Hafen war zu kompliziert

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Demokratie hautnah erleben und erlernen: Für 75 Schüler der Rudolf-Koch-Schule fand der Unterricht gestern im Stadtverordnetensitzungssaal statt. Das Gymnasium beteiligt sich erstmals am Projekt „Jugend im Parlament“.

Offenbach ‐ Solchem Enthusiasmus begegnet Erik Lehmann auch nicht alle Tage. Kaum hat der Stadtverordnetenvorsteher die letzten Worte des ersten Punktes der Tagesordnung, es geht um Offenbach als Modellstadt für Elektromobiliät, verlesen, da stürmt der Vertreter der CDU schon auf ihn zu. Von Barbara Hoven

Beherzt greift Ismail Bellabrouj zum Mikrofon. Lehmann muss lachen. „Äh, wollten Sie jetzt zu mir?“, fragt er den jungen Mann. Sofort wird der sich seines Patzers bewusst, dreht ab und geht zurück zum Platz. Also nochmal alles auf Anfang. Lehmann verliest den Tagesordnungspunkt. Vergibt das Rederecht. Dann darf Ismail Bellabrouj endlich loslegen.

Die Startschwierigkeiten sind schnell vergessen, locker und souverän schlüpft der 18-Jährige in die Rolle des CDU-Politikers, bringt seinen Antrag und auch gleich ein paar gute Argumente vor. Das Parlament, das ihm aufmerksam zuhört, besteht aus 75 seiner Mitschüler. Viele von ihnen kann Ismail überzeugen. Selbst die Linke „unterstützt ausnahmsweise einen Antrag der CDU“. Und doch: Als es zur Abstimmung kommt, bleiben zu viele Finger unten. Der Antrag ist abgelehnt.

Abstimmungen im Plenum

Grämen muss Ismail Bellabrouj sich deshalb nicht, denn der Ausgang der Abstimmung ist so lehrreich wie folgenlos. Denn echt ist hier im Stadtverordnetensitzungssaal heute nur Erik Lehmann, der Stadtverordnetenvorsteher. Die Sitzung ist simuliert, ebenso das Plenum. Die Fraktionen bestehen aus Schülern des 11. Jahrgangs der Rudolf-Koch-Schule (RKS). Vor Originalkulisse erfahren die hautnah, was Kommunalpolitik bedeutet. Auf Initiative von Dr. Felix Schwenke, frisch gebackener SPD-Parteivorsitzender und zugleich Referendar des Gymnasiums, beteiligt sich die Schule erstmals am Projekt „Jugend im Parlament“.

Bevor die Schüler nächstes Jahr bei der Kommunalwahl ihr erstes Kreuz setzen, können sie so ein paar Tage lang in die Rolle von Stadtpolitikern schlüpfen. Den Höhepunkt erlebten sie gestern im Rathaus. Seit den frühen Morgenstunden wurde unter fachkundiger Anleitung echter Fraktionsvertreter in Fraktionssitzungen und Ausschüssen diskutiert, anschließend folgten die Abstimmungen im Plenum.

Welche der Tagesordnungspunkte, über die die echten Politiker am Donnerstagabend entscheiden, es auf die Tagesordnung der simulierten Sitzung schafften, hat nicht der Zufall entschieden. „Ich habe Themen ausgewählt, bei denen die Schüler besonders viel lernen können“, erklärt Schwenke. Natürlich wurden die Schüler bei der Auswahl mit einbezogen. „Die Hafenbebauung haben wir von der Liste gestrichen, das Thema war den Schülern zu kompliziert.“ Diskutiert wurde stattdessen neben der Einführung eines Bürgerhaushalts (Antrag angenommen) auch der Antrag von SPD, Grünen und FDP zur Teilnahme an der Initiative „Städte für das Leben - Städte gegen die Todesstrafe“. Bei dem Thema herrscht Einigkeit: Ismail Bellabrouj und die anderen finden die Todesstrafe böse, also finden sie den Antrag gut.

„Projekt ist guter Einstieg“

Ob sie allerdings auch die Magistratsvorlage gut finden sollen, das Konzept für die fünf Offenbacher Altentagesstätten kräftig umzukrempeln, das wissen einige nicht so recht. Also wird zunächst zögerlich argumentiert, am Ende folgt die Zustimmung.

Zustimmung kommt auch von Erik Lehmann, wenn es um „Jugend im Parlament“ geht. „Ich halte das Projekt für einen guten Einstieg, um Schüler an Kommunalpolitik heranzuführen“, so der Stadtverordnetenvorsteher. Ziel sei die eigene Meinungsbildung. „Was nützt es, in der Schule trocken über Politik zu sprechen? Hier, vor Ort, da bleibt wirklich was hängen.“

Bei der echten Parlamentssitzung am Donnerstag sitzen die Elftklässler erneut im Stadtverordnetensitzungssaal, das gehört verpflichtend mit zur Unterrichtseinheit. Diesmal dann von den Zuschauerrängen aus wird der Nachwuchs ab 17 Uhr beobachten, wie die Politiker diskutieren.

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