Im Hafen angebissen

Offenbach - Man muss nicht gleich die ganze Welt durch die Augen von Daniela Matha sehen. Beim Offenbacher Hafen zumindest wäre das aber hilfreich. Von Matthias Dahmer

Sieht doch die verantwortliche Planerin für das künftige Stadtviertel viel mehr als die Riesenbaustelle, als die sich die einstige Industriebrache derzeit dem unbedarften Beobachter präsentiert.

Matha, Geschäftsführerin unter anderem der für die Hafenbebauung zuständigen Mainviertel GmbH, hat das Aussehen des größten am Wasser gelegenen Entwicklungsareals in der Region so ziemlich genau im Kopf: Es ist - zusammengefasst - eine attraktive Mischung aus Wohnen und Arbeiten durchzogen von Grün und eingefasst von Fluss und Hafenbecken, die für zusätzlichen Erholungswert sorgen sollen. Doch noch sind das beim Betrachter zu weckende Visionen, als Daniela Matha an diesem kalten, sonnigen Januarmorgen durch den Hafen und dessen ersten Bauabschnitt führt.

Kulturtreff Hafen 2 im alten Lokschuppen

Die wohl verblüffendste Geschichte kann sie gleich zu Beginn erzählen. Es ist die vom als Zwischnutzung gedachten Kulturtreff Hafen 2 im alten Lokschuppen am Nordring, der sich zur regionweit beliebten Szene-Lokalität entwickelt hat und bald in einen Neubau im Hafen umziehen wird. Die Finanzierung des 830.000 Euro teuren Projekts, hinter der lange ein Fragezeichen stand, ist gesichert. Die Mainviertel GmbH steckt 500.000 Euro in die neue Kulturhalle, die über die Miete wieder reingeholt werden sollen, 330.000 Euro steuert der Verein Süßwasser bei, der den Hafen 2 betreibt. Die Summe - zahlbar in zwei Tranchen - haben die Betreiber fast ausschließlich durch Spenden zusammengebracht. Die erste Tranche über 275.000 Euro ging gestern an die Mainviertel, der Rest ist fällig wenn der Neubau steht. Das wird voraussichtlich im Sommer sein.

Der alte Lokschuppen weicht einer Grundschule, der Nordring wird begradigt.

Am Standort des alten Lokschuppens am Nordring ist eine Grundschule mit Kita geplant. Die Schule soll vor allem Kinder aus dem Nordend aufnehmen. „Die dortige Goetheschule läuft dramatisch über“, formuliert Schuldezernent Paul-Gerhard Weiß. Beleg sei schon allein der Umstand, dass es an der Goetheschule derzeit sieben erste Klassen gibt, 2014 würden es sogar neun sein. Bis dahin sollen neue Schule und Kita gebaut sein. Wenn der Regierungspräsident angesichts der klammen Offenbacher Kassen bei dem 28 Millionen-Projekt nicht noch den Daumen senkt. Weiß hofft, das bis Mitte des Jahres eine positive Entscheidung gefallen ist.

Nordring führt von der Carl-Ulrich-Brücke kerzengerade Richtung Frankfurt

Wenn der Lokschuppen verschwunden ist, erläutert Daniela Matha weiter, wird auch der Nordring angepackt. Der kleine Schlenker am Hafen 2 vorbei fällt weg, der Nordring führt dann von der Carl-Ulrich-Brücke kerzengerade Richtung Frankfurt. Damit es die Anwohner ein wenig ruhiger haben, entsteht auf rund einem Kilometer Länge eine Baumallee zwischen dem Ring und der bestehenden Bebauung.

Für den Standort am Nordring in Höhe der Ludwigstraße hat sich laut Matha auch die Hochschule für Gestaltung (HfG) entschieden. Ein ursprünglich angedachter Neubau der landeseigenen Einrichtung an der Hafenspitze sei kein Thema mehr, die HfG werde damit auch besser an die Stadt angebunden. In Wiesbaden wurde bislang zwar nur die Absicht des Umzugs bekundet, der nicht vor 2015 beginnen soll. Aber Matha ist sich sicher: „Ein Neubau ist die sinnvollste Option. Jetzt geht es nur noch um das Wie.“ Im Moment gebe es Abstimmungsgespräche mit dem Land, in etwa zwei Monate wisse man mehr.

Zukunft des Rudervereins Hellas

Abstimmung ist auch bei der die Zukunft des Rudervereins Hellas angesagt. Dessen Domizil steht in zentraler Lage der neuen Bebauung im Wege. Die Ruderer pochten bisher auf einen Vertrag, der ihnen noch für Jahre den Standort sichern würde. Doch Daniela Matha erkennt Bewegung in den festgefahrenen Verhandlungen. In den nächsten drei bis vier Wochen werde man Hellas konkrete Vorschläge für einen neuen Standort unterbreiten.

Freuen sich, dass es im Hafen vorangeht und zeigen die Ideen der Planer (von links): Daniela Matha, Geschäftsführerin der Mainviertel GmbH, Ulrich Lemke, Projektleiter für den Hafen, und Regina Preis, Pressesprecherin der Stadtwerke Offenbach Holding, zu der die Mainviertel GmbH gehört.

Sichtbare Erfolge bei der Vermarktung des Hafens gibt es bereits neben der Hellas entlang des Mains. Die Frankfurter Wohnungsbaugesellschaft, der erste Investor, der im Hafen angebissen hat, schachtet dort für 178 Mietwohnungen aus, die in drei achtgeschossigen Gebäude-Riegeln am Fluss entstehen. Das Bauvorhaben hatte kurz vor dem Aus gestanden, nachdem wegen Lärmschutzvorschriften klagende Firmen von der anderen Mainseite vor Gericht zunächst Recht bekommen hatten, man sich dann aber doch einigte. Neben den Wohngebäuden plant die ABG eine Car-Sharing-Station mit sechs Fahrzeugen, die ersten zwei sollen schon 2013 in Betrieb gehen, sagt Ulrich Lemke, der seit wenigen Monaten Daniela Matha unterstützt und den Hafen als Projektleiter unter seinen Fittichen hat.

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Unübersehbar auf dem Gelände sind die in Folge der Bautätigkeit sich auftürmenden Erdhügel. Sie führen zu der Frage, wie die Mainviertel GmbH mit den im Boden schlummernden Altlasten umgeht. Daniela Matha räumt ein: Zu Beginn der Erschließungsplanungen - mehr als zehn Jahre ist das schon her - war man ziemlich ratlos. „Hebt den Boden aus und stellt einen Zaun um das Gelände“, hätten Fachleute angesichts einer auf 100 Millionen Euro veranschlagten Sanierung geraten. 250 Einzelgutachten später fand man dann doch einen Dreh: Die Mainviertel hat die Grundwassersanierung fürs gesamte Areal übernommen, die im Erdreich liegen Altlasten werden erst bei den jeweiligen Bauvorhaben angepackt. Auch hier übernimmt die Mainviertel eventuell anfallende Kosten. Vor Überraschungen sei man zwar nie gefeit, doch bei den ABG-Wohnungen sei man unter den geschätzten Sanierungskosten geblieben, sagt Ulrich Lemke.

Kleiner Park zum Hafenbecken

Vom westlichen Ende der ABG-Gebäude führt - den Abschluss des ersten Bauabschnitts markierend - ein mit Grünflächen und Feuchtzonen durchzogener kleiner Park zum Hafenbecken. Über einen „Sonnenweg“ entlang der Nordseite des Beckens in östlicher Richtung gelangt man dann zum künftigen Mittelpunkt und Prunkstück des neuen Viertels: der breiten, zum Wasser hin sanft abfallenden Hafentreppe. Sie soll einladen zum Flanieren und Verweilen, und nicht zuletzt dazu, auch mal die Füße baumeln zu lassen.

Rechts vom Hafenplatz, der Vertrag mit einer kirchlichen Wohnungsbaugesellschaft ist schon so gut wie perfekt, entsteht ein weiteres mehrgeschossiges Wohnhaus. Hinzu sollen am Hafenplatz Restaurants und Geschäfte kommen. Ein mit Wohnungen überbautes kleines Einkaufszentrum am Nordring ist vertraglich seit kurzem unter Dach und Fach. „Mehr als 70 Prozent des ersten Bauabschnitts sind bereits vermarktet“, freut sich Planerin Matha.

Rubriklistenbild: © Georg

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