Umwandlung des Hafens

Vielleicht sogar um die Null

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Auch mit dem gerade in die Höhe wachsenden „Hafengold“ versilbert die Stadt ihren Hafen. Flächen in 1a-Wasserlage nah an Frankfurt sind begehrt.

Offenbach - Immer wieder in der Diskussion: Wie rechnet sich die Umwandlung des Hafens in ein neues Stadtviertel. Aufgrund einer guten Marktlage muss wohl weniger draufgelegt werden als angenommen. Von Thomas Kirstein 

Stadtwerke-Geschäftsführer Peter Walther hat bei der jüngsten Bilanzpressekonferenz seiner Unternehmensgruppe ein Wort gebraucht, das Kritiker hellhörig machte: Ein „Drauflegegeschäft“ sei, auch wenn sich die Entwicklung als besser denn je abzeichne, nach wie vor der Hafen. In einer Stadt wie Offenbach muss es reizen, wenn der Eindruck entsteht, für das Verwerten von Tafelsilber müsse noch etwas dazu gelegt werden. Der Architekt und Denkmalschützer Gerhard Plath gehört zu jenen, die argwöhnisch beobachten, welchem Wandel der ehemalige Industriehafen aufgrund von stadtpolitischen Entscheidungen unterworfen ist.

Seine These, die er jetzt bestätigt sieht: „Es wird mehr Geld ausgegeben, als eingenommen wird – mit jedem verkauften Quadratmeter wird die Schuldenlast höher.“ Filetgrundstücke, die mit 400 Euro/Quadratmeter die Sanierungskosten gebracht hätten, seien weg; jetzt gebe es nur noch Gewerbeflächen für nicht deckende 200 Euro.

Die Sanierungskosten errechnet er auf Basis der ihm vorliegenden Angabe eines Ingenieurbüros, das 100 Millionen Euro veranschlagt habe; dazu kämen noch die Erschließungskosten von 61 Millionen Euro.

Stadtwerke können Rechnungen nicht nachvollziehen

Bei der Stadtwerke-Holding kann man solche Rechnungen nicht nachvollziehen. „So vereinfachen kann man das nicht, da sind unterschiedliche Quellen miteinander in Zusammenhang gesetzt worden“, sagt Sprecherin Regina Preis. Sie relativiert sogar das „Drauflegegeschäft“ ihres Chefs. Peter Walther hatte angedeutet, ein einmal zweistellig geschätzter Minusbetrag könne sich dank der gegenwärtig hervorragenden Verkaufslage bei den Grundstücken auf Einstelligkeit vermindern. Preis darf noch optimistischer werden, auch wenn erst nach dem Verkauf des letzten Grundstücks eine belastbare Bilanz gezogen werde könne: Etwas zwischen einem kleinen Minus und einem kleinen Plus könne drin sein. Doch sei es nie um Kostendeckung oder gar Profit gegangen.

Wo Altlasten herstammen, zeigt ein Luftbild aus den 70er Jahren: Damals war der Hafen voll mit Öl-Hochbehältern.

Nachdem der Offenbacher Industriehafen seit den 90er Jahren nach und nach seine eigentliche Funktion verlor, wurde die Entscheidung getroffen, das 25 Hektar große Areal zu einem neuen Stadtteil mit Wohnen und Gewerbe zu verwandeln – gegen den Widerstand der CDU, die sich dort Industrie und Gewerbe wünschte. Um die Jahrtausendwende waren dort noch einige Ölfirmen angesiedelt, die weichen mussten und, falls greifbar, finanziell an der Bodensanierung beteiligt wurden.

Der große Rest dieser Kosten bleibt aber an der Stadt und ihrer Enkelin, der extra für den Hafen gegründeten Mainviertel GmbH, hängen. „Wir haben als Grundstückseigentümerin die Verpflichtung zur Sanierung des verseuchten Erdreichs“, erklärt Preis.

Hafen in Offenbach: Kein typisches Neubaugebiet

Als in den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts das Projekt politisch vorangetrieben wurde, war indes kein Thema, dass die Versilberung dieses städtischen Bodens einen satten Zuschuss erfordern könnte. Das wurde erst später öffentlich gehandelt.

Regina Preis hat die derzeit gültigen Schätzungen: Auf 80 Millionen Euro soll sich die städtische Vorleistung belaufen. 60 Millionen davon sind nötig, um das Areal zu erschließen und die öffentlichen Flächen wie Straßen, den Molenpark, Grün und Brücken herzustellen. 20 Millionen könnte die Beseitigung der vorrangig von Ölrückständen vergifteten Erde verschlingen.

Das passiert jedoch nicht auf einen Schlag, weswegen verlässlichere Schätzungen der Endsumme schwierig sind. Es geht vielmehr Zug um Zug. Wo gebaut wird, wird der verdreckte Boden abgetragen. Vorteil laut der Stadtwerke-Sprecherin: Man erkennt, was wirklich gemacht werden muss, und kann die bestehende Bau-Infrastruktur nutzen.

Fest zur Eröffnung der Hafentreppe (2013)

Fest zur Eröffnung der Hafentreppe

Drei Bauabschnitte sind geplant. Die Frankfurter ABG machte im ersten den Anfang mit den 178 Wohnungen ihrer „Mainzeile“. Der Riegel dient auch als Schallschutz, der rechtliche Einwände von Gewerbebetrieben im Frankfurter Osthafen entkräftete. Für die Wohngrundstücke im zweiten Bauabschnitt sind schneller als erträumt Investoren gefunden; der dritte soll bis 2020 vermarktet und bebaut sein.

Der französische Baustoffkonzern St. Gobain baut momentan seine Deutschlandzentrale im Hafen. Für das aus Einzelhandel und Wohnen bestehende „Quartierszentrum“ des Frankfurter Investors Andreas Lyson wird gerade am Nordring ausgehoben.

Über die von der Stadt erzielten Quadratmeterpreise gibt es keine offiziellen Angaben. Ableitungen, wie sie Gerhard Plath wagt, seien zudem nicht möglich, sagt Regina Preis: Maßgeblich seien nicht Quadratmeter, sondern die Bruttogeschossfläche – in der Regel wird der Boden umso teurer, je mehr in die Höhe gebaut werden darf. Weswegen niemand eine Gegenrechnung zu dem Architekten auf dessen Basis aufstellen will.

Für die Stadt muss laut Regina Preis ohnehin auch zählen, dass sich im Zuge eines Entwicklungsprojekts eine Industriebrache in ein komplett neues Stadtviertel voller potenzieller Einkommen- und Gewerbesteuerzahler verwandelt.

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