In gemütlichen Atmosphäre des Hafens 2

Spannende Neuerscheinungen abseits der Buchmesse

+
Eine Stunde lang hat Ulrike Almut Sandig aus ihrem „Buch gegen das Verschwinden“ gelesen.

Offenbach - Zum fünften Mal kamen Offenbacher in den Genuss des Bücherfestes Rhein-Main im Kulturzentrum Hafen2. Die 2009 gestartete Reihe mit Lesungen findet parallel zur Frankfurter Buchmesse statt und hat sich längst etabliert. Von Claus Wolfschlag 

„Wir haben keinen inhaltlichen Schwerpunkt gewählt, aber versucht, die Autoren harmonisch aufeinander abzustimmen“, sagt Britt Baumann. Mit Beratung durch Björn Jager vom Hessischen Literaturforum hat das Kulturamt die Autorenauswahl getroffen. Mit zeitlicher Reduzierung: „Es hat sich herausgestellt, dass der Samstag Abend und der Sonntag Nachmittag den Publikumswünschen entgegen kommen“, so Baumann.

50 Zuhörer, davon drei Viertel Frauen, fanden sich also am Samstag ein, um der Auftaktlesung Ulrike Almut Sandigs zu lauschen. Die aus Sachsen stammende und nun in Berlin lebende Pfarrerstochter startete als Einführung mit zwei Gedichten. Im ersten ließ sie den neuseeländischen Vogel Tui, bekannt durch seinen gespaltenen Kehlkopf, singen: „Alles muss ich zweimal sagen, alles muss ich zweimal tun…“ Ihre zwei Vornamen begründe ihr Interesse an Doppelungen, so Sandig. Im zweiten Gedicht setzte sie die „aktuelle Völkerwanderung“ in Verbindung zu Grimmschen Märchenmotiven. Im „Märchen vom Schlaraffenland“ präsentierte sie unter anderem den bei der „Antifa“-Bewegung aktiven Jenaer Pfarrer Lothar König als Altruist, dessen Motiv darin liege, Demonstranten vor der Polizei zu beschützen. So wandelt Literatur eben nicht nur Realität in Fiktion, sondern dient bisweilen auch dazu, Mythen zu erzeugen.

Nach dem Ausflug in die Lyrik las Sandig aus ihrer zweiten Prosa-Veröffentlichung „Buch gegen das Verschwinden“. Dem aus mehreren kurzen Geschichten mit unterschiedlichen Helden bestehenden Buch entnahm sie ein Kapitel über einen nicht konfliktlosen Urlaub. Ein Vater reist mit seinem Sohn und der neuen Freundin im Wohnmobil durchs Land. Unterwegs begegnen sie in einem Safari-Park einer wilden Affenhorde, bis sie schließlich die Ostsee erreichen. Ihr Buch sei aus der Angst heraus geschrieben, bekannte Sandig. Bei ihr sei die Angst vor dem Verschwinden der eigenen Person präsent, „das Störrische, damit alles so bleibt, wie es ist“.

Den zweiten Teil gestaltete die Niederösterreicherin Cornelia Travnicek. Die 1987 in St. Pölten geborene Jungautorin las aus ihrem Roman „Junge Hunde“, sechs Tage zuvor bei der Deutschen Verlags-Anstalt erschienen. Travnicek erklärte im Vorfeld, nicht die ersten Seiten ihrer Geschichte oder ein ganzes Kapitel herunterlesen zu wollen, sondern ihr Buch in Form eines Kinotrailers vorzustellen. Verschiedene Szenen von Anfang und Ende des Romans wurden so in Kurzform neben- und gegeneinander gestellt.

Fakten zur Buchmesse 2016 in Frankfurt

Er handelt von den Jugendfreunden Johanna und Ernst. Ernst, das Adoptivkind aus der Nachbarschaft, beschließt irgendwann seine Wurzeln in China zu suchen. So springt das Geschehen zwischen dieser Reise und den Schilderungen des österreichischen Landlebens hin und her. Auf Verständigungsprobleme mit einem chinesischen Taxifahrer, folgt die Beschreibung der staubigen, vom Mais geprägten Landschaft Österreichs. Einer Begegnung mit dem alten Pekinesen-Halter Herr Glantz stellt Travnicek die begrenzten Tee-Kenntnisse von Johannas Vaters gegenüber: er trinkt Tee stets nur mit Rum oder Honig.

Die Reise der Romanfigur Ernst nach China hat engeren Bezug zur Autorin. „Ich interessierte mich schon als Kind für Kung Fu-Filme, dann für chinesische Philosophie“, erläuterte sie. Schließlich studierte sie Sinologie. Travnicek hält viele Lesungen, auch an Schulen, doch nach Offenbach hatte es sie bislang noch nicht verschlagen: „Es gefällt mir hier. Ich bin aber erstmals bei der Herbstmesse in Frankfurt. Sonst war ich immer nur im Frühjahr in Leipzig.“

Lediglich auf der Hinfahrt ergaben sich Probleme, weil der Taxifahrer die Lokalität nicht fand. Travnicek musste ihn via Smartphone zum „Hafen2“ lotsen. „Ach hier finden Lesungen statt? Da feiern doch sonst nur die Ökos“, habe er am Ziel geantwortet. So viel zu Verständigungsproblemen mit Taxifahrern...

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare