ehrentag gratulieren die Töchter Heidrun und Elke mit Manfred und Rifa sowie die Enkelkinder Rolf, Medina und Harald mit Uli.

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