Mit geschärftem Blick unterwegs

Auf der Suche nach versteckten Motiven im Hafengebiet

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Die Volkshochschulgruppe war mit dem Fotografen und Dozenten Peter Giefer mit aufmerksamem Blick im Hafengebiet unterwegs.

Offenbach - Im Norden Offenbachs wächst gerade ein Wohnviertel für 1000 Menschen. Noch sind Hafen-Strukturen zu erkennen, aber die alten Gebäude und die Übergangslösungen, wie der Hafengarten, müssen modernen Gebäuden weichen. Von Rebecca Röhrich

Schicke neue Häuserfassaden strecken sich auf der Hafeninsel in den blauen Himmel, auf dem Wasser im Hafenbecken glitzern die Sonnenstrahlen. Daneben: halbfertige, nackte Betonwände, hinter Bauzäunen Berge von Schutt. Pflanzen strecken sich durch die dünnen Metallstreben der Zäune; Bagger stehen dahinter, in Bewegung erstarrt. Der Offenbacher Hafen ist eine riesige Baustelle. Dort, wo die Baumaschinen dem Alten noch nicht zu Leibe gerückt sind, erobert sich die Natur ihren Platz zurück. Das Ergebnis: Auf dem 30 Hektar großen Gebiet ist ein eigentümliches Spannungsverhältnis zwischen Alt und Neu entstanden. Der perfekte Ort also für einen Spaziergang mit dem Fotoapparat.

Wir sind sieben, die an einer von der Volkshochschule angebotenen Fototour teilnehmen. Das Wetter passt, und Dozent Peter Giefer macht schnell klar: Jedes Foto ist eine Entscheidung. „Die Frage ist immer: Wie möchten wir etwas darstellen?“, erklärt er, während wir im Halbkreis um ihn herum stehen. Ich schaue mich um. Die fertigen Gebäude vor blauem Himmel bieten sich an. Sie springen einem förmlich als Motiv entgegen. Schnell habe ich eine Perspektive gefunden. Das Ergebnis sieht aus wie eine Grafik – schön, aber irgendwie unecht. Was versteckt sich hinter den Mauern?

Auch einige der Teilnehmer haben gemischte Gefühle. „Ich fürchte, das wird hier ein Solitaire-Club“, sagt ein Herr mittleren Alters, während sein Blick die Hafenstraße entlang streift. Dort sind ein paar Wohnungen bereits bezogen. Aber an diesem Sonntagmittag zeugen davon nur die aufgespannten Sonnenschirme auf vereinzelten Balkonen. Niemand ist auf der Straße. Andere freuen sich, dass Wohnungen für Besserverdienende entstehen. „Die hat die Stadt bitter nötig“, ist immer wieder zu hören. „Das hat nichts mit Offenbach zu tun“, empört sich dagegen eine andere Teilnehmerin. Die Gruppe ist gespalten. Wie auch die Bürger der Stadt.

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Allgemeine Empörung bei allen löst das Parkhaus an der Carl-Ulrich-Brücke aus. „Was haben die sich dabei bloß gedacht?“, ärgert sich Giefer. So etwas Hässliches in solch prädestinierter Lage sei schwer begreiflich. Trotzdem möchte ich das Gebäude, das aussieht wie ein riesiges Steckregal aus dem Baumarkt, in einem Foto festhalten. Damit bin ich relativ allein. Meine Mitfotografen meiden dieses Motiv. Kann ich verstehen.

Antje Eisel ist vermutlich die Einzige aus der Truppe, die unvoreingenommen durch die halbfertigen Straßen schreitet. Sie lebt seit 20 Jahren in Rodgau und kommt eigentlich nie nach Offenbach. „Zum Einkaufen fahre ich nach Darmstadt oder Frankfurt“, erzählt sie. Den Termin für den Fotospaziergang hat sie aus der Zeitung. „Ich dachte, das wäre mal eine gute Gelegenheit, die Stadt ein wenig kennenzulernen“, erzählt sie. In ihren Händen hält sie ihre Nikon. Ihre Augen suchen nach Motiven in der für sie fremden Umgebung.

Neugestaltung am ehemaligen Hafen

Wer im wortwörtlichen Sinne hinter die Fassaden schauen möchte, muss seinen Blick verändern, an dem Offensichtlichen vorbeischauen. Das funktioniert ein bisschen wie bei der Kamera. Ich verstelle meinen Wahrnehmungsfokus, schaue in die Ecken, setze mich auf den Boden, richte den Blick nach oben, schaue unter die Dachgiebel. Und siehe da! Plötzlich sind andere Dinge scharf gestellt. Im alten Waggon am Hafenbecken stehen kleine Bembel im Fenster. Ein seltsamer Anblick. Wo werden sie stehen, wenn der Waggon den Neubauten weichen muss? Auf dem Plexiglas darüber hat jemand eine Zeichnung hinterlassen, die wie ein Auge aussieht. An der alten Hafenmeisterei ist die Beschriftung des Stadtwerke-Schilds nur noch schemenhaft zu erkennen. In Kombination mit dem Gerippe des Straßenschilds darunter symbolisiert dieses Motiv die Vergänglichkeit, die diesem Ort umgibt.

Viele technische Tipps und Tricks gibt es nicht von Dozent Giefer. Dafür umso mehr Informationen zu allem, was den Weg säumt. Er erzählt, wo das Veranstaltungsgelände Hafen 2 früher war, dass dort, wo der Waggon mit den Bembeln steht, bald die Hafenschule aus dem Boden wachsen wird. Denn, das wird am Ende des Ganges klar, der Kontext macht das Bild. Dies gilt sowohl für einen Ausflug mit Kamera als auch für die Entstehung neuer Wohnviertel.

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