Hafenbebauung: Die Historie ignoriert

Sieht die Zukunft des Hafenviertels skeptisch: Gerhard Plath

Offenbach - In Offenbach hat er sich verdient gemacht um die Rettung des Rumpenheimer Schlosses. Der Bürgeler Bauingenieur Gerhard Plath nimmt an Ausgrabungen der minoischen Kultur teil, wird geschätzt als Spezialist für baukonstruktive Erkenntnisse.

Unlängst war er in ein Projekt des Archäologischen Instituts der Universität Heidelberg eingebunden – maritime Kultur der bronzezeitlichen Ägäis. Klar, dass er einen ganz anderen Blick aufs engagierte Hafenprojekt in Offenbach hat. Mit ihm sprach unser Redakteur Martin Kuhn.

Viele Städte werden automatisch im Zusammenhang mit ihrem Hafen genannt. In Offenbach „am Main“ ist es noch wenig geläufig. Dem alten Offenbacher Hafen fehlte es demnach an Bedeutung?

Hafenviertel waren schon immer die Schmuddelkinder der Städte – auch hier. Die bedeutende Rolle, die Offenbach im Zuge der Mainschifffahrt spielte, ist in Vergessenheit geraten. Ich erinnere an die Flößer, die die Spessarteiche bis nach Holland brachten, an die Kettenschiffe mit der „Maakuh“, die vor Offenbach Halt machten, und an die ersten Dampfschiffe, für die der Offenbacher Hafen die Endstation Main aufwärts war. Offenbach ist mit dem Begriff Lederstadt besetzt. Gegen diese Bedeutung konnte der Warenumschlag im Hafen nicht dagegen halten.

Gut, der Hafen war ein Umschlag- und Lagerplatz für Rohstoffe. Diese Nutzung führte sicher zu einer Vergiftung des Bodens. Was wird man nach Erfahrung eines alten Offenbachers dort noch finden?

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Ich kann mir nicht vorstellen, dass es in der Zeit zwischen 1902 und 1945 größere Bodenverunreinigungen gab. Damals wurde überwiegend Holz und Kohle umgeschlagen. Erst mit der Auffüllung der Hafeninsel mit Trümmerschutt aus dem Zweiten Weltkrieg dürfte die Bodenverseuchung begonnen haben. Damals wurden auch die Fliegerbomben nicht geborgen, die nun in einem Bodenkataster aufgelistet sind. Die eigentliche Verseuchung dürfte im Zusammenhang mit den Tanklagern und damit verbundenen Leckagen stattgefunden haben. Da dürfte das Schlimmste im Boden stecken, was man sich vorstellen kann. Die umfangreichen Bodengutachten listen diese Stoffe und Gefahrenstellen alle auf.

Die Pläne der Stadt malen eine rosige Zukunft fürs Hafenviertel...

Der gedankliche Ansatz, gut betuchte neue Steuerzahler nach Offenbach zu locken, ist ja in Ordnung. Nur die handwerkliche Aufarbeitung für ein solches Projekt begann schon mit den Lücken in der Grundlagenermittlung. Das soziale Umfeld und die Geschichte wurden ignoriert. Dabei hätten die Entwicklungskerne – ein Fachbegriff aus der Stadtplanung – Hellas, Hafen2, Hafenmeisterei und Portalkran erkannt werden müssen. Nur so lässt sich ein lebendiges Quartier erschließen. Mit der Tabula-rasa-Einstellung legt man sich die eigenen Bremsklötze vor die Füße.

Die Hochglanzbroschüre der Projektentwickler zeigt ein prosperierendes Viertel – sehr grün, sehr belebt. Wie sieht das der Architekt Plath? Teilt er diese Euphorie?

Ich sehe das wie ein Metzger: Habe ich eine gute Wurst zu verkaufen, dann benötige ich kein Fluoreszenzlicht, um die Wurst besser aussehen zu lassen. Wenn ich eine gute Ware für den Immobilienmarkt habe, dann brauche ich nicht die Kaiserleibrücke, die Frankfurter Lagerhallen und den Portalkran abzubrechen, wie es in den Panoramabildern dargestellt ist.

Während einer Podiumsdiskussion der SPD stellte Grete Steiner die Frage nach einer Verbindung des alten Nordends zum neuen Hafen. Ist dieser überhaupt möglich? Oder führt das neue Gebiet künftig ein eher isoliertes Dasein?

Das ist eine sehr gute Fragestellung, die schon weit früher hätte erörtert werden müssen. Beide Viertel werden durch den Nordring fast absolut getrennt. Eigentlich hätte man diesen unter die Erde legen sollen. Der Fluglärm ist das verbindende Leid und gleichzeitig das Trennende: Die einen können nicht weg, die anderen müssen nicht hin. Dem Nordend mangelt es an Platz für die Kinder und grünem Freiraum. Das Hafenviertel hat Platz für beides. Da könnte etwas Gemeinsames entstehen.

Eine persönliche Einschätzung: Spricht man in 20 Jahren von einer verpassten Chance für Offenbach? Oder wird man sagen, dem alten Nörgler Plath haben wir es aber gezeigt?

Na ja, das mit dem Nörgler tut schon weh. Aber ich kann es als gelernter Schreiner nicht leiden, wenn handwerklich unsauber gearbeitet wird. Diesen Anspruch stelle ich auch an wissenschaftliche Disziplinen. Und als alter Offenbacher sorge ich mich um meine Heimatstadt, um deren Wurzeln in der Geschichte und um unser Geld. Unser Offenbach wird diese Retortenstadt noch viel Geld kosten. Es steht schon genügend Büroraum auf dem Immobilienmarkt leer. Und an weitere Abschreibungsprojekte glaube ich nicht. Aber wir werden um ein Stück unserer Geschichte ärmer sein.

Ist da noch etwas zu korrigieren?

Kaum. Das Ding ist komplett geschnürt. Da gibt es kaum ein Zurück. Schade, schade, schade für Offenbach...

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